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Handball : „Mein Kopf war nur noch Handball“

  • -Aktualisiert am

Rasmussens großer Erfolg: Flensburgs Pokalsieg Bild: dpa/dpaweb

Erik Veje Rasmussen, dänischer Handball-“Philosoph“ und Trainer der SG Flensburg-Handwitt verläßt seinen Verein und Deutschland. Er hat einen europäischen Spitzenklub geformt - aber das ist nicht alles im Leben.

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          Daß es bald ein Ende haben müßte mit dem Hochleistungshandball, mit dem großen Druck und der alleinigen Verantwortung, merkte Erik Veje Rasmussen beim „Mensch ärgere Dich nicht“. Eigentlich sollte es in diesen Momenten nur darum gehen, ob er jetzt die gelben oder grünen Hütchen seiner Kinder herausschmeißt. Aber etwas in Rasmussens Kopf dachte ständig an Handball: „Soll Klimowets am Kreis spielen oder Dragunski? Wäre Berge in der nächsten Partie der bessere Spielmacher oder Boldsen?“

          Seine Gedanken waren überall, aber nicht auf dem kleinen Spielbrett auf dem Tisch vor ihm. „Mein Kopf war nur noch Handball“, sagt Erik Veje Rasmussen heute, wenn er an die Zeit vor etwa einem halben Jahr denkt, „ich konnte die Arbeit auch zu Hause nicht verlassen.“ Der Spagat zwischen Beruf und Familie wird ab dem 1. Juli nicht mehr in dieser krassen Form notwendig sein: Der 44 Jahre alte Handballtrainer verläßt den deutschen Pokalsieger SG Flensburg-Handewitt und wird ab der kommenden Saison den dänischen Tabellenfünften Aarhus GF trainieren.

          Rasmussen ist sich selbst fremd geworden

          Dort geht es wesentlich gemächlicher zu als in der Bundesliga; Rasmussen stellt sich auf einen ruhigen Halbtagsjob ein. Der Weltenbummler, der mehr als 16 Jahre im Ausland spielte und trainierte, möchte im Osten der Insel Jütland mit seiner Familie heimisch werden und hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben. An diesem Mittwoch wird Rasmussen zum letzten Mal an der Seitenlinie der Campushalle stehen, wenn der Tabellenzweite aus Flensburg den deutschen Meister TBV Lemgo empfängt. „Die Entscheidung, Flensburg zu verlassen, ist mir erstaunlicherweise gar nicht schwergefallen“, sagt Rasmussen. Er war sich irgendwann selbst fremd geworden als Stehaufmännchen an der Linie, als wichtigster Mann beim liebsten Kind der Stadt an der Förde. Nun will er ein paar Gänge zurückschalten und mehr Zeit für seine Frau und die vier Kinder haben.

          Der in Dragsholm auf der Insel Seeland geborene Rasmussen ist jemand, der sich selbst ständig hinterfragt. Gespräche mit ihm geraten nicht selten zu philosophischen Diskursen. Daß ihm der Handball nie alles war, hat man dem in Kopenhagen zum Lehrer und Anwalt ausgebildeten Mann immer angemerkt. In Aarhus wird er stundenweise als Personalentwickler eines großen Unternehmens arbeiten. Ein Angebot als rechte Hand eines dänischen Bankvorsitzenden hat er abgelehnt. Rasmussen gehört zu den 100 bekanntesten Persönlichkeiten des kleinen Königreichs.

          Von einer Fahrstuhlmannschaft zum europäischen Spitzenteam

          In seinen fünf Jahren in Flensburg, in denen er die SG in der Nachfolge von Anders Dahl-Nielsen von einer Fahrstuhlmannschaft zu einem europäischen Spitzenteam formte, hat Rasmussen Höhen und Tiefen erlebt. Das Etikett „ewiger Zweiter“ ist den Flensburgern angeheftet worden, weil sie unter Rasmussens Regie so oft knapp gescheitert sind - zweimal in der Meisterschaft, einmal im Pokal, zweimal im Europacup. Alles seine Schuld, sagen die Kritiker, er habe zu sehr auf seine nervenschwachen dänischen Landsleute gesetzt (Christiansen, Stryger, Boldsen, Jeppesen, Hjermind) und in entscheidenden Phasen zu viel ein- und ausgewechselt. Rasmussen sagt, er habe aus den Flensburger Möglichkeiten das Optimale herausgeholt: „Manchmal hat doch wirklich nur das Glück gefehlt.“

          Wie sehr ihn das „Vize“-Attribut aber gestört hat, merkte man ihm nach dem Sieg im DHB-Pokal Ende April 2003 in Hamburg an. Da verzog er sich nach dem 31:30 gegen TUSEM Essen in die Kabine, verdrückte ein paar Tränen und sagte später: „Hätten wir verloren, wären wir wirklich die Loser gewesen, die ewigen Zweiten.“ In solchen Momenten wurde der von Jahr zu Jahr heftiger werdende Druck auf ihn spürbar: „Ich habe mich manchmal selbst nicht wiedererkannt.“

          Rasmussen überläßt seinem Nachfolger Kent-Harry Andersson (noch Nordhorn) ein intaktes Team. Entscheidende Verträge mit Leistungsträgern wie dem Torschützenkönig der Bundesliga, Lars Christiansen, sind verlängert. Ein professionelleres Management mit Thorsten Storm an der Spitze ist installiert, die neue Campushalle steht - in Rasmussens fünf Jahren an der Förde ist das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft gelegt worden. Daß er selbst davon nicht mehr profitiert, ist seine freie Entscheidung gewesen. Rasmussen sagt: „Ich kann mich über nichts beschweren. Ich bin gut bezahlt und in der Stadt immer freundlich behandelt worden. Aber Trainer in der Bundesliga sein, ist ein einsamer Job.“

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