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Handballprofi Steffen Weinhold : Der Anführer im Hintergrund

  • -Aktualisiert am

Steffen Weinhold soll das deutsche Handball-Team möglichst weit durch die EM führen Bild: dpa

Deckungsstark, intelligent und belastbar: Nach der jüngsten Verletzungsmisere hängt es vor allem von Steffen Weinhold ab, wie weit das deutsche Handball-Team bei der EM in Polen kommen wird.

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          Endlich mal angemessenes Wetter für den bekennenden Mützenträger Steffen Weinhold. Mit Einzug des Winters in Deutschland kann Weinhold die schönsten Exemplare seiner großen Sammlung wieder aufsetzen und vorführen. Für Mode interessiert sich der 29 Jahre alte Handballprofi ansonsten nicht besonders – er ist der Typ Jeans, T-Shirt, Sportschuhe. Aber etwas Wolliges auf dem Kopf, ruhig auch mit Bommel oder knallbunt, das schätzt der gebürtige Fürther, der längst im kalten Norden heimisch geworden ist.

          Gut behütet läuft Weinhold auch durch Berlin. Dort bereitet sich die Nationalmannschaft gerade auf die Europameisterschaft Mitte Januar in Polen vor. Ein Kerl wie Weinhold, nervenstark, beliebt, unerschrocken, kann dem ersatzgeschwächten Team des Bundestrainers Dagur Sigurdsson nur helfen. „Natürlich haben wir Ausfälle, die weh tun“, sagt Weinhold, „aber wir sind als Mannschaft immer noch stark.“ Nominell startet die DHB-Auswahl erheblich geschwächt ins polnische Abenteuer.

          Genau hinsehen für den zweiten Linksaußen

          Nach Patrick Wiencek, Paul Drux, Kapitän Uwe Gensheimer und Patrick Groetzki muss Sigurdsson auch noch auf den Melsunger Linksaußen Michael Allendorf verzichten. Nun steht der junge Kieler Rune Dahmke allein dort - und ist selbst eben erst von einer Knöchelverletzung genesen. Sigurdsson trainiert in Berlin zunächst mit reduziertem Kader weiter. Um einen zweiten Linksaußen zu finden, muss der Bundestrainer schon genau hinsehen. Langsam gehen ihm die Kandidaten aus. Immerhin hat er noch drei Mal die Möglichkeit zum Testen: am Dienstag (20.15 Uhr/ live in Sport 1) in Stuttgart gegen Tunesien und am Samstag und Sonntag in Kassel und Hannover gegen Island. Die Deutschen starten am 16. Januar in Breslau gegen Spanien in die EM.

          Ob es gelingt, die Hauptrunde mit guten Aussichten aufs Halbfinale zu erreichen, wird in Polen wesentlich von Weinhold abhängen. Er ist über die Jahre zu einem der Anführer geworden, mit Fähigkeiten, die sein Vereinstrainer Alfred Gislason so beschreibt: „Steffen ist deckungsstark, spielerisch intelligent, nervlich sehr belastbar, und er geht dahin, wo es weh tut.“ Im vergangenen Sommer verlängerte der THW den Vertrag mit ihm bis 2020; damals sprach der Kieler Manager von einem der „weltweit begehrtesten Linkshänder“.

          Mit solchen Superlativen kann Weinhold allerdings wenig anfangen. Er sagt: „Im Handball gewinnt keiner etwas im Alleingang. Mir ist aber bewusst, das gewisse Spielertypen nötig sind, damit unser Sport besser zur Geltung kommt. Wir wollen mit der Nationalmannschaft einen Schub hinkriegen, der uns über die nächsten Jahre trägt.“ Weinhold ist in allen Gruppen einer Mannschaft willkommen - auch, weil er selbst Sekunden vor Schluss Verantwortung übernimmt: „Ich glaube an mich. Ich habe vor allen Wechseln nicht gezweifelt, sondern gewusst, dass ich es schaffen kann. Das nimmt dir Versagensängste.“

          Über die Stationen Erlangen, Nordhorn und Großwallstadt zog der Linkshänder 2012 nordwärts. Erst SG Flensburg, dann zwei Jahre später THW Kiel. Was wie eine am Reißbrett geplante Karriere wirkt, habe sich eher so entwickelt, sagt Weinhold: „An vielen Punkten stand ich an Abzweigen. Die musste ich richtig treffen. Das hat gepasst. Bei mir gehörte der Ehrgeiz dazu, Titel zu gewinnen. Und dann hatte ich in Ljubomir Vranjes, Dagur Sigurdsson und nun Alfred Gislason drei der fünf weltbesten Trainer.“

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          Auf dem Parkett ist Steffen im Erdgeschoss unterwegs. Da, wo sich alle tummeln. Er liebt den Nahkampf. Während größere Rückraumspieler über die Abwehr werfen können, wühlt er sich mit seinen 191 Zentimetern in die Defensive, trifft aus acht, neun Metern. Immer wieder in die menschliche Mauer namens Abwehr zu rennen tut weh. Deswegen legt er sich ganz in Per-Mertesacker-Manier nach Spielen gern in die Eistonne.

          Spielplan der Handball-EM 2016: Termine und Ergebnisse

          Als die Nationalmannschaft im Januar 2015 bei der WM in Qatar bis zum Viertelfinal-Aus überzeugte und Weinhold stärkster Feldspieler war, wurde die weniger handballaffine Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam. Weinhold schmunzelt und sagt: „Ich war bei der WM zwei Jahre vorher in Spanien auch schon gut. Aber das hat irgendwie keiner gemerkt.“ Also spielte er das Spielchen geduldig mit. Er sagt: „Manchmal wundere ich mich schon über die Fragen. Natürlich merke ich, wenn einer keine Ahnung hat oder sich eben noch zwei Sätze über mich angelesen hat.“

          Die öffentliche Anteilnahme an seinem Leben als Handballprofi, gerade in Kiel, ist ihm manchmal fremd. Freundlich-zurückhaltend bleibt er und geizt mit freiwilligen Informationen. Twitter, Facebook, Instagram? Bitte nicht. „Wen sollte das interessieren, etwas von mir zu lesen oder zu sehen?“

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