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Handball-Nationalmannschaft : Wie die Reise nach Jerusalem

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Die Qual der Wahl: Heiner Brand steht vor schwierigen Entscheidungen Bild: dpa

Bundestrainer Heiner Brand hat sich noch nie so schwergetan mit der endgültigen Zusammenstellung seines Teams wie vor dieser Handball-WM. Er hat mehrfach die Qual der Wahl: Schlägt Form die Erfahrung? Zählen Titel statt Testspiele?

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          Wenn sich Heiner Brand an einem der nächsten Tage zum „Privatgespräch unter vier Augen“ ankündigt, wird der Angesprochene sofort wissen, was das bedeutet: Ein paar erläuternde Sätze des Bundestrainers, keine Gegenfragen, und zurück bleiben ein Enttäuschter und ein Unverstandener. „Diejenigen, die ich aus dem Kader streichen musste, waren nie aufgeschlossen für meine Argumente“, sagt Brand mit einem Anflug von Ironie, „deswegen werden das auch keine langen Gespräche.“ Noch nie hat sich der Handball-Bundestrainer so schwergetan mit der endgültigen Zusammenstellung seiner Mannschaft für eine Großveranstaltung wie in diesen Tagen.

          Am nächsten Freitag spielt die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) in ihrer Auftaktpartie der Weltmeisterschaft in Schweden gegen Ägypten. Noch stehen 19 Profis in Brands Team. Drei muss er zuhause lassen. Fast immer stellte sich die Mannschaft in den vergangenen Jahren von selbst auf, weil es so viele Verletzte gab – die Streichkandidaten waren keine Überraschung und konnten sich schon Tage vor dem jeweiligen Turnier daran gewöhnen, wohl nicht dabei zu sein.

          Am Dienstag sagte Brand im Trainingslager im schleswig-holsteinischen Ort Ahrensburg: „Es ist schwieriger als sonst. Ich glaube, zuletzt hatten wir einen solchen Zustand ohne Verletzte 2002. Es sind immer Millimeterentscheidungen. Angenehm ist es für mich nie.“

          Überraschungsmann: Sven-Sören Christophersen von den Füchsen Berlin

          Dreimal wird in Ahrensburg trainiert, danach fliegt die DHB-Auswahl nach Island zu zwei abschließenden Testspielen am Freitag und am Samstag – doch die lange Reise in den Norden will Brand den Wackelkandidaten schon ersparen. „Wir werden mit 17 Spielern nach Island fliegen, darunter alle drei Torhüter“, sagt Brand.

          Wackelkandidat Klein

          Ein Überangebot an Profis besteht vor allem auf Linksaußen. Hier kämpfen der Hamburger Torsten Jansen, der Kieler Dominik Klein und Uwe Gensheimer von den Rhein-Neckar Löwen um zwei Plätze. Die schlechtesten Karten dürfte derzeit Klein haben: Jansen gilt als Führungsspieler, war eine der großen Stützen beim WM-Triumph 2007 und ist der beste Abwehrspieler des Trios.

          Gensheimer spielte eine starke Bundesliga-Hinrunde und ist der effektivste Angreifer. Klein kann hinten und vorne gut spielen, läuft seiner Form der Jahre 2007 und 2008 aber hinterher. Natürlich gehen alle drei davon aus, mit nach Schweden zu reisen. Brand indes hat schon verdeutlicht, dass er auf jeden Fall nur zwei Linksaußen mitnehmen werde.

          Anders als bei der Lage auf dem Flügel sieht es im rechten Rückraum aus. Nur vier Wochen nach seiner Operation am Knie trainiert der Lemgoer Holger Glandorf in Ahrensburg schon wieder mit. Brand setzt auf ihn und seine Wurfstärke, was wiederum ein schlechtes Signal für Steffen Weinhold ist: Der spielintelligente Großwallstädter, am Montag beim 28:23-Testspielsieg in Hamburg gegen Schweden einer der besten Deutschen, dürfte die WM vor dem Fernseher erleben, sollte Glandorf die abschließenden Härtetests auf Island bestehen. Als gesetzter Mann hinter Glandorf gilt Adrian Pfahl vom VfL Gummersbach.

          Brands Nibelungentreue

          Bis zum Tag des ersten Spiels in Schweden muss der Bundestrainer noch einen weiteren Spieler streichen, nur 16 Nominierte sind erlaubt. Sollte er, wie zu erwarten ist, alle drei Keeper mitnehmen (Bitter, Heinevetter, Lichtlein), hätte er die Qual der Wahl im linken Rückraum – dort hoffen Kapitän Pascal Hens, Lars Kaufmann und Sven-Sören Christophersen auf die Fahrkarte nach Schweden. Auch auf dieser Position gibt es Argumente für jeden einzelnen: bei Christophersen vom Überraschungsteam aus Berlin die aktuelle Form, beim Göppinger Kaufmann die Wurfkraft, bei Hens vom HSV Hamburg die Erfahrung. Da Brand ein Mann mit Nibelungentreue ist und die Helden von 2007 nach wie vor einen Bonus besitzen, könnte Christophersen der letzte Überzählige sein.

          Hens sagt: „Ich glaube nicht, dass der Bundestrainer seinen Kapitän zuhause lässt.“ Brand selbst will sich bis zum letzten Moment alle Möglichkeiten offenhalten und erst am Morgen des Spieltags entscheiden, was er macht. Und selbst dann gehen die Überlegungen des Bundestrainers noch weiter: Er darf im Verlauf des Turniers zwei Spieler austauschen, also etwa einen Verletzen heimschicken und einen Gesunden dafür holen.

          Gleichgültig, wer dann am 14. Januar um 18.15 Uhr in Lund für Deutschland gegen Ägypten antritt – er wird hellwach sein müssen. Eine Niederlage gegen den Zweiten der Afrikameisterschaft würde den Weg in die Hauptrunde fast sicher verbauen, denn in Frankreich und Spanien hat die DHB-Auswahl zudem zwei Schwergewichte zugelost bekommen. „Jedes Spiel ist für uns ein Endspiel“, sagt Brand. Und fügt mit der bekannten Portion Humor an: „Wenn es gut läuft, ist viel möglich. Wenn es schlecht läuft, auch.“

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