https://www.faz.net/-gtl-8d3z8

Wetzlar-Trainer Wandschneider : „In der Provinz ist Handball ganz groß“

  • -Aktualisiert am

Trainer Kai Wandschneider in seinem Element Bild: Picture-Alliance

Eine Keimzelle des deutschen Handball-Triumphs befindet sich in Mittelhessen. Drei Spieler der HSG Wetzlar haben zum EM-Sieg Wesentliches beigetragen. Ihr Trainer Kai Wandschneider spricht im Interview über die Gründe für den Erfolg.

          Mit Andreas Wolff, Steffen Fäth und Jannik Kohlbacher stellen Sie gleich drei Europameister. Wie viel HSG Wetzlar steckt in der so erfolgreichen deutschen EM-Mission?

          Wir haben einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Sensationserfolg. Steffen Fäth war bester deutscher Feldtorschütze, Andi Wolff der überragende Torwart und Jannik Kohlbacher Youngster und Joker in diesem großartigen Ensemble. Tobias Reichmann war auch zwei Jahre bei uns und hat hier das Siebenmeterwerfen gelernt. Kent Robin Tönnesen, der ein phantastisches Turnier für Norwegen gespielt hat, haben wir auch zwei Jahre lang in Wetzlar ausgebildet.

          Ist es Zufall, dass die meisten Europameister in der Provinz und nicht bei den Großklubs Kiel, Flensburg oder Rhein-Neckar Löwen spielen?

          Provinz ist ein Kennzeichen des Handballs hierzulande, wo unser Sport gerade in den Kleinstädten ganz groß ist. Aber vor allem in den kleineren Vereinen – zehn von 18 Bundesligaklubs haben ja Kräfte zur Verfügung gestellt – spielen die Jungs Woche für Woche in der besten Liga der Welt gegen die besten Spieler anderer Nationen. Generell gilt: Was Heiner Brand einst immer wieder eingefordert hat, ist nun eingetreten. Die deutschen Spieler stehen wirklich auf der Platte.

          Warum? Sie könnten sich ja in Wetzlar auch deren Ausbildung und Rückschläge (er-)sparen und den Kader mit fertigen ausländischen Kräften auffüllen.

          Wir setzen seit Jahren auf junge deutsche Spieler. Sicherlich auch aus ökonomischen Gründen. Als ich vor vier Jahren nach Wetzlar kam, galt Steffen Fäth als großes Talent, aber auch als sehr sensibel, verletzungsanfällig und nicht geeignet für die Abwehrarbeit auf dem Feld. Das habe ich dann anders entschieden. Alle drei Europameister haben wahnsinnig viel Spielzeit bekommen, sind von uns als Nummer eins auf ihren Positionen gepusht worden.

          Keimzelle aus der Provinz: Die Wetzlarer Europameister Steffen Fäth (links), Andreas Wolff  und Jannik Kohlbacher (rechts)

          Wie war das bei Torhüter Wolff?

          Ich habe vor drei Jahren sehr um ihn gekämpft und ihn dann hier im Verein durchsetzen können. Das musste strategisch sorgsam geplant werden, weil Andi ein besonderer Typ ist, der auf eine spezielle Art und Weise tickt. Wir wussten, dass Andi auch mal zwei, drei Spiele schlecht hält – und trotzdem im nächsten Match wieder unser Vertrauen haben wird und von Beginn an spielt. Da haben wir konkret nach einem Backup für ihn gesucht, der diese Rollenverteilung auch akzeptiert.

          Sie haben ihm ein kuscheliges mittelhessisches Nest gebaut?

          Ein Nest ja, nur kuschelig geht es bei uns nicht immer zu. Wir haben in Wetzlar eine Atmosphäre hergestellt, die man als unnachgiebig freundschaftlich bezeichnen kann. In unserem Betriebsklima können die Spieler aufblühen. Die jungen, talentierten Spieler kommen mittlerweile gerne zu uns, weil sie wissen, dass Wetzlar ein Sprungbrett ist für höhere Aufgaben.

          Wolff und Fäth sind schon abgesprungen, wechseln nach dieser Saison zu den Spitzenklubs Kiel und Berlin.

          Dass Fäth, der dem Verein sechs Jahre lang die Treue gehalten hat, den nächsten Schritt macht, ist absolut nachvollziehbar. Und Wolff brennt so sehr, hat so extrem hohe Ziele, dass es vielleicht gar nicht so gut gewesen wäre, wenn er noch ein Jahr bei uns geblieben wäre (lacht). Jannik Kohlbacher ist zwar gerade 20 Jahre alt, aber auch bei ihm werden wir damit rechnen müssen, dass er nach der nächsten Saison vielleicht geht. Da muss man schon die nächsten Spieler in der Pipeline haben und die nächsten Youngster zu Nationalspielern machen.

          Das heißt, dass Sie quasi in jedem Jahr sehr viel richtig machen müssen, um das Niveau Ihrer Mannschaft nur halten zu können?

          So ist es. Einerseits freuen wir uns für die Spieler, wenn sie den nächsten Karriereschritt gehen. Andererseits bleiben wir dann zurück, müssen ein hohes Risiko gehen, haben immer wieder große Umbrüche. Allein nach dieser Saison verlassen uns acht Spieler – und sieben neue sind schon verpflichtet. Das ist ein Vabanquespiel. Aber wir haben auch genug Mut und Energie, immer wieder von vorne zu beginnen. Ich zitiere immer gerne Albert Camus: Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.

          Sie sagen, dass Sie bei der Auswahl junger Spieler nach dem Motto vorgehen: Charakter vor Talent.

          Ja, absolut. Es bleiben so viele Hochbegabte auf der Strecke. Wenn man aber einem wie Andi Wolff sagt, dass Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist, würde er entgegnen: Kein Wunder, ich konnte mich ja nicht darum kümmern.

          Wie motivieren Sie Ihre Europameister für das nächste Bundesligaspiel am 13. Februar in Balingen?

          Natürlich hat dieser Triumph einiges verändert. Diese acht Spiele, immer am Limit, sind eine ungeheure physische und psychische Belastung. Wir werden sie mental dann wieder auf unsere Ziele ausrichten. Ich hoffe, dass sie nach all den Fernsehauftritten bald mal zumindest körperlich wieder anwesend sind. Am Samstag haben wir ein Testspiel in Hannover vereinbart, zu dem ich die drei eigentlich zurückerwartet habe. Aber nun sind sie auch noch für den Ball des Sports in Wiesbaden abgestellt worden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Klimaschutz : Vertraut nicht den Verboten!

          Im Kampf um das Klima gibt es viele Einzelideen. Sie versperren den Blick auf das Notwendige: ein sinnvolles Gesamtkonzept. Dafür gilt: Lieber gründlich als überhastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.