https://www.faz.net/-gtl-u5uy

Brutales Repertoire : Würgen, Kneifen, Treten

Hohe Verletzungsgefahr: Griff in den Arm beim Sprungwurf Bild: picture-alliance/ dpa

Gekonnte Torwürfe sind für Handballfans der höchste Genuss. Doch die Grenzen der Physik und des Regelwerks schaden der Wurf-Ästhetik. Bei der Handball-WM sind alle Varianten des Foulspiels zu sehen. Besonders die Schultern der Angreifer sind gefährdet.

          3 Min.

          Wenn Pascal Hens sich mit dem Ball in der Hand in die Luft schwingt und ihn mit einer explosiven Bewegung in Richtung Tor katapultiert, geht oft ein Raunen durch die Halle. Das ist beim HSV Hamburg so, wo Hens sein Geld als Handballprofi verdient; und das ist auch bei der WM so, bei der der aus Hessen stammende Rückraumspieler ein wichtiger Teil der deutschen Nationalmannschaft ist.

          Hens' Spezialität: der Sprungwurf. Anlaufen im Dreischrittrhythmus, Absprung über ein Bein, hochsteigen, den Sprung stabilisieren, werfen. Spitzenhandballspieler wie Hens beherrschen den Bewegungsablauf perfekt. Nur Weltklassetorhüter haben eine kleine Chance, an den mit deutlich mehr als 100 Kilometer pro Stunde heranschießenden Ball zu kommen. Peitschenartig wirkt dieser Wurf, wenn er optimal ausgeführt wird.

          Gekonnte Würfe und spektakuläre Tore

          Es gab sogar einmal einen Nationalspieler, der deshalb den Spitznamen „Peitsche“ trug: Das war Stefan Schoene, der in den neunziger Jahren mit der SG Wallau/Massenheim großen Erfolg hatte. Von den drei grundlegenden Wurfvarianten - es gibt noch den aus dem Stand geworfenen Stemm- oder Schlagwurf und den Fallwurf - ist der Sprungwurf wohl der dynamischste. Daneben existiert eine große Zahl von Variationen wie der Schlenzer, der Unterarmwurf oder der Dreher.

          Doppelkontakt-Abwehr: Griff in den Arm, Griff an die Brust

          Gekonnte Würfe und spektakuläre Tore sind für Handballfans der höchste Genuss. Es gibt wahre Künstler der Wurftechnik, so wie den kroatischen Superstar Ivano Balic. Er ist unglaublich beweglich, narrt seine Abwehrspieler mit Tempo und Tricks, die die Fans immer wieder begeistern. Balic wirft häufig aus vollem Lauf, ansatzlos und mit einer unglaublichen Präzision, die auch seine Pässe auszeichnet. Oder er wirft aus dem Fallen, schießt an den Beinen der Defensive vorbei ins Tor.

          Miese Tricks und böse Fouls

          Doch die Ästhetik des Wurfs hat im Handball ihre Grenzen. Sie werden nicht nur von der Physik gesetzt, sondern auch stets von der gegnerischen Abwehr. Dies geschieht beim Handball nicht selten mit überaus großer Härte. Miese Tricks und böse Fouls sind keine Ausnahme.

          Durch das hohe Tempo und die Dynamik der Bewegungen sind die Schiedsrichter häufig überfordert, weil sie verdeckte Missetaten gar nicht sehen können. Zuweilen geht es aber mit voller Offenheit regelrecht brutal zu. Würgegriffe, Kneifen, auf die Füße springen: Die Liste der Fouls ist lang in dieser Sportart.

          Starke Muskulatur als Schulter-Versicherung

          Ein besonders brutales und leider sehr alltägliches Foul ist der Griff in den Wurfarm. Er kann schlimme Folgen haben, wie bei Jan Olaf Immel, dem Großwallstädter Rückraumspieler. Am 18. Dezember 2004 erwischte es den hünenhaften Angreifer, als ihm im Spiel beim VfL Gummersbach ein Verteidiger so heftig in den Wurfarm griff, dass eine Sehne in der Schulter riss.

          Immel spielt zwar wieder für Großwallstadt, leidet aber immer noch an den Nachwirkungen seiner schweren Schulterverletzung. Ohne sie stünde er wohl bei dieser WM im Kader von Bundestrainer Heiner Brand. Andere Profis wie der ehemalige Wallauer Nenad Perunicic haben sich gar nicht mehr von einem solchen Foul erholt.

          Extreme Kräfte, die das beste Gelenk nicht aushält

          Das Schultergelenk ist - im bildhaften Sinne - die Achillesferse der Handballspieler. Anders als beispielsweise das Kniegelenk ist es nicht zusätzlich durch eine Knochenplatte geschützt und dadurch anfällig für Verletzungen. Lediglich die Muskeln wirken wie Protektoren; je besser sie ausgebildet sind, desto wirksamer ist ihr Schutz.

          Durch modernes Training verfügen die meisten Bundesligaprofis über eine exzellente Muskulatur. Aber auch sie ist keine Versicherung vor schweren Blessuren. Greift ein Gegenspieler einem Mann wie Immel, der beim Sprungwurf in einer Aufwärts- und Vorwärtsbewegung ist und gleichzeitig versucht, den Ball mit einem mächtigen Zug zu beschleunigen, in den Arm, entstehen extreme Kräfte, die das beste Gelenk nicht aushält.

          93 Prozent Auffälligkeiten

          Eine Studie, die vor dieser WM von der Universität Heidelberg vorgestellt wurde, berichtet von 30 untersuchten ehemaligen Bundesligaprofis. 93 Prozent von ihnen wiesen Auffälligkeiten an der Schulter auf. „Die Probleme beginnen meist erst nach der Karriere, wenn die optimal trainierte Schulter wieder in den Normalzustand übergeht“, sagt Markus Neumann, Leitender Oberarzt der Unfallchirurgie am Mannheimer Theresien-Krankenhaus, wo die Spieler der WM-Hauptrundengruppe zwei betreut wurden.

          Fast jeder Handballspieler müsse im Laufe seiner Karriere zahllose Schulterzerrungen und etliche kleinere Verletzungen der Gelenkkapsel hinnehmen. Die Therapiemaßnahmen sind bei akuten Verletzungen wie bei Verschleißerscheinungen langwierig und aufwendig. Oft ist jahrelange Geduld nötig, so wie in Immels Fall. Und manchmal hilft auch sie nicht, und der Leidensweg endet in der Sportinvalidität.

          Fernsehbeweis ärztlich empfohlen

          Handball ist kein Sport für empfindsame Athleten. Nehmerqualität ist nötig und eine hohe Risikobereitschaft. „Ich glaube, dass hier ein bisschen nachgedacht werden muss“, sagt der Mediziner Neumann, der selbst Handball in der Regionalliga gespielt hat. „Handballspieler sind die letzten Heroes des Sports.“ Und immer wenn Neumann sich im Fernsehen Fußball ansieht, wundert er sich über die „Profis, die nicht einmal berührt worden sind und den sterbenden Schwan mimen“.

          Ist Handball zu brutal? Neumann zögert kurz und sagt: „Ich denke: ja.“ Gibt es Abhilfe? Neumann, als halbrechter Rückraumspieler einst vom damaligen Bundesligaklub SG Leutershausen umworben, kennt sich aus: „Härtere Strafen, mehr Schiedsrichter, Fernsehbeweis.“ Alles Änderungen, die schon lange gefordert werden. Nun sind sie auch noch ärztlich empfohlen.

          Weitere Themen

          BVB entgeht der Blamage nur knapp

          Nach 0:3-Rückstand : BVB entgeht der Blamage nur knapp

          Gegen Bundesliga-Schlusslicht SC Paderborn kann Borussia Dortmund ein weiteres Debakel nur mit großer Mühe abwenden: Ideenlos und ängstlich erkämpfen sich die Schwarz-Gelben gerade noch ein Unentschieden.

          Wellenreiten für zwischendurch Video-Seite öffnen

          Lagerhalle in Berlin : Wellenreiten für zwischendurch

          Wellenhöhe wie auch Wasser-Fließgeschwindigkeit lassen sich individuell an die Bedürfnisse des Wellenreiters anpassen. Für Anfänger steht zusätzlich eine Haltestange bereit, bis zu sechs Neulinge können gleichzeitig üben.

          Topmeldungen

          Darf´s ein bisschen mehr sein? Wenn es nach ARD und ZDF geht, gilt das für den Rundfunkbeitrag immer.

          Gutachten zu Finanzen : Gehälter bei ARD und ZDF sind zu hoch

          Die Finanzkommission Kef schlägt vor, wie hoch der Rundfunkbeitrag sein soll. Sie prüft, wofür die Öffentlich-Rechtlichen Geld ausgeben. Jetzt stellt die Kommission fest, die Gehälter bei ARD und ZDF seien zu hoch. Besonders bei einigen Sendern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.