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Bundestrainer Brand im Gespräch : „Es gibt zu viele Stinkstiefel im deutschen Handball“

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„Ich muss mich nicht mehr beweisen”: Heiner Brand Bild: (c) AP

Nach einer durchwachsenen Vorrunde ist die deutsche Handball-Nationalmannschaft nach dem Sieg gegen Island bei der WM wieder mitten im Geschehen. Bundestrainer Brand über Kritik von seiner Frau, klare Worte in der Mannschaft und seine Enttäuschung über die Bundesligaklubs.

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          Haben Sie manchmal ein bisschen Angst vor Ihrer Mannschaft?

          Nein, Angst nicht, aber aus den Erfahrungen der Vergangenheit war immer eine Unsicherheit vor den Spielen da, weil man die kommende Leistung schwer einschätzen konnte.

          Ihr Team ist ja tatsächlich sehr unberechenbar, wie sich auch bei der Weltmeisterschaft in Schweden zeigt.

          Es ist noch nicht hundertprozentig gefestigt, aber ich hoffe, dass es jetzt eine gewisse Sicherheit findet. Länderspiele unter großem Druck sind für viele Spieler schließlich neu.

          „Die Mannschaft ist sehr willig”: Szene aus dem Spiel gegen Island
          „Die Mannschaft ist sehr willig”: Szene aus dem Spiel gegen Island : Bild: AFP

          Wie ist es zu erklären, dass nach den Schwächen in den vergangenen Tagen sich plötzlich sogar spielerischer Glanz offenbart – und der Olympia-Zweite Island 27:24 geschlagen wird?

          Ich denke, dieser Wandel hat nach der desolaten zweiten Halbzeit gegen Frankreich in der Vorrunde stattgefunden. In der Mannschaft sind ein paar klare Worte gewechselt worden, ich habe ebenfalls meine Unzufriedenheit ausgedrückt. Gegen Tunesien hatte man dann schon ein ganz anderes Deutschland gesehen, mit sehr viel Laufbereitschaft und Spielfreude. Das war die Grundlage für die Leistung gegen Island. Die Leute haben kapiert, dass mit mehr Bewegung und mit schnelleren Pässen die individuellen Fähigkeiten der Einzelnen besser zum Tragen kommen. Es war ein toller Fight, das Spiel ging bis an die Grenzen.

          War das am Samstag in Jönköping auch ein gelungener Charaktertest?

          Ich hatte am Charakter der Mannschaft eigentlich nie gezweifelt. Sie ist ja sehr willig, ihr hatte nur ein Erfolgserlebnis in einem wichtigen Spiel gefehlt. Wenn diese Mannschaft zusammenbleibt, wird sich in absehbarer Zeit auch generell der Erfolg einstellen.

          Auf die Torhüter war zuletzt immer Verlass, gegen Island war Silvio Heinevetter ein großer Rückhalt. Woher wissen Sie immer so genau, wann Sie ihn oder Johannes Bitter aufstellen müssen?

          Das hat sicherlich mit einer gehörigen Portion Glück zu tun. Aber ich wusste ja, dass sie in einer sehr guten Form sind. Gut, dann trifft man beim ersten Mal eine Bauchentscheidung. Aber man weiß genau, dass der andere Torhüter schon seinem Einsatz entgegenfiebert, wenn derjenige, der gespielt hat, nach einer großen Belastung eine Pause bekommt. Die Situation ist für beide gut, sie stehen nicht unter Dauerdruck. Heinevetter und Bitter haben bis jetzt überragende Leistungen gebracht.

          Sie hatten am Samstag auch wieder Spaß am Handball. Vorher schien es, als würde diese WM Ihnen stärker zusetzen als andere große Turniere davor.

          Das ist auch so, ich war schon vor der WM wesentlich angespannter als in früheren Zeiten. Ich war mir darüber im Klaren, dass schon die Vorrunde ein großer Test für uns sein würde. Dazu kam die Entscheidung, Torsten Jansen nicht mitzunehmen, und es hatte ja Kommentare dazu gegeben von Außenstehenden, die offensichtlich nur darauf warten, eine Schwachstelle bei mir oder der Mannschaft zu finden. Das sind schon Dinge, die belasten.

          Spekulieren Sie vor den letzten beiden Hauptrundenspielen an diesem Montag gegen Ungarn und am Dienstag gegen Norwegen noch auf das Halbfinale?

          Ich mache mir darüber wirklich keine Gedanken.

          Es bleibt also bei Platz sieben als Minimalziel, um ein Olympia-Qualifikationsturnier zu erreichen?

          Wenn wir das schaffen würden, wäre das sicherlich zufriedenstellend.

          Vor kurzem noch waren Sie von Teilen der Öffentlichkeit in Frage gestellt worden. Schmerzte das?

          Ich habe das nur am Rande mitgekriegt. Das ist eine Sache, die mich eigentlich nicht so sehr beschäftigt. Es ist ja ein immer wiederkehrendes Szenario, wenn‘s mal bei einem Turnier nicht läuft. Ich sage: Im deutschen Handball gibt es insgesamt eine viel zu große Zahl von Stinkstiefeln. Sie warten, obwohl sie selbst nichts Positives geleistet haben, immer nur darauf, in einem vermeintlichen Moment der Schwäche draufzuhauen, auch auf mich.

          Woran liegt das?

          Das hängt mit meiner kritischen Einstellung zu vielen Dingen im Handball zusammen. Ich kann damit leben, ich muss mich nicht mehr beweisen. Aber ich kann es nicht so gut haben, wenn auf die ganze Institution Nationalmannschaft eingeschlagen wird.

          Bezieht sich Ihre Kritik auf die Bundesliga?

          Ja, auf das Umfeld des Handballs, dazu gehört ja die Bundesliga.

          Hatten Sie sich deswegen bereits damit befasst, Ihr Amt möglicherweise vor dem Vertragsende 2013 niederzulegen?

          Solche Gedanken kommen sicherlich immer mal zwischendurch. Ich setze mich mit meiner Situation schon seit längerem auseinander. Die Arbeit mit der Mannschaft, mit dem Präsidium des Verbandes macht mir zwar sehr viel Spaß. Das läuft alles hundertprozentig, das ist ein Teil meiner Motivation. Dass sich allerdings zum Beispiel bei der Ausländerregelung in der Bundesliga gar nichts tut, dass ein Großteil der Leute nur kurzfristige egoistische Ziele anpeilt und sich nicht strategisch mit der Zukunft des Handballs beschäftigt, ist für mich auf Dauer zermürbend. Das Drumherum im Handball ist nicht das, was ich mir vorstelle. Das bringt die Sportart nicht weiter.

          Glauben Sie, dass Ihnen bei der WM in Schweden etwas vorzuwerfen ist?

          Ich habe gegen Island eine Auszeit genommen und dadurch ein Tor von Michael Kraus verhindert. Meine Frau hat zuallererst am Telefon gesagt: Der Sieg hätte höher ausfallen können.

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