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Handball-WM : „Bravo Boy“ ganz brav

  • -Aktualisiert am

Mit Kraus schwungvoller als zuletzt: gegen Tunesien belebte er das Spiel Bild: AP

Aus dem einstigen Luftikus Michael Kraus ist eine verlässliche Größe im deutschen Handballteam geworden, gegen Tunesien gelang ihm ein erster Hoffnung machender Auftritt. Doch der zeigte auch: bei der WM wird Kraus dringend gebraucht.

          3 Min.

          Der untere Teil des linken Beines ist immer noch stark bandagiert. Das erweckt den Eindruck, als wäre Michael Kraus erheblich beeinträchtigt in seiner Bewegungsfreiheit. Das täuscht allerdings, Kraus kann wieder seinen Mann stehen, auch wenn er noch ein Stück entfernt ist von der besten Verfassung. In Sachen Schnelligkeit, sagt er, „fehlen mir noch 20, 30 Prozent“.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Immerhin hatte er einige Zeit pausieren müssen wegen eines Muskelfaserrisses in der Wade, das hat seine Spuren hinterlassen. Allerdings ist Kraus so weit genesen, dass er am Sonntagabend seinen Einstand bei der Handball-Weltmeisterschaft in Kroatien hatte geben können. Der Lemgoer durfte etwa 25 Minuten lang mitspielen beim 26:24 des Weltmeisters gegen Tunesien, er erwies sich dabei als belebendes Element für die deutsche Nationalmannschaft. Bundestrainer Heiner Brand dürfte das mit Genugtuung registriert haben. Er kann, so scheint es, zum Abschluss der Vorrunde, gegen Mazedonien am Mittwoch und gegen Polen am Donnerstag, wieder auf den 25 Jahre alten Strategen bauen.Gegen Algerien an diesem Montag (17.30 Uhr/live bei RTL und bei Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen) soll er sich noch schonen.

          Gegen Tunesien ein grundsätzlich guter Anfang

          Deutschland präsentierte sich in Varazdin bisher sehr wechselhaft, das Team zeigte beträchtliche Schwankungen. Selbst Brand weiß nie genau, was ihn erwartet. Mit Kraus aber können die Deutschen zumindest schwungvoller als zuletzt angreifen. Er verfügt über mehr Erfahrung als Martin Strobel, sein Teamkollege vom TBV Lemgo. Er tritt dynamischer auf, und er offenbart einen größeren Drang zum Tor als Strobel. Gegen Tunesien waren Kraus drei Treffer gelungen, und der Bundestrainer sagte, dass dies grundsätzlich ein guter Anfang für Kraus gewesen sei.

          Einsatz von außen: Kraus am Samstag während des Spiels gegen Russland
          Einsatz von außen: Kraus am Samstag während des Spiels gegen Russland : Bild: dpa

          Die Heilung vollzog sich erstaunlich schnell, Kraus hatte am Sonntag angeblich keinen Schmerz mehr gespürt. „Ich hatte absolut den Kopf frei für den Einsatz“, sagte er, „das habe ich dem Trainer mitgeteilt und auch den Jungs.“ Nach den ersten Schritten am Sonntag will er gemerkt haben, dass er tatsächlich wieder auf dem Laufenden ist. Kraus, der aus Sicherheitsgründen nun Einlagen in den Schuhen trägt, empfand lediglich ein „dumpfes Gefühl“ an der lädierten Stelle, kurz nach dieser Äußerung sprach er von einem „ganz starken Muskelkater“.

          Brand sagt, es habe sich etwas verändert bei Kraus

          Das soll den forschen Schwaben aber nicht bremsen, er steckt offensichtlich voller Energie. „Auf der Tribüne zu sitzen“, betont er, „ist gar nichts für mich.“ Kraus ist inzwischen zum Kapitän des deutschen Teams aufgestiegen, damit wird auch einem Wandel bei ihm Rechnung getragen. Er hatte ja als ein wenig unzuverlässig gegolten, als ein Luftikus. Brand, der auf Disziplin großen Wert legt, hatte das so sehr missfallen, dass er Kraus vor einem Jahr, unmittelbar nach der Europameisterschaft in Norwegen, kurzerhand aus dem Nationalteam verbannte. Vorübergehend zumindest.

          Der Bundestrainer hatte sich über Unkonzentriertheiten und Nachlässigkeiten bei Kraus mokiert. Kraus sollte diesen „Rauswurf“ als eine Denkpause begreifen, und offenbar hat er diesen Wink auch verstanden. Brand jedenfalls sagt, dass sich etwas verändert habe bei Kraus: „Er beschäftigt sich mehr mit Handball. Er ist erwachsener geworden.“ Schon bei den Olympischen Spielen in Peking, die für Deutschland enttäuschend endeten, war das deutlich geworden. Kraus erfüllte seinen Part in zentraler Position, Brand war zufrieden mit ihm. Er sagt, dass Kraus Verantwortung übernommen, dass er überzeugt habe.

          „Alle wollten ein Stück von mir“

          Kraus bestätigt das gern, er weist darauf hin, gereift zu sein. Vermutlich auch mit Lemgoer Beistand, mit der Unterstützung seines Trainers Markus Baur oder von Daniel Stephan, der ihm ebenfalls die Hand gereicht hat. „Er hat mir sehr viel geholfen“, sagt Kraus. Manches war ja in Unordnung geraten nach der WM im eigenen Land, als vieles einstürzte auf den früheren „Bravo Boy“, als er hofiert und herumgereicht wurde, gefeiert als neuer Stern des deutschen Handballs. „Alle wollten ein Stück von mir haben“, sagt Kraus, „ich hatte niemanden, der mir das vom Leib hielt.“ So verlor er das Wesentliche aus den Augen, „ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf steht“. Jetzt, mit einigem Abstand, sagt Kraus, in dieser Zeit viel gelernt zu haben.

          Ein Mann, der seine Mitte zu finden scheint? Am Sonntag war dieser Mann auf alle Fälle sehr kämpferisch: „Mit uns“, behauptete der Handball-Rückkehrer Kraus, „ist zu rechnen.“

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