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EM 2016 : Deutschlands Handballer gehen am Stock

  • -Aktualisiert am

Noch ein Verletzter: Steffen Fäth am Boden beim letzten Testspiel. Bild: Picture-Alliance

Hinten schlecht abgestimmt, vorn ohne Genauigkeit und Ideen – das deutsche Handball-Team gibt vor dem Start der EM ein schlechtes Bild ab. Doch das ist nicht das einzige Problem.

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          Die Ruhe verliert Dagur Sigurdsson scheinbar nie. Am Samstag beginnt für seine Mannschaft die Handball-Europameisterschaft in Polen, und er weiß immer noch nicht, auf wen er eigentlich setzen kann. Am Wochenende bei den Testspielen gegen Island verdeutlichte sich, dass für Bundestrainer Sigurdsson zum Beispiel mit seinen Rückraumspielern Christian Dissinger und Steffen Fäth eine gewisse Ungewissheit verbunden ist – die beiden Hochtalentierten haben schon so viele Verletzungen erlitten, dass ihre Körper bei Belastungen empfindlich reagieren.

          Sowohl der Kieler Dissinger als auch der Wetzlarer Fäth gingen angeschlagen aus den letzten Probeläufen vor der EM. Bundestrainer Sigurdsson nimmt schlechte Nachrichten über den Gesundheitszustand seiner Profis aber längst gelassen. „Wir können es doch sowieso nicht ändern, wir müssen noch enger zusammenrücken“, sagt er. Am Montag nominierte Sigurdsson den 22 Jahre alten Gummersbacher Julius Kühn nach. Der Rechtshänder verstärkt nun also die erste Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), wie es seit vergangener Woche der ebenfalls nachgeholte Hannoveraner Linkshänder Kai Häfner macht. Es ist ein Kommen und Gehen beim Nationalteam. Dass Sigurdsson jedoch den Überblick verliert, ist nicht zu erwarten. Er bleibt ganz ruhig.

          Dabei war die Leistung beim 24:27 gegen Island am Sonntag in Hannover alarmierend. Hinten schlecht abgestimmt, vorn ohne Genauigkeit und Ideen – die Isländer hätten höher gewinnen können. Die Deutschen gingen nach drei Tests in sechs Tagen am Stock. Vom 37:30 gegen Tunesien am Dienstag über das 26:25 gegen Island bis zum Sonntag war das ganze deutsche Angebotsspektrum zu bestaunen: von rasant über die Außen und überraschend druckvoll aus dem Rückraum bis zur kompletten Lähmung in der ersten Halbzeit von Hannover.

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          Mancher im DHB, der die enorm ersatzgeschwächten Deutschen schon in den Kreis der Medaillenanwärter geschoben hat, mag sich nun revidieren. Sigurdsson findet dieses Spiel mit Erwartungen und Enttäuschungen typisch deutsch. Das, was etwa im Verband gesagt und geraunt wird, ist Sigurdsson ohnehin gleichgültig. Er ist ein unabhängiger Mann. Er sagt: „Bei der Auslosung der EM-Gruppen waren wir in Topf drei eingestuft. Das heißt Platz neun bis zwölf. Das wollen wir bei der EM bestätigen. Ich sehe uns nach den Testspielen als gefestigt an. Die letzte Niederlage wirft uns nicht um.“

          Spielplan der Handball-EM 2016: Termine und Ergebnisse

          Am Montag hatte Sigurdsson seinen Spielern freigegeben, am Dienstag trifft sich der Tross in Berlin, ehe es am Donnerstag per Bus nach Breslau geht. Dort trifft das deutsche Team zunächst auf Spanien, Slowenien und Schweden. Ob Sigurdsson die Spieler Häfner und Kühn im Aufgebot behält, wird er erst im Laufe der Woche entscheiden. Im Grunde sind die Positionen halbrechts und halblinks in Kapitän Steffen Weinhold und Fabian Wiede und dem Duo Fäth und Dissinger wirkungsvoll besetzt – sofern nichts mehr passiert.

          Immerhin hat der Bundestrainer im Kieler Rune Dahmke wieder einen Linksaußen im Kader. Nach den Verletzungen von Uwe Gensheimer und Michael Allendorf war die Position zunächst vakant geblieben, und Sigurdsson hatte gegen Tunesien munter probiert und positionsfremde Spieler wie Pekeler oder Strobel dorthin beordert. Gegen die abwehrschwachen Tunesier fiel das nicht weiter auf. Doch in Breslau warten starke Gegner. Dann wird Sigurdsson neben der zu erwartenden mannschaftlichen Geschlossenheit auch herausragende Momente Einzelner benötigen, um sein Team aussichtsreich in die Hauptrunde zu führen.

          Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat noch einiges zu tun bis EM-Start.

          Und hier sind Zweifel angebracht. Außer Steffen Weinhold steht kein einziger Akteur von internationaler Klasse in Sigurdssons Kader. Im sehr jungen Team haben einige wie Dahmke oder auch Dissinger und Pekeler das Zeug dazu, herauszustechen – erfahrene Profis mit dem gewissen Etwas sind sie jedoch nicht. Auch im Tor haben die Deutschen nach Jahren der Weltklasse gewisse Schwächen. Henning Fritz, Johannes Bitter, Silvio Heinevetter: Das waren Torhüter, die Spiele entscheiden konnten. Der brave Carsten Lichtlein und der unerfahrene Andreas Wolff sind es nicht. Und die Abwehr um den 210-Zentimeter-Riesen Finn Lemke wirkte verwundbar: Die Isländer warfen einfach an ihm vorbei, statt es obendrüber zu versuchen.

          Sigurdsson bleibt bei all diesen Unwägbarkeiten locker. „Ich denke, wir haben eine junge Mannschaft zusammen, die so noch acht bis zehn Jahre zusammenspielen kann“, sagt er. Sein Credo ist, dass jeder Deutsche, der regelmäßig in der Bundesliga aufläuft, Nationalspieler sein kann. So hatte der 42 Jahre alte Isländer den Einfall, Niclas Pieczkowski aus Nettelstedt zum DHB-Akteur zu machen. Dass die Nettelstedter Letzte der Liga sind, stört Sigurdsson nicht. Dass auch Pieczkowski derzeit angeschlagen ist, schon eher.

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