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Handball-Nationalmannschaft : Nichts im Griff

Nationaltrainer Heiner Brand: Noch der Richtige? Bild: dpa

Deutschland hat die stärkste Liga der Welt. Aber das hat Tücken. Nach dem WM-Debakel steht der Handball vor einer der härtesten Herausforderungen seit langem. Mit oder ohne Bundestrainer Brand?

          3 Min.

          Die Angelegenheit soll schnell geregelt werden, an diesem Montag bereits wird sich die Spitze des Deutschen Handball-Bundes (DHB) mit dem Desaster von Schweden beschäftigen. Und mit der Zukunft von Heiner Brand, der zermürbende Tage bei der Weltmeisterschaft erlebt hatte. Brand berät sich mit DHB-Chef Ulrich Strombach und Vizepräsident Horst Bredemeier, die seit langem enge Gefährten von ihm sind.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Beide stellen Brand, trotz des Absturzes der deutschen Nationalmannschaft, nicht in Frage, der Gummersbacher ist somit - in eigener Sache - ein Alleinentscheider. Angeblich fasste er bereits einen Entschluss, wie es weitergehen soll - ohnehin drängt die Zeit ja, im März ist sein Team bereits wieder in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 gefordert, wo der Weg zu den Olympischen Spielen 2012 in London doch noch geebnet werden könnte.

          „Absoluter Humbug“

          Fernab vom Finale in Malmö, wo Frankreich gegen Dänemark seinen Titel verteidigte, versucht der deutsche Handball also, sein Morgen zu gestalten. Es dürfte eine der härtesten Herausforderungen seit langem für ihn sein. Schließlich wird schon die Frage, wer Brand im Fall des Falles ersetzen könnte, kontrovers diskutiert. Der Gummersbacher selbst, dessen Vertrag 2013 endet, hatte bereits Markus Baur und Christian Schwarzer, beide Weltmeister von 2007, als mögliche Kandidaten genannt. Er hatte mit ihnen einst vertrauensvoll kooperiert; Schwarzer ist zudem bereits beim DHB als Jugendkoordinator beschäftigt. Erhard Wunderlich, frühere deutsche Handball-Größe, hält es allerdings für „absoluten Humbug“, einen Mann wie Schwarzer in Position zu bringen.

          Karol Bielecki aus Polen (mitte): Der Trend geht zu internationalen Stars

          Einerseits, kritisiert Wunderlich, habe er noch zu wenig Erfahrung, zum anderen findet Wunderlich: „Man müsste sich auf jemanden einigen, der nichts mit dem Dunstkreis Brands zu tun hat.“ Er wünschte sich, sollte Brand tatsächlich sein Amt vorzeitig niederlegen, eine „andere Handschrift“ im Nationalteam. Dass es in Brands Handball-Gemeinschaft zuletzt an Ordnung, an Struktur gefehlt hatte, dass es Spielern wie Pascal Hens oder Michael Kraus an Inspiration mangelte, will Wunderlich jedoch nicht unbedingt Brand ankreiden. „Es ist nicht seine Aufgabe, die Spieler permanent zu verbessern, die Vereinstrainer müssen mithelfen.“ Er sieht darin offensichtlich beträchtliche Defizite. Wunderlich, der - wie nun Hens - auf der „Königsposition“ im linken Rückraum eingesetzt worden war, behauptet sogar: „Ich hatte ein wesentlich größeres Repertoire als alle meine Nachfolger.“ Diese Aussage mutet wie eine Ohrfeige für die Spielergeneration von heute an, über die Wunderlich aber auch sagt: „Sie haben alle noch Ressourcen.“

          „Man kann das Rad nicht zurückdrehen“

          In der Liga wird - teilweise zumindest - die immer wiederkehrende Forderung Brands nach einer „deutschen Quote“, nach besseren Perspektiven für deutsche Talente differenziert beurteilt. Brand nennt dabei als leuchtendes Beispiel den Fußball und dessen „Jugend-Philosophie“, er sagt, dass er seinen Kollegen Joachim Löw deswegen ein wenig beneide. Manchem erscheint es aber zu einfach, den schleichenden Abstieg der Deutschen im Handball allein mit dem Nachwuchsproblem zu begründen. Man müsse ja auch erst mal, sagt Gerd Hofele, der Geschäftsführer von Frisch Auf Göppingen, seine Hausaufgaben machen - seine Bemerkung bezieht sich auf die taktische Disziplin des deutschen Teams. Dass die Dinge klar abgesprochen worden wären, sagt Hofele, habe er bei der WM nicht immer erkennen können; da sehe er bei Velimir Petkovic, dem Göppinger Coach, „ganz andere Sachen“.

          Das deutsche Element in der Bundesliga zu stärken, scheinen die Klubs dennoch für unabdingbar zu halten. „Wir alle müssen mehr machen“, sagt Thorsten Storm, der Manager der Rhein-Neckar Löwen. Er will jedoch auch nicht verhehlen, dass bei dem Erfolgsdruck in der Bundesliga oder in der Champions League die Tendenz immer noch zu internationalen Stars gehe. Storm fragt: „Wenn Sie auf meinem Platz sitzen würden und die Wahl zwischen Karol Bielecki und Sven-Sören Christophersen hätten, wen würden Sie nehmen?“ Für ihn ist das überhaupt keine Frage: Er setzt auf den Polen. Und überhaupt: Die Bundesliga locke inzwischen die besten Spieler der Welt, „man kann das Rad nicht zurückdrehen, das Niveau nicht künstlich reduzieren“.

          Ein ganz anderer Sport

          Storm nimmt auch den DHB in die Pflicht, der Verband müsse sich ebenfalls um eine bessere Förderung der jungen Deutschen kümmern, nicht zuletzt in Sachen Physis. Wenn ein Juniorenspieler in den Männerbereich wechsle, „kriegt er erst mal eine Vollklatsche“. Das sei, betont Storm, ein ganz anderer Sport. Storm klagt, dass es zwischen dem DHB und der Bundesliga aber gar keine Kommunikation gebe. „Bisher hat uns der DHB nicht mitgenommen. Die Liga benötigt mehr Mitspracherecht am Nationalteam.“ Auch Wunderlich verlangt mehr Bewegung im Verband: „In der Ära dieser Herrschaften hat sich nicht sehr viel getan.“ Jetzt bekomme man die Rechnung für die Versäumnisse der vergangenen zehn Jahre.

          Dem Göppinger Hofele schwant nun, dass die Liga nach dem Debakel von Schweden zunächst einen gewissen Verlust an Attraktivität erleiden werde, „es wird auf alle Fälle Auswirkungen geben“. Obwohl doch auch in Deutschland Weltmeister zu feiern sein werden, in Hamburg oder Kiel etwa oder in Flensburg, wo Franzosen und Dänen ihr Geld verdienen. Es ist ja doch die stärkste, die reizvollste Liga der Welt. Für den deutschen Handball hat das aber auch seine Tücken.

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