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Es läuft noch nicht rund für die Deutschen und Torwart Andreas Wolff. Bild: Reuters

Deutschland bei Handball-EM : „Wir müssen jetzt liefern – ohne Diskussion“

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Nach der EM-Vorrunde sind die deutschen Handballer unzufrieden. Der Druck ist immens. Dazu gibt es deutliche Kritik vom Bundestrainer – außer für zwei Spieler.

          Die Abwehr ist wieder ein Bollwerk, doch der Angriff kommt nicht auf Touren: Nach einer durchwachsenen EM-Vorrunde mit nur einem Sieg machten sich Deutschlands Handballer am Donnerstag mit gemischten Gefühlen auf den Weg von Zagreb nach Varazdin. „„Fakt ist, wir müssen jetzt liefern, ohne Diskussion. Wir müssen Tschechien schlagen“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem ersten Hauptrundenduell gegen Tschechien an diesem Freitag (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF). „Es gibt keine Alibis mehr. Jetzt muss die Truppe liefern. Die Wahrheit liegt in diesen 60 Minuten.“

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          Es rumort nach dem 25:25 gegen Mazedonien am Mittwochabend bei den Bad Boys, die im bisherigen Turnierverlauf noch nicht ihr Potential abgerufen haben. Angesichts aufkommender Kritik fühlte sich Hanning vor dem Richtung weisenden Spiel daher berufen, Bundestrainer Christian Prokop demonstrativ den Rücken zu stärken. „Ich bin ja nicht sein Verteidigungsminister“, sagte Hanning. „Aber er versucht, zu korrigieren, zu helfen und der Truppe Stabilität zu geben.“ Bislang ist Prokop, der in Kroatien das erste Großturnier erlebt, mit seinen Ideen aber noch nicht zu all seinen Schützlingen durchgedrungen. „Jeder einzelne Spieler muss ein paar Prozentpunkte oben drauf legen, dann werden wir als Mannschaft auch wieder so auftreten, wie man sich das wünscht“, forderte Torwart Silvio Heinevetter.

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          Das ist bitter nötig, denn eine Niederlage würde wohl das vorzeitige Ende aller Medaillenträume bedeuten. Dann müsste sich der DHB unbequeme Fragen gefallen lassen. Das weiß auch Hanning: „Wenn wir das Spiel verlieren, haben wir Ziele nicht erreicht, dann haben Dinge nicht funktioniert.“ Prokop fordert deshalb, dass sich die Mannschaft endlich auf ihre Stärken besinnt. „Es ist wichtig, dass wir mit noch mehr Freude und Explosivität spielen“, sagte er. Auch ihm ist die Anspannung nach der nicht überzeugenden Vorrunde deutlich anzumerken. Denn der Druck ist dadurch enorm groß geworden. „Wir haben einige Junge im Kader, die Erfahrungen sammeln müssen. Aber dafür ist keine Zeit“, sagte Prokop. „Wir brauchen das eine oder andere Erfolgserlebnis.“

          Immerhin hat sich die Defensive dank des zurückgeholten Abwehrbosses Finn Lemke stabilisiert. Der 25-Jährige, der beim EM-Triumph in Polen zu den großen Stützen im DHB-Team zählte, gab der Deckung beim 25:25 im Gruppenfinale gegen Mazedonien mehr Stabilität und soll seine Mitspieler auch emotional aufrütteln. „Er wird auch in den kommenden Spielen einen entscheidenden Part einnehmen“, sagte Prokop.

          In den bisherigen Spielen hat die DHB-Auswahl die Unbekümmertheit, mit der sie vor zwei Jahren sensationell zum Titel gestürmt war, vermissen lassen. Für Hanning kommt dies nicht überraschend. „Die Lockerheit und Leichtigkeit von damals kommen nicht wieder, die findest du als Titelverteidiger nicht mehr. Die wird auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Russland nicht finden“, sagte der DHB-Vizepräsident. „Aber das Selbstbewusstsein und die innere Stärke musst du wiederfinden.“ Daran mangelt es derzeit zu vielen Spielern. Vor allem im Rückraum. „Fäth, Kühn, Weber – die können noch mehr“, stellte Hanning kritisch fest. „Wir müssen wieder lockerer spielen. Die PS, die die Truppe hat, müssen auf die Straße.“

          Möglichst schon gegen das Überraschungsteam aus Tschechien, das wie Deutschland, Olympiasieger Dänemark und Vize-Europameister Spanien 2:2 Punkte aus der Vor- in die Hauptrunde mitbringt und damit in Lauerstellung hinter Tabellenführer Mazedonien (3:1) liegt. „Die rocken bisher das Turnier, so wie wir das 2016 gemacht haben“, lobte Hanning den Rivalen. Steffen Weinhold, gegen Mazedonien mit sieben Treffern bester DHB-Werfer, warnt ebenfalls vor den Tschechen. „Die haben von allen Mannschaften in der Hauptrunde am wenigsten zu verlieren und können ganz locker aufspielen“, sagte der Rückraumschütze vom deutschen Rekordmeister THW Kiel. „Das macht sie unberechenbarer und damit gefährlicher.“

          Die drei Hauptrunden-Gegner im Überblick:

          Tschechien: Die Tschechen schafften es überraschend souverän in die nächste Runde. Eine heftige 15:32-Niederlage im ersten Spiel gegen Spanien weckte das vom Trainer-Duo Jan Filip und Daniel Kubes gecoachte Team auf. Es folgte ein Ausrufezeichen gegen Olympiasieger Dänemark (28:27) und ein weiterer Erfolg gegen die enttäuschenden Ungarn (33:27). Bisher überragender Akteur der Tschechen ist Ondrej Zdrahala, der gegen Ungarn 14 Treffer erzielte und bis 2016 noch beim Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen gespielt hatte.

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          Dänemark: Der nächste Gegner nach den Tschechen ist am Sonntag Dänemark – der Olympiasieger. Die Dänen zählen auch in Kroatien zu einem der Topfavoriten auf den Titel, überzeugend agierten sie in der Vorrunde aber nicht immer. Wozu die Mannschaft um ihren Superstar Mikkel Hansen jedoch fähig ist, demonstrierte sie beim überzeugenden 25:22 zum Abschluss gegen Spanien. Umso überraschender war zuvor jedoch die Pleite gegen die Tschechen.

          Spanien: Zum Abschluss der Hauptrunde kommt es am nächsten Mittwoch zur Neuauflage des EM-Finales von 2016. Dass die Spanier bei großen Turnieren schlagbar sind, hatte die DHB-Auswahl bereits beim sensationellen Titelgewinn in Polen bewiesen – damals wurden die Iberer klar mit 24:17 bezwungen. In Kroatien spielte die Mannschaft um die Stars Alex Dujshebaev, Raul Entrerrios oder Valero Rivera in den ersten zwei Spielen stark auf, unterlag dann aber den starken Dänen. Für die DHB-Auswahl ist auch dieser Gegner schlagbar – dafür muss Prokops Team aber – wie in jedem Hauptrunden-Spiel – an seine Leistungsgrenze kommen.

          Modus: Der ist einfach erklärt. Alle sechs Mannschaften nehmen ihre Punkte und Minuspunkte aus der Vorrunde aus den Spielen gegen die ebenfalls für die Hauptrunde qualifizierten Gegner mit. Die jeweils zwei besten Mannschaften der Hauptrundengruppen ziehen ins Halbfinale ein.

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