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Handball : Daniel Stephans letzter großer Wurf

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Daniel Stephan (r.), TBV Lemgo:Seit 1994 spielt der Rückraumspieler bei den Lipperländern Bild: picture-alliance/ dpa

Als Spieler wird es Daniel Stephan nach diesem Wochenende nicht mehr geben. Der einzige deutsche Feldspieler, der als „Welthandballer“ ausgezeichnet wurde, tritt mit zwei Spielen und ohne Wehmut ab - auch, weil er seinen Traum in neuer Funktion weiterleben kann.

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          Die letzten Tage als aktiver Sportler werden turbulent für Daniel Stephan. Samstag mit dem TBV Lemgo die Bundesliga-Partie in Nordhorn, Sonntag das eigene Abschiedsspiel in der Lipperlandhalle mit einer TBV-Auswahl gegen alte Weggefährten, Montag in Berlin als einer der All-Stars der Bundesliga gegen die deutsche Nationalmannschaft. Dann wird es den Handballspieler Daniel Stephan nicht mehr geben.

          „Ich kann noch nicht realisieren, dass ich aufhöre“, sagt der 34 Jahre alte Profi. Ein Abschied voller Wehmut? „Wehmut wird sich wohl erst Anfang der kommenden Saison einstellen“, sagt Stephan. Obwohl im Moment noch die Zeit für große Gefühle fehlt, kündigen sich große Gesten an. Zvonimir Serdarusic, der Trainer des THW Kiel, reist nach Ostwestfalen, um dort am Sonntag gemeinsam mit Bundestrainer Heiner Brand „Daniels Champions“ zu coachen. „Daniel ist einer von den Jungs, die dem deutschen Handball so viel gegeben haben“, sagt Serdarusic, „dafür lasse ich alles andere ausfallen.“ Er verzichtet sogar auf die Kieler Feierlichkeiten anlässlich der 14. deutschen Meisterschaft.

          Viele Abgänger, doch keiner strahlt wie Stephan

          Die Bundesliga nimmt an diesem Wochenende Abschied von weiteren charismatischen Figuren: In Großwallstadt beendet Chrischa Hannawald, der extrovertierte Torwart mit den kurzen Hosen, seine Laufbahn, in Hamburg tritt zum letzten Mal der südkoreanische Rekordtorjäger Kyung-Shin Yoon auf.

          Durchgesetzt: Stephan 2003 in einem Länderspiel gegen Spanien
          Durchgesetzt: Stephan 2003 in einem Länderspiel gegen Spanien : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Doch Stephan ist der Abgänger mit der größten Strahlkraft. 1998 gewann er als erster Deutscher die Wahl zum „Welthandballer“, 2004 eroberte er mit der DHB-Auswahl die Europameisterschaft und stand im olympischen Finale - nur eine Weltmeisterschaft spielte Stephan nie, weil er sich immer wieder zur Unzeit verletzte: Daumenbruch (1999), Schulter (2001), Achillessehnenriss (2003) und Ellbogen (2005).

          „Welcher Spieler erreicht so viel wie ich?“

          „Viele sagen, ich hätte so viel Pech gehabt, aber ich möchte vermitteln, dass das nicht so ist. Welcher Spieler erreicht denn so viel wie ich?“, fragt Stephan. „Die Erfolge mit Lemgo und der Nationalmannschaft kann mir keiner mehr nehmen. Dass ich oft verletzt war und keine WM gespielt habe, das sind Fakten, aber ich versuche, die negativen Dinge hinter mir zu lassen und die positiven mitzunehmen. Das gelingt mir.“

          Aus der Nationalmannschaft zog sich Stephan im Oktober 2005 nach 183 Einsätzen (589 Tore) zurück. Im vergangenen Sommer entschloss sich der gebürtige Rheinhausener, nach 15 Jahren Bundesliga abzutreten. Die immer wiederkehrenden Rückschläge hatten stete Zuversicht und beharrlichen Widerstand geschwächt. „Wären die vielen Verletzungen nicht gewesen, hätte ich wohl noch weitergespielt“, sagt Stephan.

          Plötzlich war er wieder ein Kandidat für Peking

          Im November kündigte er zum Ende der Spielzeit den Wechsel vom Parkett ins Amt des Sportlichen Leiters in Lemgo an. Dass er seitdem so stark wie zu alten Zeiten spielte, ist eine der kleinen - etwas gemeinen - Volten in seinem sportlichen Schicksal. Man sah in ihm sogar einen Kandidaten für die Olympischen Spiele in Peking. Er hätte gemeinsam mit seinem Trainer Markus Baur und dem bereits in Position gebrachten Christian Schwarzer seine Karriere krönen können. Der aus drei olympische Turnieren erfahrene Stephan wäre als Alternative zu Weltmeister Pascal Hens sehr gut zu gebrauchen gewesen.

          Mit Bundestrainer Brand pflege er noch immer enge Bande, sagt Stephan, „meine Karriere verbinde ich mit ihm“. Über Peking habe man „mehr als Flachs“ gesprochen, das alles sei „nur Spekulation“. Dabei hört Stephan dieser Tage immer wieder, dass er in so guter Form nicht aufhören dürfe. Es schmeichelt ihm. „Es ist doch schön, wenn man sich so verabschieden kann. Da merkt man, dass man den richtigen Schritt gemacht hat. Es ist ein glücklicher Punkt.“

          Stephan richtet sich in seinem neuen Leben ein

          Seit November ist er ein spielender Funktionär. Als Sportlicher Leiter kümmert er sich um die Organisation mannschaftlicher Belange, übernimmt Personalplanung und Scouting. Auch nach Peking wird er reisen, um für ein deutsches Reiseunternehmen einige Besuchergruppen zu betreuen und neue Spieler für den TBV zu sichten. Mit derselben Konsequenz, die er früher im immer neuen Kampf um ein Comeback aufgebracht hat, richtet er sich nun in seinem neuen Leben ein.

          „Ich habe einfach gelernt, Entscheidungen zu akzeptieren, dazu zu stehen und nicht zu wanken“, sagt Stephan. Er könnte die Freiheit eines ehemaligen Leistungssportlers genießen, reisen und dem Termindruck entfliehen, doch der Sportliche Leiter in Stephan wehrt sich gegen solchen Stillstand. „Mein ganz großer Traum ist Handball“, sagt er. „Ich habe meinen Traum gelebt und finde es gut, dass ich so einen Übergang habe.“

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