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Handball : Der Weltmeister als Herausforderer

  • -Aktualisiert am

Mit strengem Blick: Heiner Brand erlaubt seinen Spielern Fehler - wenn sie den geforderten Einsatz zeigen Bild: dpa

Titelverteidiger Deutschland ist bei dem Turnier in Kroatien in der Null-Zeit angekommen. Bundestrainer Brand will bei seinen Spielern trotzdem neues Feuer entfachen. Doch Verletzungen und Formschwächen können sofort zu erheblichen Störungen führen.

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          Heiner Brand wenigstens ist mobil, das steht fest. Am Freitagmittag demonstrierte Brand seine Beweglichkeit, er ging einige Male in die Knie. „Ich bin gesund“, sagte der vor einiger Zeit an der Hüfte operierte Handball-Bundestrainer, „ich kann alles machen.“

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Allerdings trifft das, zum Leidwesen Brands, derzeit nicht auf jeden im Tross des Weltmeisters zu. So beschrieb Brand die Lage einen Tag vor dem ersten Auftritt der Deutschen bei der Weltmeisterschaft in Kroatien als ein bisschen schwierig. Seine Sorgen haben vor allem mit Michael Kraus zu tun, dem Spielgestalter aus Lemgo, auf den Brand inzwischen große Stücke hält. Kraus, der einstige Handball-Luftikus (siehe: Michael Kraus: Die Suche nach der eigenen Mitte), hat sich im Zentrum des deutschen Rückraums etabliert, er soll in Kroatien wesentliche Impulse setzen.

          Strobel soll für Kraus einspringen

          Im Duell gegen Russland (17.30 Uhr/ live bei RTL und bei Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen) an diesem Samstag in Varadin wird Kraus jedoch fehlen, der Lemgoer, der an einem Muskelfaserriss in der linken Wade leidet, wird erst im nächsten Spiel gegen Tunesien am Sonntag mitwirken können. Brand jedenfalls schien sich am Freitag damit abgefunden zu haben, ihn vorerst ersetzen müssen. Der Bundestrainer sagte, sich noch mit „verschiedenen Szenarien“ beschäftigen zu wollen. Er hätte sich die letzten Stunden vor dem WM-Start gewiss ein wenig entspannter gewünscht.

          Bewährter Rückhalt: auf Johannes Bitter wird einiges zukommen in Kroatien
          Bewährter Rückhalt: auf Johannes Bitter wird einiges zukommen in Kroatien : Bild: dpa

          Die Aufgabe von Kraus wird Brand einem anderen Lemgoer übertragen, dem 22 Jahre alten Martin Strobel. Natürlich ist damit ein Risiko verbunden, Brand weiß das. „Der Junge hat nicht viel Erfahrung“, sagte er, und der Gummersbacher machte auch klar, dass er behutsam mit Strobel umgehen werde, damit der Aufsteiger im Team des Weltmeisters die neue Bürde nicht als allzu schwere Last empfinde. Er wolle den Druck ein „bisschen rausnehmen“, sagte Brand, und er versuchte, zuversichtlich zu wirken. „Er wird es schon hinkriegen.“

          Brand will Begeisterung entfachen

          Auch die Causa Strobel zeigt, dass die deutsche Handball-Nationalmannschaft gewissermaßen wieder in der Null-Zeit angelangt ist. Brand hatte das unlängst so formuliert: „Ich will beim Punkt null anfangen.“ Er hatte ja nach der Enttäuschung bei den Olympischen Spielen in Peking einen Umbruch eingeleitet und war damals unzufrieden mit einigen Spielern, mit der Einstellung, mit der Leistung. Die Weltmeister waren an eine Grenze gestoßen, der Glanz vergangener Tage ist verblasst.

          Brand möchte nun ein neues Feuer in seinem Team entfachen, er spricht in diesem Zusammenhang häufig von Begeisterung. Er sagte, dass er den Spielern Fehler zugestehe, gerade in einer Findungsphase, in der Zeit des Neuaufbaus. Aber er fordert auf alle Fälle Einsatzbereitschaft, er möchte frischen Elan spüren. Brand hat das dem Team klar zu verstehen gegeben.

          Vieles ist nicht mehr so, wie es einmal war

          Er ist trotz des Wandels nicht nur mit einer Gruppe von Lehrlingen nach Kroatien gereist. Die breite Öffentlichkeit wird sich zwar an neue Namen gewöhnen müssen, sie wird nun wahrscheinlich öfter von Männern wie Strobel, Michael Müller oder Christian Sprenger hören. Aber Brand verfügt auch weiterhin über international bewährte Kräfte wie den Torhüter Johannes Bitter, den Abwehrchef Oliver Roggisch, die Rückraumspieler Pascal Hens und Holger Glandorf oder den Linksaußen Torsten Jansen. Sie bilden den deutschen Stamm in Kroatien, und mit Kraus besäße das Team damit wohl eine beachtliche Qualität. Aber Verletzungen und Formschwächen können sofort zu erheblichen Störungen im deutschen Gefüge führen, schließlich gibt es jenseits der ersten Formation keine Gewissheiten mehr.

          Brand hatte diesen speziellen Umständen in der kurzen Vorbereitung auf das kroatische Intermezzo Rechnung getragen. Er sagte, dass er sich in der Arbeit mit dem Team auf „originäre Handball-Tugenden“ beschränkt habe. Und es ist diesmal auch nicht die Rede von einem außergewöhnlichen Unterfangen. Vor zwei Jahren, bei der WM im eigenen Land, hatten die Deutschen das „Projekt Gold“ ausgerufen, sie hatten es auch mit großer Tatkraft umsetzen können. Im deutschen Handball ist aber vieles nicht mehr so, wie es einmal war. Der Titelverteidiger hat die Weltmeisterschaft 2009 deswegen nicht unter ein besonderes Motto gestellt. Nur das Heute soll zählen in Kroatien, nicht das Morgen.

          Sonntagabend wird ein Trend erkennen zu sein

          Für die Deutschen wäre wohl schon einiges gewonnen, wenn sie die Vorrunde in Varazdin überstünden, wenn sie sich danach auf den Weg zur Hauptrunde nach Zadar machen könnten. Das würde das Selbstvertrauen stärken, sagte Brand, und vielleicht könne man sich dann auch mit der möglichen Halbfinalteilnahme befassen. „Ich hoffe“, sagte der Bundestrainer auch, „dass die Spieler meine Denkweise übernehmen.“ Die Blessur von Kraus dürfte ihm dabei sogar helfen.

          Am Sonntagabend wird Brand wohl bereits einen Trend erkennen können, denn dann werden die Deutschen sich mit den Russen und den Tunesiern auseinandergesetzt haben. Zwei richtungweisende Duelle, in denen der Handball-Weltmeister sein neues Format beweisen muss. Er ist in Kroatien, obwohl hochdekoriert gekommen, eine Art Herausforderer.

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