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Österreichs Handball-Sternstunde : „Ich dachte, der ist deppert“

  • -Aktualisiert am

„Der ist deppert”: Wagesreiter (Foto hinten) traf in letzter Sekunde zum Ausgleich Bild:

Der EM-Gastgeber träumt nach dem Unentschieden gegen Island von einem Handballmärchen. Gegen Serbien muss Österreich nachlegen, um in die Hauptrunde einzuziehen. Das Motto: „Nützt die Chance und setzt euch ein Denkmal.“

          Ach, Austria, glückliche Nation: Jetzt sind sogar die Handballspieler imstande, dem Land bewegende Momente zu bescheren. Natürlich ist nicht ganz Österreich außer Rand und Band, Handball genießt dort schließlich nicht allerhöchste Priorität. Aber mancher Österreicher freut sich nun doch bestimmt wie ein Schneekönig, das war ja auch ein starkes Stück der Nationalmannschaft: ein 37:37 gegen Island, gegen den Olympia-Zweiten, so was geschieht nicht alle Tage.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das muss selbstredend entsprechend gewürdigt werden, die „Kronen-Zeitung“ zum Beispiel tat dies in unnachahmlicher Weise. Sie beschrieb das bemerkenswerte Geschehen in Linz als eine „historische Sternstunde“. Dazu muss man wissen: Die Österreicher nehmen erstmals an einer Handball-Europameisterschaft teil. Mit diesem Pünktchen vom Donnerstag ist die Hauptrunde allerdings noch nicht erreicht. Da muss Österreich an diesem Samstag gegen Serbien nachlegen.

          Immerhin, die österreichischen Handballfreunde sind inzwischen guter Hoffnung, dass ihr Team dem Turnier noch eine Weile erhalten bleibt. Gerade hat Andreas Dittert, ein ehemaliger Nationalspieler, einen flammenden Appell an die Spieler gerichtet, die günstige Gelegenheit entschlossen beim Schopf zu packen. Als Kolumnist der „Kronen-Zeitung“ ließ er verlauten: „Nützt die Chance und setzt euch ein Denkmal.“

          Kollektiver Jubel bei der österreichen Mannschaft nach dem 37:37 gegen Island

          Unbekannte Handball-Regeln

          In Linz jedenfalls waren 5500 Zuschauer begeistert von einem Team, das in letzter Sekunde den Ausgleich gegen Island schaffte – mit einem außergewöhnlichen Treffer. Der Mann der Stunde war Markus Wagesreiter, der den Ball kurzerhand aus der eigenen Hälfte, vielleicht aus etwa 30 Metern, ins isländische Tor warf. Der isländische Schlussmann konnte gar nicht mehr eingreifen, er stand zu weit vor seinem Tor, er hatte einfach nicht mehr mit einem österreichischen Angriff gerechnet – Künstlerpech.

          Allerdings waren nicht nur die Isländer verblüfft, der Geistesblitz von Wagesreiter erstaunte auch die einheimischen Beobachter. In der „Kronen-Zeitung“ etwa war zu lesen: „Der Ball flog und flog und flog. In hohem Bogen. Eine gefühlte Ewigkeit.“ Und Wagesreiters Kameraden? Die trauten ihren Augen ebenfalls nicht. „Ich dachte, der ist deppert“, sagte Martin Abadir. Aber bitte schön, der Zweck heiligt die Mittel. „Dieses Finish“, sagte Torhüter Nikola Marinovic, „war ein Wunder“.

          Dieser Meinung war auch Gudmundur Gudmundsson, der isländische Coach, allerdings sah er das aus einer anderen Warte. Er haderte mit den rumänischen Schiedsrichtern, denen er vorwarf, am Schluss eine bisher unbekannte Handball-Regel ins Spiel gebracht zu haben. „Sie haben in den letzten zwei Minuten bei jeder Unterbrechung und jedem Tor von Österreich die Zeit gestoppt. Als Österreich das letzte Tor gemacht hat, haben sie die Zeit dann auf einmal nicht mehr angehalten.“ Ja, der Handball steckt manchmal voller Überraschungen.

          Macht den Wagesreiter

          Aber Handball-Österreich schwelgt nun, und Deutschland ist daran nicht ganz unbeteiligt. Der mutige Wagesreiter spielt schließlich in Balingen, Viktor Szilagyi steht beim VfL Gummersbach unter Vertrag, Konrad Wilczynski verdient sein Geld bei den Berliner Füchsen. Mit den Erfahrungen aus der Bundesliga lässt sich einiges bewerkstelligen. Zudem gilt der Trainer, der Isländer Dagur Sigurdsson, als ein Mann mit Visionen. Mit seiner Hilfe soll, nach mehreren gescheiterten Versuchen, der Männer-Handball in Österreich deutlich an Popularität gewinnen. Bisher sei doch alles, sagte Wilczynski in deftigen Worten, „irgendwie ziemlich provinziell“ gewesen.

          Aber vielleicht lässt sich, wenn Österreich bei der EM weiter von sich reden macht, doch der Nachwuchs ködern. „Vielleicht“, sagte Wilczynski, „wollen dann in ein paar Jahren die österreichischen Burschen nicht mehr nur Skirennläufer werden, sondern sogar Handballer.“ Die Stars von morgen, meldete soeben der „Kurier“, seien bereits im Anflug – im Gymnasium Bad Vöslau gebe es mittlerweile eine eigene Handballklasse. Da könnte demnächst, zu Ehren des Helden von Linz, eine neue Übung auf dem Stundenplan stehen: Macht den Wagesreiter.

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