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Deutsches Handball-Nationalteam : Videostudium mit dem Wanderprediger

Wanderprediger Brand: Jetzt nur noch Endspiele Bild: AFP

Im Angriff nicht richtig „für ein Tor gearbeitet“, in der Abwehr „generell zu brav“. Heiner Brand ließ nach der Polen-Pleite das Training ausfallen und seine Handball-Spieler auf Video anschauen, was sie alles falsch gemacht haben.

          Es muss nicht immer Training sein. Manchmal helfen auch andere Mittel, um eine Mannschaft voranzubringen. Ein Videostudium zum Beispiel. Darauf setzte am Dienstagvormittag auch Heiner Brand. Er sagte eine geplante Übungseinheit ab, stattdessen mussten sich die deutschen Handballspieler noch einmal mit ihrer farblosen Darbietung gegen die Polen beschäftigen. Mit all ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Sie mussten sich anschauen, was sie falsch gemacht hatten. Der Bundestrainer glaubt, dass seine Maßnahme richtig war. Dass damit tatsächlich ein Fortschritt erzielt wird bei der Weltmeisterschaft, bei der auf die Deutschen jetzt nur noch „Endspiele“, wie Brand es formulierte, zukommen. Viermal muss sich Deutschland in der Hauptrunde beweisen, es sind schwere Aufgaben.

          „Wir können alle Handball spielen“

          Die Deutschen müssen sich an diesem Mittwoch in Halle mit Slowenien auseinandersetzen, am Donnerstag in Dortmund mit Tunesien. Die letzten beiden Gegner sind Frankreich und Island. Brands Handball-Gemeinschaft ist nach der Niederlage gegen Polen ohne ein Guthaben in die nächste Turnierphase eingezogen, trotzdem versuchte der Bundestrainer, Optimismus zu demonstrieren vor den nächsten Herausforderungen. „Mit aller Macht“, sagte Brand am Dienstag, wollen die Deutschen sich ihnen stellen.

          Mit aller Macht den Aufgaben stellen

          Noch immer ist das deutsche Team zuversichtlich, das Viertelfinale erreichen zu können oder sogar das Halbfinale. „Wir haben uns ein großes Ziel gesteckt“, sagte Kapitän Markus Baur, und er machte deutlich, dass die Deutschen davon nicht abrücken werden. „Wir können alle Handball spielen“, sagte Baur im Sportjargon, es sollte wohl bedeuten: Sie können besser spielen, als sie es beim 25:27 gegen Polen getan haben.

          Handball-Prediger Brand

          Die Spieler sollen selbst erstaunt darüber gewesen sein, wie sie in diesem Duell vorgegangen waren, welche Mängel aufgetreten waren. Das erzählte jedenfalls Brand, nachdem er die Videoaufzeichnung dieses Spiels vorgeführt hatte. Der Gummersbacher wird ja nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, was verbessert werden muss. Er geriert sich dieser Tage wie ein Handball-Prediger.

          Brand redet und redet und hofft auf schnelle Lernerfolge. Immer wieder verlangt er, geduldiger zu sein, vor allem im Angriff, die „vorbereitenden Handlungen“ aber auch mit mehr Tempo und Druck auszuführen, damit Rückraumschützen wie Pascal Hens oder Christian Zeitz besser in Szene gesetzt werden können. Das war zuletzt ein großes Manko der Deutschen, ihnen fehlte in der Offensive die Durchschlagskraft. Die Spieler hätten, lamentierte Brand, „nicht für ein Tor gearbeitet“.

          Welche Linie sieht Brand?

          Mit der Abwehr, sonst ein Prunkstück Deutschlands, konnte er bisher auch nur bedingt zufrieden sein. So klagte Brand darüber, gegen die Polen in den Zweikämpfen oftmals nicht gleichwertig gewesen zu sein. Er hält sein Team sogar generell für „etwas zu brav“, das sei bislang ein Merkmal dieser WM. Für Brand gibt es nur eine Ausnahme, den Magdeburger Oliver Roggisch, der am Montag gleich den Beleg dafür lieferte: Nach drei Zeitstrafen wurde er des Feldes verwiesen.

          Wie der Lemgoer Baur, der sich zum Ende hin allzu ungestüm eingesetzt hatte und dafür - zum ersten Mal in seiner Karriere - die Rote Karte erhielt. All das beeinträchtigte die Vorstellung der Deutschen, die wenig ansehnlich war. Und es scheint fraglich zu sein, ob sie die Linie, die Brand vorgibt, rechtzeitig finden werden. Auch wenn der Gummersbacher behauptete, dass sein Team auf dem Weg nach oben sei.

          Schwarzer bleibt am Ball

          Am Dienstag nahm Brand noch einmal Retuschen an seinem Aufgebot vor, es handelte sich freilich nur um eine geringfügige Änderung. Er strich den Rückraumspieler Michael Haaß, dafür rückte Carsten Lichtlein als dritter Torhüter in den Kader. Auf Oleg Velyky müssen die Deutschen weiterhin verzichten, der Stratege von der SG Kronau/Östringen leidet noch an einer Fußverletzung. „Es macht keinen Sinn“, sagte Brand, und man merkte, dass er dies bedauert. Schließlich könnte Velyky im Rückraum für mehr Stabilität sorgen. Auch Kreisläufer Andrej Klimowets, der sich einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen hat, wird zum Hauptrundenstart vermutlich nicht zur Verfügung stehen. Somit bleibt Rückkehrer Christian Schwarzer am Ball, allerdings mag Brand die Erwartungen an ihn nicht zu hoch stecken: „Ich kann nicht verlangen, dass er Deutschland rettet.“

          Der erfahrene Lemgoer bemühte sich am Montag zumindest, seine Kollegen wiederaufzubauen. So sagte Schwarzer: „Im Endeffekt ist noch nichts passiert.“ Im Lande soll das grundsätzlich anders sein. Die Deutschen nehmen für sich Anspruch, bisher in der Öffentlichkeit schon einiges bewegt zu haben während der WM. Fanartikel, sagte Horst Bredemeier, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes, müssten nachbestellt werden, so groß sei die Nachfrage. Er sprach auch von interessanten Ergebnissen in der Vorrunde, das sei die Würze der WM. Die Deutschen jedoch haben bislang eindeutig zu wenig Pfeffer.

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