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Schweden bei Handball-EM : Gesellig – aber gescheitert

  • -Aktualisiert am

Platte geputzt: Die Spieler des schwedischen Teams nach der Niederlage gegen Norwegen. Bild: dpa

Auch der Ko-Gastgeber gehört zu den enttäuschenden Favoritenteams bei der Handball-EM – Schlagzeilen machten die Schweden nur mit einer Kneipentour. Als letztes Ziel peilen sie das Prestige-Duell gegen Deutschland an.

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          Es war hinterher schwer zu sagen, was mehr schmerzte. Dass die Norweger sie aus der Veranstaltung geworfen hatten – aus ihrem Turnier in Göteborg und Malmö –, oder die Erkenntnis, dass Norwegen sie schlichtweg überholt hat. Es ist ja erst 24 Monate her, dass die schwedische Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Kroatien mit ansehnlichem Handball bis ins Finale gestürmt war. Und nun ist schon alles mitten in der Hauptrunde vorbei – aus der Traum von der Endrunde in Stockholm!

          Während Norwegen, früher kleiner Bruder im Handball, nach dem zweiten Platz bei der WM 2019 wieder Richtung Halbfinale stürmt und den Schweden fürs Erste den Rang abgelaufen hat. „Es ist bitter, enttäuschend, beschämend. Wir können uns bei den Zuschauern nur entschuldigen“, sagte Kapitän Jim Gottfridsson. Das 20:23 am Sonntagabend in Malmö gegen Norwegen war dabei weniger das Problem. Schweden hatte sich gewehrt, war in der zweiten Halbzeit gegen müde Norweger drauf und dran, das Spiel zu drehen. Ausschlaggebend für das Scheitern schon in der zweiten Runde waren die Niederlage im Gruppenspiel gegen Slowenien und dann das 25:35 gegen Portugal am Freitag, wofür Magnus Wislander, vier Mal Europameister und Weltmeister 1990 und 1999, nur das Wort „Katastrophe“ einfiel.

          Die Schweden ohne Punkt am Ende ihrer Staffel, ohne Aussichten auf die Finalrunde, die im 22.000 Zuschauer fassenden Fußballstadion von Stockholm am kommenden Wochenende ein großes Handballfest in Blau und Gelb hatte werden sollen – wie konnte das passieren? Die verbleibenden Spiele gegen Ungarn (Dienstag, 20.30 Uhr(F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM) und Island (Mittwoch, 20.30 Uhr) bieten eine geringe Möglichkeit, wenigstens Gruppendritter zu werden und das Spiel um Platz fünf gegen Deutschland zu erreichen. Das wäre ein Trostpflaster für dieses Team, das zum Favoritenkreis gehört hatte.

          Irgendetwas war da von Anfang an mächtig schiefgelaufen. Die Vorbereitung war nicht optimal; Trainer Kristján Andrésson plagten Sorgen im rechten Rückraum, weil Kim Andersson, Mattias Zachrisson und Linus Persson abgesagt hatten. Albin Lagergren stieß erst gegen Norwegen zur Mannschaft. Andere Rückraumspieler wie der Kieler Lukas Nilsson oder Kim Ekdahl Du Rietz aus Paris kamen in mäßiger Form. Zudem wird Andrésson die Schweden nach der EM verlassen, um sich auf seine Aufgabe bei den Rhein-Neckar Löwen zu konzentrieren.

          „Uns hat der Flow gefehlt“

          Für einen ruhigen Coach wie Andrésson womöglich ein Stück Autoritätsverlust. Für ihn kommt ab 1. Februar der Norweger Glenn Solberg. Eine erste Sieben fand Andrésson im Laufe des Turniers nicht. „Uns hat der Flow gefehlt“, sagte Ekdahl Du Rietz. Durch viele Abwehr-Angriff-Wechsel mangelte es den Schweden an Tempo. Im Positionsspiel hing alles an den Ideen Gottfridssons. Ziemlich statisch wirkte das, gerade gegen die flinken und einfallsreichen Portugiesen.

          Lange Gesichter bei den Schweden: beim Heim-Turnier kamen sie nie in den Flow.

          Nach dem Sieg im letzten Vorrundenspiel gegen Polen, gleichbedeutend mit dem Einzug in die Hauptrunde, waren einige schwedische Profis ausgegangen. Gottfridsson, Andreas und Lukas Nilsson und Ekdahl Du Rietz nahmen in einem Lokal in Malmö nach einem Abendessen Alkoholisches zu sich. Von einem Glas oder zwei Gläsern Bier sprach Gottfridsson. Andere Gäste des Lokals sprachen gegenüber dem „Aftonbladet“ von Bier und Wein. Angetrunken habe keiner der Spieler gewirkt.

          „Jetzt können sie so viel trinken, wie sie wollen“

          Der schwedische Handballverband erlaubt es seinen Spielern, Alkohol zu trinken. Allerdings nur in Absprache mit der Teamleitung. Und die hatte es nicht gegeben. Gottfridsson entschuldigte sich auf der Internetseite des Verbandes. Doch zusammen mit der Schlappe gegen Portugal am Abend danach zählte die schwedische Öffentlichkeit eins und eins zusammen und schrieb von Schwierigkeiten mit der Disziplin in der wichtigsten Handballmannschaft des Landes – und das bei der Heim-EM. Diesen Makel hätte Andréssons Sieben nur mit einem Sieg gegen Norwegen beseitigen können.

          Doch gegen Sander Sagosens Wucht und Torbjörn Bergeruds Paraden wirkten die Schweden zunehmend machtlos. Hinterher kam dann der Spott. „Jetzt können sie so viel trinken, wie sie wollen“, sagte der Norweger Magnus Röd. Pikant, das so zu formulieren, spielt Röd doch in Flensburg mit Gottfridsson zusammen. Allerdings entwickelten sich die Dinge für Röd unerfreulich – mit einer gegen Schweden erlittenen Stress-Fraktur im Fuß ist die EM für ihn beendet. Ohnehin hätte es die SG Flensburg lieber gesehen, wäre Vielspieler Röd nach kleineren Blessuren in der Bundesliga-Vorrunde gar nicht erst zur EM gefahren. Diesen Rat schlug Röd in den Wind. So war es gegen die enttäuschten Schweden ein am Ende bitterer Sieg für Norwegen – müssen sie den Weg zum Titel jetzt doch ohne ihren besten Linkshänder bestreiten.

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