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23:30 gegen Frankreich : Deutsche „desolat“ - mehr als nur eine Niederlage

  • -Aktualisiert am

Auf dem Boden der Tatsachen: Deutschland und Torwart Heinevetter Bild: AFP

Die deutschen Handballspieler können gegen die Franzosen nur eine Hälfte mithalten und verlieren schließlich chancenlos 23:30. Für den Einzug in die Hauptrunde reicht gegen Tunesien ein Remis. Doch mehr ist bei der WM kaum möglich.

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          Die Dinge sind nun ein wenig kompliziert für die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die am Mittwoch ein Debakel erlebt hat. Einerseits wird sie bei der Weltmeisterschaft in Schweden vermutlich weiterkommen, sie dürfte die Hauptrunde trotz der herben 23:30-Niederlage am Mittwoch gegen Frankreich erreichen. Dafür benötigen die Deutschen an diesem Donnerstag (18.30 / Handball-WM im FAZ.NET-Liveticker) mindestens einen Punktgewinn im „Endspiel“ gegen Tunesien.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Allerdings werden sie sich am Freitag wohl ohne sportliches Kapital, ohne einen einzigen Pluspunkt aus der Vorrunde auf die Reise nach Jönköping machen. Schließlich verloren sie in Kristianstad gegen Spanien und gegen Frankreich, gegen Teams also, die in Jönköping ebenfalls dabei sein werden. Eine schlechte Ausgangsposition also für Deutschland. Große Sprünge sind damit bei der WM kaum noch möglich.

          Wer wollte den Spielern das auch noch zutrauen nach der jüngsten tristen Darbietung? Bundestrainer Heiner Brand war deutlich gezeichnet von dem Geschehen am Mittwoch. Er sei mehr als enttäuscht, klagte er, „es ist sehr schade, wenn man so auseinanderfällt“. Er kritisierte vor allem den mangelnden Einsatz. „Das war desolat, das kann ich nicht akzeptieren.“ Kapitän Pascal Hens forderte umgehend eine Aussprache nach dem neuen Rückschlag. „Wir müssen klare Worte untereinander finden.“

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          Französisches Ensemble der Künstler und Kämpfer

          Mancher Deutsche hatte ja gute Erinnerungen mit Frankreich verknüpft, bei Michael Kraus zum Beispiel war das der Fall. Er war 2007 mit einem Schlag in den Blickpunkt gerückt, bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, und just in einem Duell mit den Franzosen war sein Stern aufgegangen.

          Aber die Zeiten haben sich ein bisschen geändert, auch für Kraus, die Franzosen dürften diesmal nicht gerade Furcht vor ihm gehabt haben - zu Recht, wie sich zeigte. Aber trotz ihrer jüngsten Schwierigkeiten hatten die Deutschen am Dienstag den Eindruck zu vermitteln versucht, sich doch auf die Auseinandersetzung mit dem Weltmeister, dem Europameister und Olympiasieger zu freuen - als würden sie sich an ihm wieder ein wenig aufrichten können. Es waren allerdings doch nur leere Worte.

          Brand hatte seinen Kader ein wenig ergänzt, er hatte den jungen Rechtsaußen Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar Löwen nachnominiert, da Christian Sprenger sich gegen Spanien eine Oberschenkelblessur eingehandelt hatte - am Mittwoch musste er schließlich nach einem Schlag ins Gesicht passen. Auf dieser Position hatte es zuletzt jedoch nicht die größten Probleme gegeben, sie lagen eher im Rückraum der Deutschen, von dem zu wenige Impulse ausgegangen waren. Und das hätte nun besser funktionieren sollen gegen ein exzellent besetztes Handball-Ensemble, gegen die französischen Künstler und Kämpfer, gegen ein Team, das alles gewann, was es zu gewinnen gab?

          Heinevetter hält die Deutschen noch im Spiel

          Es klappte tatsächlich, jedoch nur zu Beginn dieses Handballabends von Kristianstad. Die Deutschen, die Kraus und auch den Berliner Torhüter Silvio Heinevetter in ihrer Startformation hatten, hielten mit Frankreich mit, obwohl bereits in den ersten Minuten von Kristianstad in der Offensive nicht alles wie gewünscht lief. Hens wirkte bisweilen unkonzentriert, bei Kraus erkannte man zwar den Eifer, seinen Ruf wieder aufpolieren zu wollen, allerdings hatte der Hamburger mit seinen Würfen zunächst kein Glück - er kam letztlich wieder nicht auf Touren.

          Dass die Deutschen ihrem Widersacher zunächst trotzdem ebenbürtig waren, lag auch an Heinevetter, an dem die französischen Schützen einige Male scheiterten, sogar bei einem Siebenmeter. Nach 20 Minuten jedoch wurde die Miene von Brand schon wieder düsterer, da nämlich zog Frankreich von 7:7 auf 10:7 davon - die Deutschen hatten keine Mittel mehr gefunden, um sich gegen die französische Deckung um den kantigen Didier Dinart durchzusetzen.

          „Mit dem Selbstvertrauen ging es schlagartig bergab“

          Brand reagierte prompt, er ersetzte Kraus durch den Göppinger Michael Haaß und Hens durch Lars Kaufmann. Schwungvoller wurde das deutsche Spiel dadurch aber nicht, im Gegenteil: Die Unsicherheit schien sich auszuweiten, Brand gestikulierte immer wilder, der Gummersbacher legte sich in seiner Wut auch mit dem Kampfgericht an. Frankreich hatte keine große Mühe, seinen Vorsprung auszubauen, zwischenzeitlich hatten Nikola Karabatic und seine Kollegen Deutschland sogar um fünf Tore distanziert.

          Es kam letztlich aber noch wesentlich schlimmer, selbst der weiterhin aufmerksame Heinevetter konnte das nicht verhindern. „Mit dem Selbstvertrauen ging es schlagartig bergab“, sagte später Johannes Bitter. Die Deutschen präsentierten sich hilflos wie lange nicht mehr, sie schienen jeden Glauben an sich eingebüßt zu haben. Keiner war imstande, noch einmal ein wirkliches Aufbäumen zu organisieren, es war ein Bild des Jammers. Der deutsche Handball verlor am Mittwoch nicht nur ein Spiel, sondern auch ein Stück Ansehen.

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