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Handball-EM gegen Spanien : Die Gründe für das deutsche Debakel

  • -Aktualisiert am

Ein schwarzer Tag: die deutschen Handballspieler nach der Niederlage gegen Spanien Bild: dpa

Bei der Niederlage gegen Spanien erlebt die deutsche Mannschaft eine böse Überraschung. Für Torwart Andreas Wolff ist es wohl eines der schlimmsten Spiele seiner Karriere. Der Bundestrainer gerät in Rage.

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          In der Halbzeit lief Andreas Wolff einsam über das Spielfeld. Die Mannschaften waren in der Kabine. Ein paar Schritte Richtung Mittellinie, dann zurück zum Tor. Hin und her, in Gedanken versunken. Das Spiel an diesem Samstagabend im Trondheimer Spektrum sollte sein Spiel werden. Spanien! Was für Erinnerungen. Gegen die Iberer war vor ziemlich genau vier Jahren sein Stern aufgegangen. Als Nobody aus Wetzlar gekommen, als Europameister aus Polen heimgekehrt; seine sagenhafte Quote gehaltener Bälle von mehr als vierzig Prozent beim Finalsieg über die Iberer im Januar 2016 hatte ganz Handball-Deutschland zum Jubeln gebracht.

          Mit voller Überzeugung hatte er vor dieser EM gesagt, dass er den Titel wolle, dass für ihn nur der Sieg zähle. Hinter einem starken Wolff wollten sich die Deutschen versammeln. Aber das ging im zweiten Vorrundenspiel der Deutschen bei dieser kontinentalen Messe des Handballs in Norwegen, Schweden und Österreich nach hinten los. 26:33 verlor die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop gegen Spanien – und das Ergebnis war noch schmeichelhaft. Mutlos und fehlerhaft ließen die deutsche Elite-Handballer dieses Debakel am Ende über sich ergehen. Torwart Wolff saß noch Minuten nach dem Abpfiff mit dem Handtuch vor dem Gesicht auf einem Stuhl. Es dürfte eines der schlimmsten Spiele seiner Karriere gewesen sein, denn eine Parade bei 16 Würfen ergeben eine unterirdische Ausbeute von sechs Prozent.

          Dabei gab ihm Prokop eine zweite Chance, als er ihn zur zweiten Halbzeit wieder einwechselte, nachdem er schon in der zwölften Minute Johannes Bitter ins deutsche Tor beordert hatte. Beim Schlusspfiff stand Bitter wieder auf dem Feld, denn auch Wolffs „zweiter Versuch“ an diesem schwarzen Tag scheiterte. Während Wolff zunächst die Worte fehlten, fand Bitter die Zeit für eine kurze Analyse: „Wir haben nie in den Kampfmodus gefunden, den wir uns vorgenommen hatten. Wir lagen schnell mit 1:6 zurück, das schüttelst du so schnell nicht ab. Spanien hat mit Erfahrung und Selbstsicherheit dann das Spiel diktiert.“

          Nach dieser bösen Überraschung der vor allem in der Spielsteuerung überforderten Deutschen gibt es am Montag (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF) ein Endspiel um den zweiten Gruppenplatz. Prokops Sieben muss gegen Lettland gewinnen, um hinter Spanien die Hauptrunde in Wien zu erreichen. Auf dem erhofften, aber in dieser Form völlig unrealistischen Weg ins Halbfinale müssen die Deutschen in Wien gegen Kroatien und alle drei anderen Gegner gewinnen, um die Endrunde in Stockholm nicht zu verpassen.

          Doch von entfernten Zielen wollte niemand im Lager des Deutschen Handballbundes (DHB) sprechen. „Wir hatten von der ersten Minute an Verunsicherung im Spiel. Dabei war alles klar angesprochen, was wir machen wollten“, sagte Prokop, „wir gehen einfach sehr schlampig ins Spiel, werfen die Bälle weg. Wir hatten keine Torwartleistung und eine unterirdische Angriffseffektivität. Natürlich hat der gegnerische Torwart auch gut gehalten. Insgesamt hat uns eine top besetzte spanische Mannschaft die Grenzen aufgezeigt.“

          Prokop muss aus eigenem Interesse daran erinnern, dass hier eine deutsche Mannschaft spielt, die es so noch nie gab, und wohl auch nicht mehr geben wird. Halbrechts und in der Mitte fehlen vier verletzte Stammkräfte. Das ist zu viel, um ein ernsthafter Medaillenkandidat zu sein – selbst wenn noch so viel Teamgeist und Wille vorhanden sind, wie es aus der Mannschaft heißt: Am Samstag war davon wenig zu sehen. Einzig Hendrik Pekeler spielte dem Anlass angemessen und erzielte fünf Tore.

          Prokop probierte viel. Wechselte hin und her. Ließ zur Pause die arrivierten Uwe Gensheimer und Tobias Reichmann draußen. Legte die Regie in verschiedene Hände. Weder Paul Drux noch Philipp Weber fanden Lösungen gegen die offensive spanische Abwehr. Dass er den talentierten Marian Michalczik sitzen ließ, begründete Prokop so: „Ich wollte nicht noch einen Wechsel dazu bringen. Das wäre der siebte Rückraumspieler gewesen. Das ist zu viel.“

          Bewegung im Spiel wäre eine Idee gewesen, aber Deutschland spielte gegen die offensive spanische Deckung Standhandball, verlor die Bälle, warf sie ins Aus. Man muss wissen, dass viele Veteranen in Spaniens Stammsieben stehen, die nicht mehr bei Top-Teams unterwegs sind – aber Joan Canellas und Jorge Maqueda spielten ihren Zeitlupen-Handball erfolgreich, trafen selbst oder setzten Alex Duschebajew in Szene.

          Als Prokop auf eine 3:2:1-Abwehr umstellte, wurde es besser; bei Julius Kühns Tor zum 9:10 aus deutscher Sicht war die DHB-Auswahl wieder dran. Zur Pause beim 11:14 schien noch alles möglich. Doch es blieb bei diesem Vorsprung von drei, vier Toren für den Titelverteidiger, und als die Torwartleistung vollends ausblieb, rauschten die Deutschen in diese Niederlage. Zehn Tore Rückstand in der 51. Minute, das brachte Prokop in Rage: „In Sachen Leidenschaft und Emotion haben wir in der Endphase abgebaut.“ Als die Spanier einen Gang rausnahmen, milderte die erste DHB-Auswahl das Ergebnis etwas.

          Nun muss Lettland besiegt werden, am Samstag unterlegen gegen die Niederlande, und wie Holland international zweitklassig. Mit hörbarem Zweifel am eigenen Team sagte Prokop zu diesem Gruppenfinale: „Wir kannten diese Ausgangsposition, und wir haben sie jetzt bekommen. Wir sind stärker als Lettland. Wenn wir unsere Leistung bringen.“ Von den selbsternannten Anführern Gensheimer, Böhm und Wolff erwartet Prokop nun eine Reaktion.

          Handball-EM 2020

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