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Handball-WM : Eros und die Kleine Nachtmusik

Brand: „Wir sind bereit, weiter anzugreifen” Bild: AP

Der Optimismus des deutschen Handball-Nationalteams vor dem Viertelfinale gegen den Titelverteidiger Spanien hat viele Gründe: den Teamgeist, das enthusiastische Publikum, die entschlossene Abwehrarbeit und stimulierende Töne.

          3 Min.

          Heiner Brand lehnte sich am Montagvormittag nicht entspannt auf seinem Stuhl zurück. Er saß, als wäre er auf dem Sprung, auf dem vorderen Rand. Ein Zeichen seines Tatendrangs? Schon tags zuvor hatte der Bundestrainer schließlich gesagt: "Wir sind bereit, weiter anzugreifen." Das wird auch nötig sein: Im Viertelfinale der Weltmeisterschaft an diesem Dienstag in Köln wird Deutschland auf Spanien (Siehe auch: Liveticker Handball-EM) treffen. Auf den Weltmeister also. Ein Duell, das Brand eigentlich eines Halbfinales für würdig sieht.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Es regt die Phantasie an, und es weckt Erinnerungen. An das Jahr 2004 vor allem, an die Olympischen Spiele in Athen, als die Deutschen sich ebenfalls im Viertelfinale mit den Spaniern auseinandersetzten. Ein spannungsgeladenes Kräftemessen, mit glücklichen Deutschen am Ende. Daraus scheint das deutsche Team nun zusätzlich Mut zu schöpfen.

          Jedenfalls sagte am Montag der angeschlagene Kapitän Markus Baur kurz und bündig: "Im Kopf ist: Spanien ist positiv." Und dann sollen die Spanier auch zu spüren bekommen, was die Deutschen in diesen Tagen besonders auszeichnet. Brand beschreibt das so: "Wir schwimmen auf einer Welle der Euphorie." Die Begeisterung im Lande, sagt er auch, habe seine Erwartungen übertroffen.

          Baur: „Im Kopf ist: Spanien ist positiv”

          Enthusiastisches Publikum

          Der Erfolg hat viele Komponenten: Ein Team, getragen von einem enthusiastischen Publikum: Das ist ein wesentliches Merkmal dieser WM. Christian Schwarzer, Kämpe aus Lemgo, spricht schwärmerisch von der Energie, die von den Rängen kommt. "Ein unbeschreibliches Gefühl." Nicht belastend, sondern beflügelnd. "Wir haben gelernt", sagt Schwarzer, "als Spaß auf das Spielfeld mitzunehmen, was da draußen passiert." Und der Kreisläufer weiß, dass diese Atmosphäre die Gegner beeindruckt. Er behauptet: "Mittlerweile ist es fast so, dass keiner mehr so gerne gegen uns spielen möchte." Schwarzer münzt das offenbar auch auf Titelverteidiger Spanien.

          Auf der Straße schlägt den Deutschen ebenfalls Anerkennung entgegen. Sie erleben das, wenn sie zwischen ihrem Quartier und der Halle pendeln. "Der Busfahrer", erzählt Baur lächelnd, "muss öfter hupen unterwegs." Deutschland, doch auch ein bisschen Handball-Land.

          Gefestigte Gemeinschaft

          Es lernt ein Team kennen, das sich als gefestigte Gemeinschaft präsentiert. Und das sich auch auf jene verlassen kann, die nicht erste Wahl sind, aber im Fall des Falles kurzfristig einspringen müssen. Auch das macht die Qualität der Deutschen im Januar 2007 aus. Michael Kraus gehört zu dieser Spezies, er musste zuletzt Baur ersetzen.

          Oder Holger Glandorf: Der Nordhorner ist zweiter Mann im rechten Rückraum hinter Christian Zeitz. Er sei, sagt Glandorf, auch auf der Bank "so voller Adrenalin", dass er sofort ins Spiel finde, wenn Brand ihn benötigt. Er ist zufrieden mit seinen Einsatzzeiten und seinen Darbietungen. Am Montagabend nahm Brand noch einmal kleine Retuschen an seinem Kader vor: Er holte Michael Haaß zurück, dafür musste Torhüter Carsten Lichtlein weichen. Die Hoffnungen, den Rückraumstrategen Oleg Velyky nominieren zu können, zerschlugen sich. Seine Fußverletzung ließ es nicht zu.

          Akribische Arbeit

          Auch all jene, die in der zweiten Reihe stehen, wissen genau, was Brand will. Der Gummersbacher, ein akribischer Arbeiter, hat alle Kombinationen aufgezeichnet und in einer Kladde gesammelt. Überschrift: "Auslösehandlungen der Nationalmannschaft".

          Die Spieler verfügen über dieses Material, sie sollen sich möglichst auch zu Hause damit beschäftigen und es verinnerlichen. Die Spielzüge sind mit eigenartigen Begriffen wie "Eros" versehen. Diese Variante wurde nach dem Spitznamen des früheren Nationaltorwarts Christian Ramota benannt. Wie sie funktioniert, mag - aus taktischen Gründen - niemand öffentlich erläutern.

          Entschlossenes Zupacken

          Die Anweisungen für die Abwehr, deren große Bedeutung Brand am Montag noch einmal betonte, dürften weniger komplex sein. Brand fordert ein entschlossenes Zupacken, die Verteidigung soll dadurch möglichst in Ballbesitz gelangen, um einen Gegenstoß einleiten zu können. "Wir brauchen einfache Tore", sagt der Bundestrainer; dieses Mittel soll helfen, auch gegen Spanien zu bestehen. In der Deckung nimmt Oliver Roggisch eine zentrale Rolle ein. Manchmal ist der Magdeburger im Mittelblock allerdings zu ungestüm, er riskiert mit seinem harten Eingreifen immer wieder Zeitstrafen. Roggisch glaubt trotzdem, dass die Beweglichkeit sein Vorzug sei, nicht die Kraft. Ein anderer Handballer soll einmal zu ihm gesagt haben: "Du bist der stärkste Mann ohne Muskeln."

          Emotionen beherrschen

          Handball ist selbstredend auch Kopfsache, speziell bei den hohen Belastungen einer Weltmeisterschaft. Die Deutschen gehen nun einen neuen Weg: Sie setzen, um den Stress zu bewältigen, erstmals auf Wahrnehmungsförderung; ein Fachmann, Ulrich Conrady, begleitet sie dabei. Er lässt Baur und seine Kollegen nach einem Spiel Musik hören, allerdings mit veränderten Schallwellen; es kommt auf bestimmte, stimulierende Töne an. Die Technik dafür hat Conrady, der Coach, entwickelt.

          "Die Spieler", sagt er, "sollen ihre Emotionen beherrschen und nicht von ihnen beherrscht werden." Er ist überzeugt, dass seine Methode wirkt, und er verweist dabei auch auf Brand. "Wie cool der drauf ist", sagt Conrady sehr salopp, "er war noch nie so gelassen." Die Teilnahme an dieser Aktion ist freiwillig, fast alle Spieler aber bauen auf diese Methode. Sie suchen dabei bei klassischen Stücken wie der "Kleinen Nachtmusik" Entspannung - ehe es wieder turbulent wird bei einem Handball, der, so wie ihn die Deutschen derzeit spielen, fast so etwas ist wie Rock 'n' Roll.

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