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Handball-EM : Der erste Härtetest

  • -Aktualisiert am

In jeder Sekunde voll fokussiert: Christian Prokop (rechts). Bild: dpa

Der viel kritisierte Bundestrainer steht mit Deutschland vor dem zweiten Spiel der Europameisterschaft. Gegen Slowenien setzt der dennoch unaufgeregte Prokop auf zweierlei: Ruhe und Konzentration.

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          Da stand er ganz schön im Wind, der neue Bundestrainer. Und die Europameisterschaft hatte noch gar nicht angefangen. Es mag „nur“ Handball sein. Aber auch in diesem Sport gibt es sehr viele Bundestrainer, Menschen also, die es grundsätzlich besser wissen als derjenige, der zu entscheiden hat. Es gehört dazu, die Zusammenstellung einer Mannschaft für ein großes Turnier aufgebracht zu diskutieren. Und als Christian Prokop vor rund einer Woche mitteilte, er werde ohne die Europameister Finn Lemke, Rune Dahmke und Fabian Wiede zur Europameisterschaft nach Kroatien fahren, gab es heftige Kritik am neuen Bundestrainer. Nicht nur von Altstars und Medien. Auch bei den Heimatvereinen der drei Daheimgebliebenen war man enttäuscht.

          Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), musste Prokop assistieren und daran erinnern, dass nicht nur die Verwaltung des Status quo zu Prokops Aufgaben gehöre, sondern auch die Entwicklung der Gruppe. Auch Prokop äußerte sich nachvollziehbar in diese Richtung, suchte zudem den Eindruck zu verwischen, er habe die mitgenommenen Leipziger Maximilian Janke und Bastian Roscheck vorgezogen, weil er bis Februar 2017 Bundesligatrainer der Sachsen war. Und doch blieb es in Handballkreisen die meistdiskutierte Frage, ob es denn sinnvoll sei, auf den teamintern geschätzten Abwehrchef Lemke und den Kieler Dahmke zu verzichten, einen großen Gewinner der Europameister-Mannschaft von 2016.

          Jetzt ist erst einmal Ruhe. Zum einen können beide, oder alle drei, nachnominiert werden – was vor allem im Falle Dahmkes auch wahrscheinlich ist, denn Prokop hat in Kapitän Uwe Gensheimer nur einen Linksaußen im Team. Zum anderen gewann der Titelverteidiger im ersten Spiel Prokops bei einem großen Turnier am Samstagabend in Zagreb so überzeugend, dass der 39 Jahre alte Köthener einmal ganz laut durchatmete: 32:19 gegen Montenegro, überlegen von der ersten Minute an.

          „Es war eine große Anspannung zu spüren“, sagte Prokop, „ich bin erleichtert, dass wir das so gut geregelt haben.“ Und zwar sehr früh – innerhalb von zehn Minuten setzte sich das DHB-Team von 4:3 auf 13:3 ab und hatte die Partie schon nach 22 Minuten in die richtige Richtung gelenkt. Großartige Paraden von Andreas Wolff im deutschen Tor folgten schöne Treffer von Uwe Gensheimer (insgesamt neun) und kluge Spielzüge von Philipp Weber. Als er in der Anfangsphase lange spielen durfte, setzte Weber seine starke Form aus der Bundesliga fort. Weber ist der einzige klassische Spielmacher im deutschen Team. Von 2013 bis 2016 lief er für Leipzig auf, wo er auch jetzt wieder spielt. Christian Prokop kennt ihn also sehr gut, und da gerade alles „verdächtig“ ist, was auch nur im Ansatz nach Vetternwirtschaft klingt, hilft jedes Spiel, in dem Weber, Roscheck und Janke zeigen, dass sie zu Recht dabei sind – und nicht wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Nähe zum Trainer.

          Roscheck war gegen diesen allerdings schwachen Gegner der versprochen bewegliche Verteidiger. Weber wirkte in allen Szenen wie ein belebendes Element, während Janke Lehrgeld zahlte, früh zwei Zwei-Minuten-Strafen aufgebrummt bekommen hatte und am Ende eine dritte erhielt, gleichbedeutend mit der folgenlosen Roten Karte. „Die Mannschaft hat über das ganze Spiel Level und Disziplin hochgehalten“, sagte Prokop, „mir war wichtig, dass alle gut ins Turnier kommen.“ Dabei war zu sehen, dass in diesem Kader einiges steckt. Besonders im Rückraum. Steffen Fäth konnte sich lange ausruhen und zusehen, wie Weber, Julius Kühn und Paul Drux immer wieder zu Toren kamen. Rechts wechselten sich Kai Häfner und Steffen Weinhold ab. Alle Spieler sammelten Einsatzminuten, auch Torwart Silvio Heinevetter, als Andreas Wolff in den Schlussminuten dick bandagiert auf die Bank humpelte. Seine Sprunggelenks-Verletzung soll zwar schmerzhaft, aber nicht weiter schlimm sein.

          Schon in der Startphase dieser stimmungsvollen EM gab es in allen Gruppen sehr enge Spiele, und niemand geht davon aus, dass die deutsche Auswahl durch das Turnier spaziert. An diesem Montag wartet Slowenien (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und bei der ARD). Die Slowenen, Dritter der vergangenen Weltmeisterschaft, verloren am Samstagabend überraschend gegen Mazedonien. Für sie geht es gegen die Deutschen also schon um sehr viel, während Prokops Mannschaft bei einem Sieg in die Hauptrunde vordringen würde. Verglichen mit früheren Turnieren, als die DHB-Männer oft mit einer Niederlage starteten, war dieser Einstieg in die kontinentale Handball-Messe sehr entspannt. Und nicht nur Bundestrainer Christian Prokop schien darüber sehr erleichtert zu sein.

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