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Handball-WM : Heiners Welt

Baumeister des deutschen Handballs: Heiner Brand Bild: AFP

Handball-Bundestrainer Heiner Brand bleibt sich in jeder Lage treu. Seine Welt ist vom Ball bestimmt, von Strategien, nicht von vollmundigen Aussagen. Der Trubel der Heim-WM bringt den Weltmeister auch vor dem Halbfinale gegen Frankreich an diesem Donnerstag nicht aus der Ruhe.

          3 Min.

          Kaum hatte Heiner Brand am Podium Platz genommen, räumte er seinen Stuhl auch schon wieder. Er wich an den Rand aus, er machte dies wie selbstverständlich. Der Mann, der ihn kurzzeitig verdrängte, ein Fernsehprogrammchef, hatte ja auch etwas wichtiges zu sagen, so betrachtete das offenbar der Bundestrainer.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Es ging um beeindruckende Zahlen, um die Einschaltquoten am Dienstag bei der Fernsehübertragung des Duells zwischen den Deutschen und den Spaniern. Und damit auch um die hohe Akzeptanz, die Brand und seine Spieler derzeit in der Öffentlichkeit genießen. Mehr als acht Millionen Zuschauer durchschnittlich sahen also den deutschen Triumph über Spanien im Viertelfinale der Weltmeisterschaft. Niemals stand der Handball hierzulande stärker im Blickpunkt. Brand, der Baumeister des deutschen Handballs, nahm die Nachricht mit Genugtuung zur Kenntnis.

          Auf dass keiner jetzt übermütig werde

          Er wirkte am Mittwochmorgen, trotz aller Begeisterung um ihn und seine Mannschaft, nicht aufgekratzt. Er blieb sich treu, obwohl Deutschland nur noch zwei Schritte entfernt ist vom Gipfel, obwohl sein Team mit der famosen Darbietung auch gegen Spanien die Hoffnungen auf den großen Wurf genährt hat. Brand aber bleibt, seinem Naturell entsprechend, in der Defensive. Er ist ausschließlich auf die nächste Aufgabe fokussiert, auf das nächste Kräftemessen mit Frankreich im Halbfinale an diesem Donnerstag in Köln (Siehe auch:Liveticker Handball-EM) . "Das ist das einzige, was mich interessiert", sagt er in Wiehl, einem Örtchen in der Nähe von Gummersbach, wo die Deutschen Quartier bezogen haben.

          Es gebe „etwas Grund zur Freude”, sagte er nach dem Sieg im Viertelfinale
          Es gebe „etwas Grund zur Freude”, sagte er nach dem Sieg im Viertelfinale : Bild: REUTERS

          So redet er nicht über den Titeltraum, sondern über Taktik. Über einen Gegner, der wahrscheinlich "wesentlich aggressiver" zu Werke gehen werde als bei seiner Niederlage gegen die Deutschen in der Hauptrunde. Das ist Brands Welt, sie ist vom Ball bestimmt, von Strategien, nicht von vollmundigen Aussagen. Er sagt zwar mit Blick auf das 27:25 gegen Spanien, dass "wir wieder einmal über uns hinausgewachsen sind". Welche Gefühle das in ihm weckte, beschreibt er jedoch so, als wäre nur in einem weniger bedeutenden Turnier ein kleiner Erfolg gelungen. Es gebe, sagt er, "etwas Grund zur Freude". Und schickt gleich hinterher, dass "wir ein paar Dinge auch noch verbessern können". Auf dass keiner seiner Spieler jetzt übermütig werde.

          „Werdet Weltmeister!“

          Er hatte vorher schon nicht von einem möglichen Coup bei der WM gesprochen. Im Gegensatz zu seinem Fußball-Kollegen Jürgen Klinsmann - oder dessen Nachfolger Joachim Löw, der Brand nun ein Fax schickte mit der Aufforderung: "Schafft das, was uns verwehrt blieb: Werdet Weltmeister!" Brand gibt sich auch fast überrascht darüber, dass sein Team, das eine Serie von Verletzungen hatte überstehen müssen, überhaupt in das Halbfinale vorgestoßen ist. "Vor kurzem noch", sagt er, "habe ich nicht damit gerechnet."

          Manchmal äußert sich Brand in brummigem Tonfall, er beherrscht das gut. In diesen Tagen aber ist er auch anders zu erleben, witzig und schlagfertig. Nicht zuletzt im Gespräch mit Mitarbeitern des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Am Mittwoch, als auch DHB-Präsident Ulrich Strombach sich an der Seite des Bundestrainers zeigt, richtet Brand sich an den Pressesprecher mit der Bemerkung: "Mein Nebenmann wird es nicht wagen, mich wegzudrücken." Es ging um die Mikrophontechnik.

          Freiheiten auf dem Handballfeld

          Im Laufe der Jahre scheint der Gummersbacher Brand gelassener geworden zu sein, auch die Spieler haben diesen Wandel festgestellt. Brand gewährt ihnen manche Freiheiten, auch auf dem Handballfeld. Vor allem Christian Zeitz weiß das zu schätzen; er ist ein sehr unberechenbarer Spieler. Ohne Brand, erzählt der Kieler, würde er wohl nicht mehr dem Nationalteam angehören. Der Bundestrainer, Weltmeister von 1978, erlaubt kleine Extravaganzen, grundsätzlich jedoch steht die Gemeinschaft für ihn im Vordergrund.

          Er legt großen Wert auf Zusammenhalt, auf ein Team mit Herz, wie er es formuliert. Das ist nun auch der Trumpf der Deutschen, die bei der WM mit einer bodenständigen Vehemenz agieren, wie sie Brand selbst verkörpert. Und es ist auch bezeichnend für ihn, wie er auf den Vorwurf etwa der Spanier reagiert, die Schiedsrichter würden im Zweifel zugunsten der Deutschen entscheiden. Dies zu behaupten, entgegnet Brand, einst einer der besten Verteidiger der Welt, sei eine grobe Unsportlichkeit.

          Ein Bart zum Ausschneiden

          Brand bleibt seinen Wurzeln immer nahe, seine Popularität basiert wohl auch darauf. In den Hallen erhält er nicht weniger Beifall als Henning Fritz und Co., er selbst grüßt das Publikum mit einer eigenwilligen, wellenartigen Armbewegung. Brand ist "in", sogar sein Schnauzer kommt zu Ehren. Eine Boulevardzeitung bot neulich einen Bart dieser Art zum Ausschneiden an: Mach' den Heiner.

          Brands Vertrag als Bundestrainer läuft bis 2008, über eine vorzeitige Verlängerung wird längst diskutiert. Der DHB glaubt, dass es für dieses Amt keinen Besseren gebe als Brand. Am Mittwoch sagt Strombach, dass man sich zu gegebener Zeit über dieses Thema unterhalten werde. "Könntest du zustimmen, Heiner?" Und Brand sagt nur ein Wort: "Jawohl." Als er später geht, ahnt man, womit er einen Teil seiner Zeit am Ruhetag verbringen wird: sich mit Frankreich befassen, Videoaufzeichnungen studieren, "um mein Gewissen zu beruhigen". Und die Kanzlerin will sich noch melden, telefonisch, sie möchte gratulieren, ein DHB-Funktionär berichtet Brand das. Man einigt sich auf 15.15 Uhr. Brand, der Hofierte, sagt, Angela Merkel könne ihn auf seinem Zimmer erreichen. Er sagt es sehr ruhig.

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