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Handball-EM : Deutschland verliert das „Endspiel“ ums Halbfinale gegen Spanien

  • -Aktualisiert am

Kein Durchkommen: Wie Julius Kühn scheitert auch das gesamte deutsche Team an Spanien Bild: Reuters

Aus der Traum von der Titelverteidigung: Deutschland verliert das „Endspiel“ ums Halbfinale bei der Handball-EM gegen Spanien sehr deutlich. Für das Erreichen des Halbfinals hätte die DHB-Auswahl einen Sieg gebraucht.

          Wieder nichts, wieder ein Turnier, das für den deutschen Handball nicht nach Plan verlief - und eine Menge Fragen aufwerfen wird. Zum Thema Bundestrainer zum Beispiel, zu Christian Prokop, der bei seiner ersten Bewährungsprobe das Ziel verpasste. Und schon vor dem Mittwoch, vor dem 27:31 in Varazdin gegen Spanien, reichlich Gegenwind gespürt hatte.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die ernüchterten Deutschen scheiterten also bei dem Versuch, das Halbfinale der Europameisterschaft in Kroatien zu erreichen, wozu ein Sieg gegen Spanien nötig, aber eben auch ausreichend gewesen wäre trotz des zuvor durchwachsenen Turnierverlaufs. So aber: Ein heftiger Rückschlag für den Europameister von 2016, wie im Jahr 2017, als Qatar die Deutschen im Achtelfinale der Weltmeisterschaft jäh gestoppt hatte.

          Handball-EM 2018

          Jetzt war Endstation in der Hauptrunde, mit einer teilweise äußerst tristen Darbietung. „Wir haben uns übertroffen mit technischen Fehlern“, sagte Prokop zu dem Geschehen speziell in der zweiten Halbzeit. Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, sprach drastisch von einem „Zerfall aller Teile“. Er klagte: „Wir sind alle auseinandergefallen, wir haben es einfach weggeschmissen.“ Für Torhüter Silvio Heinevetter war es schlichtweg ein Schock: „Den müssen wir erst mal verdauen, dann gucken wir weiter. Aber soll ich jetzt was gegen den Trainer sagen? Das ist ja Schwachsinn. Wir haben zu viele einfache Fehler gemacht, was willst du da den Trainer vor den Karren spannen?“ Sein Kollege im Tor, Andreas Wolff wurde noch deutlicher: „Ich bin absolut schockiert. Wir haben uns teilweise aufgegeben und  insgesamt eine enttäuschende EM gespielt.“

          Spanien erreichte mit dem Sieg das Halbfinale gegen Weltmeister Frankreich, Olympiasieger Dänemark trifft in dieser Runde am Freitag auf Schweden.

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          Ein „Endspiel“ gegen Spanien also in Varazdin, wie erhofft, die Deutschen hatten sich damit zumindest vor dem Anpfiff ein bisschen wie kleine Glückspilze fühlen dürfen. Auch Prokop, der schon vor dem Mittwoch unter gehörigem Druck stand, der sich offensichtlich schwer damit tat, das Team auf seine Linie einzuschwören, der Verunsicherung erkennen ließ. Und, unbestritten, in Besetzungsfragen auch Fehler machte.

          Die Körpersprache bringt nur Enttäuschung zum Ausdruck: Deutschland hat gegen Spanien verloren Bilderstrecke

          Aus Verbandskreisen war zum Beispiel deutlich zu vernehmen, dass Prokop sich in Sachen Finn Lemke ohne Not „eine Baustelle“ aufgemacht habe - „das hätte er nicht tun dürfen“, hieß es. Auch sei Prokop in Kroatien am Anfang bei öffentlichen Auftritten überfordert gewesen. Eine brodelnde Atmosphäre, so hatte es den Anschein, und seit dem bitteren Mittwochabend ist das erst recht so. Prokop, der Novize, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2022, hatte am Dienstag nur allgemein über seine bisherigen Erkenntnisse gesagt: „Ich habe sehr viele wichtige Erfahrungen gesammelt.“

          Dazu muss gerechnet werden, dass die Deutschen im Rückraum nicht genügend Schlagkraft besitzen. Es hatte nur gelegentlich lichte Momente gegeben; als eine wirklich tragende Säule hatte sich diese Reihe um den diesmal von einer Erkältung geplagten Steffen Fäth, Philipp Weber oder Steffen Weinhold nicht entpuppt. Markus Baur, früherer deutscher Spielgestalter, sagte zu diesem Manko: „Es wirkt so, als stehe jemand auf der Bremse.“

          Vor dem Showdown am Mittwoch hatten sich die Deutschen immerhin in der komfortablen Situation befunden, zwei Tage pausieren zu können - im Gegensatz zu den Spaniern, die noch am Dienstag im Einsatz waren und Slowenien 26:31 unterlagen. Ein möglicherweise müder Gegner? Die Deutschen hatten ein wenig darauf spekuliert - sie mussten aber erst einmal froh sein, dass Torhüter Andreas Wolff auf der Hut war. Der Mann, der der Schrecken der Spanier im EM-Finale von Polen gewesen war, parierte gleich in den ersten Minuten einen Siebenmeter. Bei den Deutschen dauerte es ein bisschen, bis sie so etwas wie Schwung aufnahmen. Nach fünf Minuten war der Bann gebrochen, durch ein Tor des Melsungers Julius Kühn, der umgehend weitere Treffer folgen ließ. Die Spanier aber ließen sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Ihre Kraft reichte allemal, um sich Prokops Team zu erwehren und sich letztlich klar von ihm abzusetzen. Außerdem besitzen sie mit Gonzalo Perez de Vargas ebenfalls einen Schlussmann von Format.

          Gegentreffer bei leerem Tor

          Es war einige Zeit lang noch ein zähes Ringen, mit einer wiederum energisch zupackenden deutschen Abwehr, aber auch gravierenden Mängeln in der deutschen Offensive. So musste Kapitän Uwe Gensheimer, der in einem Tief steckt, nach 24 Minuten seinen Platz vorübergehend für den Kieler Linksaußen Rune Dahmke räumen. Von Gensheimer gingen auch am Mittwoch keine Impulse aus. Nicht immer jedoch machen es andere besser, zu sehen etwa beim Stand von 12:13, als Rechtsaußen Tobias Reichmann einen Siebenmeter vergab. Das deutsche Team, nach 30 Minuten 13:14 in Rückstand, musste zulegen. Kein leichtes Unterfangen gegen weiterhin wehrhafte Spanier.

          Abreise als großer Verlierer des EM

          Und bei all den eigenen Unzulänglichkeiten: leichte Ballverluste etwa, Pässe ins Leere, Überforderung auf breiter Ebene. „Das darf auf diesem Niveau nicht passieren“, sagte Patrick Groetzki. Immerhin war Gensheimer beim nächsten Siebenmeter zur Stelle; er nutzte ihn zum 14:14. Aber es konnte in Anbetracht der zahlreichen deutschen Fehler im Angriff nicht verwundern, dass Spanien schließlich davonzog, von 15:14 gar auf 23:15, dabei durfte Spanien dreimal in Serie aufs leere deutsche Tor zielen.

          Das hatte Wolff nicht verhindern können und auch nicht sein Berliner Kollege Heinevetter. Es war ein bisweilen stümperhaftes Auftreten der Deutschen, als hätten sie plötzlich selbst das Handball-Einmaleins verlernt. Wenigstens brachten sie, als die Entscheidung gefallen war, noch ein kleines Aufbäumen zustande, mit Kai Häfner in vorderster Front, der insgesamt fünf Tore erzielte. Aber Deutschland verlässt Kroatien an diesem Donnerstag als großer Verlierer.

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