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Handballspieler Michael Müller : Gebremster Aufsteiger

  • -Aktualisiert am

„Ich freue mich über die vielen Spiele”: Michael Müller mag die Terminhatz der Handballspieler Bild: picture alliance / dpa

Handballspieler Michael Müller darf mit zur Europameisterschaft, die am Dienstag beginnt. Dabei steht er bei seinem Verein, den Rhein-Neckar Löwen, meist in der zweiten Reihe. Dennoch sieht er den Wechsel aus Großwallstadt nicht als Fehler.

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          Wenn an diesem Dienstag in Österreich die Handball-Europameisterschaft beginnt, steht Heiner Brand mal wieder vor der Aufgabe, sich selbst zu widerlegen. Seit 1997 ist er Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Und genauso lange - zumindest gefühlt - warnt er vor sportlichen Problemen für die deutsche Auswahl: Denn aus seiner Sicht bekommen die deutschen Nationalspieler in ihren Vereinen zu wenig Einsatzzeit. Exemplarisch hierfür steht Michael Müller. Nach einem rasanten Aufstieg ist die Karriere des Nationalspielers ins Stocken geraten.

          Es ist 10 Uhr am Morgen. Auf der roten Aschenbahn des VfR Kronau 1945 bittet Ola Lindgren, der schwedische Trainer der Rhein-Neckar Löwen, zum Intervalltraining. Ein schriller Pfiff ist zu hören, kurze Pause. „O Mann, wie ich das hasse“, ruft Müller immer wieder. Statt die wenigen Sekunden zum Erholen zu nutzen, macht der 25 Jahre alte Rückraumspieler seinem Unmut lautstark Luft. Müller steht leicht gebückt, die Hände fest in die Hüften gestemmt. Da ertönt schon der nächste Pfiff: Sprintphase.

          Ausdauerläufe zählen nicht zur Spezialität des hoch aufgeschossenen Kraftpakets. Doch einige Mannschaftskollegen lässt Müller hinter sich - für einen Spieler seiner Statur ist das nicht schlecht. Er ist 1,97 Meter groß und wiegt ungefähr 100 Kilo. Wieder ein Pfiff: Erholungsphase. Jetzt ist von Müller nichts mehr zu hören. Er atmet schwer.

          Bild: dpa

          „Schorle hat zwei-, dreimal gesagt, es sei sein voller Ernst“

          Noch vor dreieinhalb Jahren spielte der gebürtige Würzburger für die HaSpo Bayreuth in der Regionalliga, die Gegner kamen aus Ottobeuren oder Rödelsee. Zur Saison 2006/07 wechselte er zum Bundesligaklub TV Großwallstadt - mit Doppelspielrecht: Morgens wurde beim TVG auf Bundesliganiveau trainiert, abends spielte er für TuSpo Obernburg in der Zweiten Liga. Am 1. September 2007 gab Müller sein Debüt in der Bundesliga.

          Keine sieben Monate später kam dieser unglaublich anmutende Anruf. „Schorle hat mich angerufen und gesagt, der Heiner Brand wolle mich für die Nationalmannschaft. Klar, habe ich gesagt.“ Während Müller erzählt, schüttelt er den Kopf, so als könne er es noch immer nicht glauben. „Ich wollte schon auflegen, aber Schorle hat zwei-, dreimal gesagt, es sei sein voller Ernst.“ Mit „Schorle“ meint Müller seinen damaligen Trainer Michael Roth. In weniger als drei Jahren hat Müller es also von der Regionalliga in die Nationalmannschaft von Heiner Brand geschafft.

          Mittlerweile steht er bei den Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag. Er misst sich mit Topteams wie dem THW Kiel und dem HSV Hamburg. Zudem spielt er in der Champions League. Der enge Terminkalender stört ihn nicht. „Ich freue mich über die vielen Spiele. Dadurch haben wir automatisch weniger Training.“ Wer ihn am Morgen auf der roten Aschenbahn gesehen hat, glaubt ihm sofort.

          „50 Minuten auf der Bank zu sitzen, das ist kein Spaß“

          Doch bei den Löwen hat Müller es schwer. Sein vereinsinterner Konkurrent im rechten Rückraum ist Ólafur Stefánsson. Der Isländer, zu Saisonbeginn vom spanischen Topklub Ciudad Real zu den Rhein-Neckar Löwen gekommen, ist ein Spieler von Weltklasseformat. Müller wusste das. Er hätte es einfacher haben und wie geplant erst Mitte 2010 zu den Rhein-Neckar Löwen wechseln können. Beim TV Großwallstadt spielte Müller fast immer - und zwar sehr erfolgreich. „Ich wollte weiter und mich in jedem Training mit den Besten messen.“ So stimmte er zu, seinen Wechsel um ein Jahr vorzuziehen - es ging mal wieder alles sehr schnell.

          Bei den Rhein-Neckar Löwen wird Müller derzeit ausgebremst. „50 Minuten und mehr auf der Bank zu sitzen, das ist kein Spaß.“ Zudem spielen die Löwen eine sehr durchwachsene Saison. Angetreten, die deutsche Meisterschaft erstmals nach Baden zu holen, liegt das Team derzeit auf Platz fünf. „Es läuft nicht, und dennoch sitze ich auf der Bank. Das ist besonders bitter.“ Seinen Humor hat Müller aber noch nicht verloren. „Ich denke dann: Mensch, Trainer, ich habe meine Sportsachen dabei, die Schuhe sind gebunden. Wie wär's? Ich hätte Zeit.“

          Müller zu aggressiv? „Ich spiele absolut defensiv“

          Wird er eingewechselt, ist der Druck enorm. Müller will zeigen, was er kann: Er spielt verbissen, will den Erfolg erzwingen. Schnell erhält er Zeitstrafen, zuletzt ist er gar mit den Schiedsrichtern aneinandergeraten. Viele Entscheidungen kann Müller nicht nachvollziehen. „Ich spiele absolut defensiv“, behauptet er. Aber das sehen nicht alle so. Der Schiedsrichterobmann hat bereits ein Gespräch mit ihm geführt. Und auch der Bundestrainer habe ihm die Leviten gelesen, sagt Müller.

          Dabei liegt es in Brands Interesse, dass Müller regelmäßig spielt - und zwar auf hohem Niveau. Müller ist überzeugt: „Ich packe das.“ Brand hofft, dass dies schon in Kürze bei der EM in Österreich gelingt. Bislang ging bei Müller ja alles sehr schnell.

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