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Handball-EM gegen Spanien : Die deutschen Trumpfkarten im „Endspiel“

  • -Aktualisiert am

Auf die deutsche Abwehr um Torwart Andreas Wolff kommt es gegen Spanien an. Bild: Picture-Alliance

Nach dem mühsamen Auftaktsieg wartet auf Deutschlands Handballteam das Schlüsselduell der EM-Vorrunde. Gegner Spanien ist Titelverteidiger und hat Erfahrung, Klasse sowie Härte. Die Deutschen setzen auf ihre Stärken.

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          Im Teamhotel am Lerkendal-Stadion des norwegischen Fußball-Spitzenklubs Rosenborg Trondheim hakten die Verantwortlichen des Deutschen Handballbundes (DHB) den deutlichen, aber lange mühsamen Sieg gegen die Niederlande vom Donnerstagabend endgültig ab. „Es war wichtig, erfolgreich ins Turnier zu starten“, sagte Bundestrainer Christian Prokop. Ihm hatte gefallen, wie seine Mannschaft gegen Widerstände angegangen war und am Ende dank Klasse und Geduld die ersten Punkte dieser Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich erreicht hatte. Auch die Spieler und DHB-Vizepräsident Bob Hanning wollten den Auftaktsieg nicht überbewerten – Hauptsache sei gewesen, den Turnierstart unbeschadet zu überstehen.

          Aber nicht alles war erfreulich. Das Holland-Spiel zeigte, dass die Mannschaft kaum eingespielt ist – kein Wunder bei vielen Verletzten und kurzer Lehrgangszeit. Als im Rückraum plötzlich Marian Michalczik und David Schmidt standen, zwei EM-Debütanten, stockte das Spiel. Die Abstände und Abläufe stimmten nicht. Das verbesserte sich nur marginal, als Fabian Böhm hinzukam. Der 30 Jahre alte Potsdamer ist zwar ein erfahrener Bundesligaspieler, aber diese EM ist auch erst sein zweites großes Turnier. Böhm verlor manchmal die Geduld und wollte Tore erzwingen.

          Weil auch Paul Drux mit der Spielsteuerung überfordert war, nahm der Halbrechte Kai Häfner die Leitung in die Hand. Häfner, inzwischen in Melsungen, ordnete die Spielzüge von der Halbposition aus – das war für den Linksaußen Patrick Zieker misslich, er kam nicht zum Zug. Kreisläufer Jannik Kohlbacher (fünf Tore) und Rechtsaußen Timo Kastening profitierten hingegen von Häfners Vorbereiter-Qualitäten; fünf Tore fielen nach seinen Zuspielen.

          Die gute Phase von der 46. Minute an, als Deutschland sieben Tore nacheinander warf, war vor allem Häfner zu verdanken. Er kann ja auch in der Mitte spielen. Doch er wird auf der ziemlich verwaisten Position im rechten Rückraum gebraucht. „Wir hatten dann endlich Leichtigkeit im Spiel“, sagte Torwart Johannes Bitter, „wir haben in der Halbzeit gesagt, wir wollen mit Freude spielen, nicht mit Druck und mit weniger Stress im Gesicht.“

          Noch etwas fiel auf. Für eine offensive Deckung gegen die quirligen Niederländer waren Prokops Abwehrspieler entweder zu schwerfällig oder nicht bereit. Mehrfach schlüpften Kay Smits und Luc Steins durch die groben Maschen, die Hendrik Pekeler und Nebenleute ließen. Manchmal lockten die Holländer die deutsche Abwehr regelrecht aus ihrem Verbund, um dann durchzuhuschen.

          Erst mit nachlassenden niederländischen Kräften und starken Paraden Andreas Wolffs kam das deutliche Endergebnis zustande. Überhaupt war ja einiges los gewesen am Donnerstagabend im Spektrum. Die Rote Karte gegen Kapitän Uwe Gensheimer – er hatte dem niederländischen Torwart Bert Ravensbergen den Ball beim Siebenmeter nach 15 Minuten ins Gesicht geworfen. Ohne Diskussionen verließ der Kapitän das Spielfeld.

          Dann die kuriose Szene, als Prokop in einer Auszeit der ersten Halbzeit offenbar den Vornamen Kastenings vergessen hatte. „Äh, äh, wie heißte?“, fragte er Richtung Kastening, der antwortete der Wahrheit gemäß: „Timo!“ Er habe die schläfrige Mannschaft „mit einem lockeren Spruch“ wachrütteln wollen, sagte Prokop später: „Es ist ja klar, dass das ein Spaß war.“ Kastening, einer der besten Deutschen, nahm es gelassen, bei der Netzgemeinde sorgte der kurze Dialog offenbar für viele Lacher – doch vielleicht war Prokop der Spielername im Stress der neuverordneten taktischen Ausrichtung einfach entfallen. Schließlich ist Kastening recht frisch dabei. „Man hat schon mal eine Wortfindungsstörung“, sagte Prokop am Freitag lachend, „das ist in der Mannschaft aber kein Thema mehr.“

          Kastenings Tempo und der erhoffte Geschwindigkeitshandball sollen Trumpfkarten im Endspiel um den Gruppensieg der Gruppe C gegen die erfahrenen Spanier an diesem Samstagabend (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und in der ARD) sein. Auch sie hatten einige Probleme gegen den Handball-Zwerg Lettland. Die Wurfhärte (und Höhe) des 215 Zentimeter langen Dainis Kristopans ärgerte Spanien ziemlich lange. Als Kristopans erschöpft war und die Letten auf den siebten Feldspieler bauten, setzte sich Spaniens Routine beim 33:22 durch. „Spanien ist eine Topmannschaft, das beweisen sie in jedem Turnier. Ihre Spieler sind bei internationalen Champions-League-Teams im Dauereinsatz. Sie sind in Topbesetzung und der Favorit gegen uns“, sagte Prokop. An große Duelle, auch bei Olympischen Spielen oder dem EM-Finale vor vier Jahren, erinnerte Hanning: „Spanien-Spiele sind immer Schlüsselspiele, das sind Handball-Klassiker. Wir sind noch in einer frühen Phase des Turniers, das Spiel entscheidet nicht über alles, aber es wird wichtige Fingerzeige geben auf unserem erhofften Weg ins Halbfinale.“

          Die Spanier sind Titelverteidiger; in ihrem Team stecken Erfahrung, Klasse und viel Härte. Gleich zwei Rote Karten nach Videobeweis steckten die Iberer gegen Lettland ein. Der Qualität tat das keinen Abbruch, aber ähnlich wie bei den Deutschen mussten viele der Spitzenkräfte ziemlich lange ran. Am Ende machte Spaniens Konterspiel den Unterschied. Da wollen die Deutschen nicht unter die Räder geraten. Eine schwierige Aufgabe? „Wir kennen die Art, wie spanische Teams spielen doch durch den spanischen Trainer von Hannover-Burgdorf“, sagte Bitter mit einem breiten Lächeln und meinte Carlos Ortega, „insofern müsste doch jeder von uns bestens vorbereitet sein.“

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