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Heiner Brand : Der ewige Baumeister

  • -Aktualisiert am

Deutschland sei mit den Größen des europäischen Handballs auf Augenhöhe, glaubt Heiner Brand Bild: dpa

Handball-Bundestrainer Heiner Brand geht unbeirrt seinen Weg. Trotz schwacher Tests ist er von seinem Team überzeugt. Doch auf die deutsche Mannschaft warten knifflige Aufgaben. Zum Start am Dienstag (18.30 Uhr) geht es gegen Polen.

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          Heiner Brand hat Besserung gelobt, ganz fest. „Die Faust“, sagt er, „muss gar nicht dabei sein.“ Vielleicht wird er in Österreich mal auf den Tisch hauen, das könnte ohne weiteres sein. Brand hatte das auch zuletzt getan, bei den wenig überzeugenden Tests für die Europameisterschaft, die für die deutsche Handball-Nationalmannschaft an diesem Dienstag in Innsbruck mit dem Spiel gegen Polen (18.30 Uhr / Handball-EM-Liveticker) beginnt. Der Bundestrainer war verärgert, seine Spieler hatten das deutlich zu spüren bekommen. „Wenn ich mich nicht mehr aufrege“, sagt Brand, „kann ich auch in Rente gehen.“

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er ist davon natürlich noch ein gutes Stück entfernt. Aber eine Drohgebärde wie vor einem Jahr bei der Weltmeisterschaft in Kroatien, als Brands Zorn sich in aufsehenerregender Weise gegen zwei slowenische Schiedsrichter richtete, wird man von ihm nicht mehr sehen. „Das wird nicht wieder vorkommen.“ Er spricht nun lieber von einer anderen Geste, von den „Brand-Armen“, die - ausgebreitet - auf Freude hindeuten könnten. Eine Garantie dafür gibt es selbstverständlich nicht.

          Belastung und Ansporn

          Die Deutschen müssen sich ja in Innsbruck mit kniffligen Fällen auseinandersetzen. Am Mittwoch schon treffen sie auf den zweiten Gegner, auf Slowenien, und am Freitag zum Abschluss der Vorrunde auf Schweden. Sie müssen mindestens Dritte in dieser Gruppe werden, um sich für die Hauptrunde zu qualifizieren. Bestimmte Ziele allerdings mag Brand, der akribische Arbeiter, nicht öffentlich formulieren, er bleibt auch da seiner Linie treu. „Wir haben nicht die Aufgabe, zu träumen.“ Brands Team ist schließlich ziemlich jung, „noch ist nicht alles ganz ausgereift“, sagt der Hamburger Linksaußen Torsten Jansen.

          Heiner Brand beim WM-Spiel gegen Kroatien: Drohgebärden werden „nicht wieder vorkommen”
          Heiner Brand beim WM-Spiel gegen Kroatien: Drohgebärden werden „nicht wieder vorkommen” : Bild: picture-alliance/ dpa

          Und wie fast immer bei wichtigen Turnieren muss der Bundestrainer auf wichtige Kräfte verzichten, diesmal auf den Rückraumspieler Pascal Hens und auf Kreisläufer Sebastian Preiß. Das ist eine Belastung, einerseits, aber den Bundestrainer spornt dies auch an. Einen Tag vor dem ersten Spiel gegen den WM-Dritten Polen nominierte Brand 15 von 16 möglichen Spielern und hielt sich damit die Möglichkeit offen, im Verlauf der Vorrunde im Verletzungsfall einen Feldspieler nachnominieren zu können. Torhüter Carsten Lichtlein fand zunächst keine Berücksichtigung.

          Kaufmanns wuchtige Würfe

          So versucht Brand jetzt wieder ein Gebilde nach seinen Wünschen zu formen, und er betont, dass er ein solches Werk sehr spannend finde. Dass es ihm Spaß bereite, die Entwicklung des Teams zu beobachten, seine Fortschritte. Brand - gewissermaßen ein ewiger Baumeister.

          „Er lebt Handball“, sagt Michael Kraus, der als Spielgestalter wieder ein bisschen mehr Verantwortung übernehmen soll. Brand geht unbeirrt seinen Weg, seit vielen Jahren schon. Er scheut keine Konflikte, das hatte auch der Lemgoer Kraus schon erlebt. Aber der Gummersbacher ist für seine Spieler auch ein verlässlicher Partner, das zeigt sich zum Beispiel an Lars Kaufmann. „Ich bin immer einer derjenigen gewesen, die Lars was zugetraut haben.“ Manchmal, sagt Brand, sei er deswegen belächelt worden, weil Kaufmann bisweilen unbeholfen wirkte. In Göppingen jedoch ging es rapide aufwärts mit Kaufmann, von seinen wuchtigen Würfen sollen nun auch die Deutschen nach dem Ausfall von Hens profitieren.

          Es geht nicht nur um die eigene Mission

          Brand hatte zuletzt zwar über viele Fehler seines Teams geklagt, trotzdem ist er von seiner Gemeinschaft überzeugt - zumindest preist er ihren Willen, zu lernen, ihre Begeisterungsfähigkeit, ihren Zusammenhalt. „Manche mögen denken“, sagt der Bundestrainer, „die Vorbereitung ist nicht gut gelaufen. Ich sehe das aus einer anderen Perspektive.“ Er glaubt sogar, dass Deutschland „auf Augenhöhe“ sei mit den Größen des europäischen Handballs. Und überhaupt: Dass nach zwei Niederlagen gegen Island unmittelbar vor der Reise nach Österreich sofort von einer „Doppel-Pleite“ die Rede war, machte ihn wütend. Ihm missfallen schnelle und krasse Urteile, „das bringt mich fürchterlich in Rage“, sagt Brand.

          Die Dinge sollen differenziert betrachtet werden, das gehört zu seinen Ansprüchen. Genauso wie der Blick auf den Handball im Gesamten. So erweckt Brand nun den Eindruck, dass es in Österreich nicht nur um die eigene Mission geht, sondern um den Handball generell. „Wir haben die Möglichkeit, ihn wieder in den Vordergrund zu rücken.“ Nicht zuletzt nach all den Manipulationsaffären im Vorjahr, die diesen Sport erschüttert hatten. Am Mittwoch wird es in diesem Zusammenhang zu einer pikanten Begegnung in Innsbruck kommen: Deutschland gegen Slowenien - und damit auch gegen Zvonimir Serdarusic, der im Zentrum der Turbulenzen um den THW Kiel stand.

          Dass Serdarusic wieder ein Amt ausübt, dass er als slowenischer Coach zurückkehrt, stört Brand allerdings nicht. Er habe ein gutes Verhältnis zu Serdarusic gehabt, sagt er, er werde deswegen „ganz unbelastet“ an die Sache herangehen. Er sei ja auch kein Sportpolitiker, „ich bin nur Trainer“. Der Mann, der Handball-Deutschland prägt wie kein anderer, hat das noch nicht einmal mit der Faust in der Hosentasche gesagt.

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