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Handball-Europameister : Und als nächstes Gold bei Olympia?

  • -Aktualisiert am

Die besten in Europa – aber an die nächste Medaille denkt noch niemand bei den deutschen Handballern. Bild: AP

Bundestrainer Sigurdsson formte die deutschen Handballer bei der EM zu einer „Generation Gold“. Die Perspektiven sind glänzend. Doch auf dem Olymp wähnt sich vor den Spielen in Rio niemand.

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          Erst mal Luft holen, frische Kräfte sammeln. Die Zukunft kann ein bisschen warten. An das Morgen mag Dagur Sigurdsson, im Moment zumindest, nicht groß denken. „Was kommt, ist mir jetzt eigentlich egal“, sagte der Architekt des neuen Handball-Deutschlands vor dem Abflug nach Berlin zum feierlichen Empfang. Der Isländer wird sich, davon ist auszugehen, rechtzeitig wieder mit allen Sinnen auf seine Aufgabe konzentrieren.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Wie er das auch zuletzt gemacht hatte, im Prinzip seit eineinhalb Jahren, in denen er als Bundestrainer die Nationalmannschaft Schritt für Schritt wieder näher an die Elite des Handballs heranführte. Und sie plötzlich sogar zu einer „Generation Gold“ formte. „Wir sind ganz oben“, sagte Sigurdsson, „das muss man einfach sagen.“ Als hätte dies nach dem Triumph von Krakau wirklich noch einmal klar erläutert werden müssen. „Wir sind die Besten in Europa. Punkt.“

          Es ist nicht zuletzt das Verdienst des Isländers, dass Deutschland den Handball, tief verwurzelt in der nationalen Sportkultur, wieder als ein Hochglanzprodukt betrachtet. Umso mehr, als die fette Beute von Polen nicht nur den ersten Titel seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2007 im eigenen Land beinhaltet. Zum frisch erworbenen Ruhm gehört außerdem, sich direkt den Zugang zu den Olympischen Spielen in Rio und zur Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich erkämpft zu haben.

          Das gibt Planungssicherheit, und es verschafft Freiräume. Die weitgehend jungen Nationalspieler erhalten dadurch Gelegenheit, in Ruhe, ohne die Belastung von Qualifikations-Turnieren, an ihrer weiteren Entwicklung arbeiten zu können. Die Herausforderung Olympia nimmt nach Ansicht von Sigurdsson bei diesem Prozess des Lernens eine bedeutende Rolle ein. Sein junges Team sei dort wieder gezwungen, unter Druck zu spielen, sagte er. „So wächst man auch.“

          „Davon sind wir meilenweit entfernt“

          Sigurdsson, der versierte Taktiker, sprach wohlweislich nicht von einer weiteren möglichen Medaille. Diese Bürde mag er seinen Spielern nicht auflasten. Es wäre sicherlich auch vermessen zu sagen, dass Deutschland nun in jedem Fall automatisch zu den großen Favoriten bei allen wichtigen Turnieren zählt. Sigurdsson ließ sich deswegen auch nicht dazu verführen, trotz der glorreichen Tage in Polen gleich von einer neuen Ära des deutschen Handballs zu sprechen.

          Er sagte stattdessen, dass es acht bis zehn Nationen gebe, die dicht beieinander lägen. Das wiedererstarkte Deutschland ist natürlich in diesem Kreis anzusiedeln Auch Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), gerierte sich trotz des rasanten Aufschwungs als Mahner. Deutschland sei noch nicht wieder eine Weltmacht im Handball, betonte er. Das ließe sich nur sagen, wenn „du die Dänen oder Franzosen in zehn Spielen siebenmal besiegst. Davon sind wir meilenweit entfernt.“

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          Die Perspektiven für den Verband und das Flaggschiff Nationalteam sind trotzdem glänzend. Sie werden von einem beträchtlichen Aufwind getragen. Und von einer Fülle von Talenten, die mit dem Coup in Polen beste Werbung für sich und den deutschen Handball betrieben haben. Vielleicht, sagte der überragende Torhüter Andreas Wolff, habe man die Geburt eines neuen Teams erlebt. Der Wetzlarer ist dabei eine tragende Säule, mit dem Wechsel zum Serienmeister THW Kiel könnte er bald einen weiteren Qualitätssprung machen. Dazu gibt es Aufsteiger wie Finn Lemke, Kai Häfner, Rune Dahmke oder Jannik Kohlbacher – ein enormes Reservoir an Hochbegabten also.

          Sigurdsson wird überdies demnächst wieder auf Stützen wie Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Patrick Wiencek sowie den aufstrebenden Berliner Paul Drux bauen können, die diese Europameisterschaft wegen Verletzungen verpasst hatten. Ihre Rückkehr muss nicht zwangsläufig zu einem großen Verdrängungswettbewerb im Nationalteam führen. Dem Bundestrainer ist zuzutrauen, daraus ein gedeihliches Miteinander zu gestalten – ohne Schaden für den Teamgeist, der ein wesentliches Element des Hochs in Polen war.

          „Wir sind keineswegs schon auf dem Olymp“

          Auch die Bundesliga hat angekündigt, die Ware Handball nun weiter kräftig aufpolieren zu wollen. „Das Team hat eine Steilvorlage geliefert. Jetzt liegt es an uns, was wir daraus machen“, sagte Liga-Präsident Uwe Schwenker. Der Schub von Polen soll zu größerer Nachhaltigkeit führen als 2007, als die Klubs sich, geleitet von immenser Euphorie, unter anderem zu waghalsigen finanziellen Manövern hatten verleiten lassen. Hanning, neben seinem Amt beim DHB auch Macher bei den Berliner Füchsen, glaubt, dass dies nicht wieder vorkommen wird. „Die Manager werden die Fehler nicht ein zweites Mal machen.“

          Darüber wird nun auch unter den Vereinen in Nürnberg zu reden sein, wo die Europameister am Freitag zum All-Star-Game gegen eine internationale Bundesliga-Auswahl antreten. Was dieser Tage geschehen sei, sagte Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann, „hilft uns extrem weiter“. Man müsse dennoch auf dem Boden bleiben und seine Hausaufgaben machen. „Wir sind keineswegs schon auf dem Olymp.“

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