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Interview mit Jens Tiedtke : „Meine Muskulatur ist komplett weg“

  • Aktualisiert am

Noch lange zum Zuschauen gezwungen: der Großwallstädter Jens Tiedtke Bild:

Nationalspieler Jens Tiedtke musste sich wenige Wochen vor der WM einer schweren Hirnoperation unterziehen. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seinen Umgang mit der erschütternden Diagnose, seinen Kampf für das Comeback und die Zuschauerrolle bei der WM.

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          Jens Tiedtke hätte eigentlich bei der Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland im Kader von Bundestrainer Heiner Brand stehen sollen. Doch im November hatte sich der 28 Jahre alte Kreisläufer vom TV Großwallstadt einer schweren Hirnoperation unterziehen müssen, bei der ein Tumor erfolgreich entfernt wurde. Nun beobachtet Tiedtke die WM als Zuschauer - und arbeitet an seinem Comeback.

          Wie schwer fällt Ihnen das Zusehen bei den WM-Spielen?

          Na ja, ich wusste ja schon vorher, dass es nötig sein würde, mich operieren zu lassen wegen dieses Gehirntumors. Von daher ist man innerlich darauf eingestellt, nur zusehen zu können. Aber wenn ich das jetzt so sehe, dann kribbelt es schon. Ich versuche eine gewisse Distanz aufzubauen, um mir die ganze Sache ein bisschen leichter zu machen.

          Wie geht es Ihnen nach der Operation?

          Mir geht es eigentlich ganz gut. Im Alltag kann ich mich ganz normal bewegen. Beim Sport hinke ich natürlich immer noch ein bisschen hinterher. Ich muss da sehr langsam machen und die Belastung Schritt für Schritt aufbauen. Es dauert sicher noch seine Zeit, bis ich die alte Form habe, in der ich mich wieder richtig belasten kann.

          Ist Geduld eine Ihrer Eigenschaften?

          Es fällt natürlich jedem Leistungssportler schwer, Geduld zu haben. Aber bei so einer Sache muss man einfach Geduld haben. Und wenn ich es übertreiben würde, dann würde mir das mein Körper schon signalisieren. Dann müsste ich komplett umschalten. Ich denke, ich muss das jetzt einfach so hinnehmen, wie es ist.

          Wie und wann haben Sie von Ihrer Erkrankung erfahren?

          Das war am 28. Oktober, an einem Freitagnachmittag. Ich war bei einem Neurologen, um mich durchchecken zu lassen, weil ich Kopfschmerzen und gelegentlich auftretende Sehstörungen hatte. Er hat dann ein EEG veranlasst und anschließend eine Kernspintomographie. Und dann kam da so etwas raus.

          Was hätte passieren können, wenn der Tumor unentdeckt geblieben wäre?

          Es war ja so etwas wie ein gutartiger Tumor, ein langsam wachsender. Ich hätte ihn noch vier, fünf oder sechs Jahre haben können, ohne dass mir etwas passiert wäre. Da ein solches Geschwür raumgreifend ist, kommt es irgendwann zwangläufig zu irgendwelchen Ausfallerscheinungen. Ich weiß gar nicht, was mir dann hätte passieren können.

          Also hätten Sie die Operation sogar noch bis nach der WM verschieben können?

          Das wäre möglich gewesen. Man hätte das beobachten und alle drei Monate nachschauen können, was der Tumor macht. Und dann hätte ich es nach der Weltmeisterschaft operieren lassen können. Für mich kam das aber einfach nicht in Frage, auch wenn es medizinisch tatsächlich möglich gewesen wäre. Aber von der psychischen Belastung her hätte ich es nicht geschafft. Wie soll ich da meine normale Leistung abrufen und mich auf die Weltmeisterschaft konzentrieren können, wenn ich so etwas im Kopf habe? Das hätte ich nicht gekonnt.

          Und nun sind Sie mit der Rehabilitation beschäftigt. Wie kommen Sie voran?

          Na ja, es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag ein Sieben-Stunden-Programm runterspule. Ich mache gelegentlich etwas, je nachdem, wie ich mich fühle und wie ich glaube, mich belasten zu können: Fahrrad fahren, ein bisschen Laufen - ganz gediegen halt. Die Vorgabe liegt bei 120 bis 125 Puls. Vielleicht kann ich mich bald wieder stärker belasten. Das hängt von der ersten Kontrolluntersuchung nach der Operation in drei Monaten ab.

          Und dann wollen Sie wieder mit dem Handballtraining anfangen?

          Ich werde mich ja sowieso von Woche zu Woche steigern. Und dann werde ich erst einmal sehen, was die Ärzte sagen. Mein altes Gewicht habe ich inzwischen wieder drauf, nachdem ich stark abgenommen hatte. Nur die Muskulatur, die ich vorher hatte, ist natürlich komplett weg. Und Krafttraining kann ich derzeit gar nicht machen.

          Hat die Erkrankung etwas an Ihrer Einstellung zum Profisport geändert?

          Wenn es um die Weltmeisterschaft geht, dann war mir die ganze Sache noch vor einigen Wochen völlig egal. Ob die WM jetzt stattfindet oder nicht, damit beschäftigt man sich erst, wenn man wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist. Ich sehe den Sport im Moment als Motivator, mit dem ich mir Ziele setzen kann: vielleicht, dass ich diese Saison noch das eine oder andere Bundesligaspiel machen kann.

          Spielt das Jahr 2008 eine Rolle für Sie, die Olympischen Spiele in Peking?

          Das muss man erst einmal abwarten. Das ist so weit weg für mich. Ich muss mich erst einmal bescheiden, wieder gesund zu werden und zu körperlicher Fitness zu kommen.

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