https://www.faz.net/-gtl-969r8

Deutschland gegen Dänemark : Suche nach der richtigen Mitte

  • -Aktualisiert am

Steht gegen Dänemark unter Zugzwang: Uwe Gensheimer. Bild: EPA

Uwe Gensheimer ist eine Schlüsselfigur in der Nationalmannschaft. Bei der Handball-EM kann er jedoch noch nicht überzeugen. Für das Spiel gegen Olympiasieger Dänemark muss er sich steigern.

          Vielleicht, sagte Bob Hanning, sei der Freitag eine Art Dosenöffner gewesen. Ein Schlüsselerlebnis, das krampflösend wirken könnte auf die deutschen Handballspieler. Immerhin ist noch längst nicht alles verloren bei der Europameisterschaft in Kroatien, mit dem Sieg über die Tschechen haben die Deutschen die Chance gewahrt, doch noch das Halbfinale zu erreichen – es wäre eine erstaunliche Wendung, sollten sie das tatsächlich schaffen. Schließlich lag zuletzt manches im Argen, vor allem in der Offensive, sogar bei Uwe Gensheimer, einem sonst sehr verlässlichen Schützen. „Wir haben im Angriff noch Potential“, sagte Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, und am Samstag wurde bekannt, dass Bundestrainer Christian Prokop eine frische Kraft in sein Team holt, die sich schon an diesem Sonntag im zweiten Hauptrundenduell mit Olympiasieger Dänemark (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und in der ARD) bewähren soll. Prokop nominierte Rune Dahmke nach, einen Linksaußen, der Kieler nimmt also die gleiche Position wie Gensheimer ein. Prokop verband das allerdings nicht mit Kritik an dem Kapitän des deutschen Teams. Er sagte am Samstag lediglich, dass damit eine Möglichkeit gegeben sei, „dass Gensheimer Verschnaufpausen kriegt“.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Gensheimer stellt bei weitem nicht das größte Problem für Prokop dar, die gravierendsten Mängel zeigen sich im Rückraum, bei Spielern wie Julius Kühn, Paul Drux oder Philipp Weber. Der 31 Jahre alte Mannheimer Gensheimer, der einst der Frontmann der Rhein-Neckar Löwen war, ist trotzdem ein ganzes Stück von der Verfassung entfernt, die ihn zu einem begehrten Mann im europäischen Handball gemacht hatte – und ihm einen Vertrag bei Paris Saint-Germain einbrachte. Bei einem Starensemble, dem auch die dänische Galionsfigur Mikkel Hansen angehört. Gensheimer leistete sich nun aber in Kroatien Fehlwürfe vom Siebenmeterpunkt aus, seine Leistung hatte auch beim 22:19 gegen Tschechien mit lediglich drei Treffern zu wünschen übriggelassen. „Er hat keinen Lauf, er kann viel mehr“, sagte Hanning am Samstag über Gensheimer. Er zollte ihm aber auch Anerkennung dafür, das Team in exponierter Rolle exzellent zu führen. „Eine unfassbare Aufgabe“, sagte Hanning, „das macht er phantastisch.“ Für Prokop war das Geschehen vom Freitag jedoch ein Zeichen dafür, sich um eine Alternative zu dem Spieler Gensheimer zu kümmern. Dahmke werde ihn entlasten, sagte der Bundestrainer, und er ist überzeugt davon, dass der Kieler „viel Energie“ in die Mannschaft bringen werde. Hanning sprach von einer Hilfestellung für den stark beanspruchten Gensheimer.

          Handball-EM 2018: Spielplan, Ergebnisse, Termine

          Der Nordbadener versucht den Eindruck zu vermitteln, dass er selbst keineswegs in einer schwierigen sportlichen Phase steckt: Eine Momentaufnahme, nichts weiter, so skizzierte er seinen Auftritt am Freitag in Varazdin. „Ich fühle mich immer noch gut“, behauptete er, „ich bin in der Lage, 60 Minuten zu spielen.“ Und dass plötzlich auch ihm nicht mehr alles so leicht von der Hand geht, dass es seinen Würfen bisweilen an Präzision fehlt, scheint ihn nicht sonderlich zu beunruhigen: „Ich mache mir bestimmt keine großen Gedanken darüber.“ Ganz nach der Devise: Es wird schon wieder etwas werden mit dem „goldenen Arm“, der ihn zu einer Größe im Handball gemacht hat.

          Gensheimer, im Handball am Rande zu Hause, muss seine Mitte wieder finden, wie schon mehrere Mal in seiner Karriere. Er habe manche Rückschläge einstecken müssen, sagte er, aber er habe diese Situationen bewältigt, sei sogar gestärkt aus ihnen herausgekommen. Es ging um Verletzungen wie vor zwei Jahren, als Gensheimer wegen der körperlichen Beschwerden die EM in Polen verpasste und damit den deutschen Gipfelsturm. Vor einem Jahr, während der Weltmeisterschaft in Frankreich, hatte er den überraschenden Tod seines Vaters verkraften müssen. Einschneidende Momente für den Handballprofi Gensheimer. Wie, in anderer Hinsicht, der Wechsel nach Paris, der Ausbruch aus der gewohnten Umgebung. Er sei dadurch reifer geworden, betont Gensheimer, gefestigter, „ich lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen“. Ein neues, ein anderes Leben, unter anderem mit dem Vorzug, ein größeres Renommee als in Deutschland zu genießen. „In Frankreich wird man mehr als Hero wahrgenommen“, sagte Gensheimer, „in Deutschland wirst du als Sportler oft abgestempelt als jemand, der nichts gelernt hat.“

          Einer, der sich offensichtlich bestens aufgehoben fühlt in Paris – und nun aber, im deutschen Dress, rauhe Zeiten erlebt. Mit Meldungen darüber sogar, dass Spieler sich, als der Melsunger Finn Lemke noch nicht dabei war, über die Defensivtaktik von Prokop hinweggesetzt und sozusagen den Aufstand geprobt hätten. Gensheimer wies das energisch zurück: „Es hat kein eigenständiges Handeln gegeben.“ Auch dass er während einer Auszeit angeblich fassungslos die Anweisungen des neuen Bundestrainers verfolgt hat, ist für Gensheimer frei erfunden. „Nach den Lippenlesern im Fußball“, sagte er am Samstag sarkastisch, „gibt es jetzt die Gesichtsausdruckleser im Handball. Das ist lächerlich.“ Deutschland hat in jedem Fall seine Linie noch nicht gefunden, das kann auch Gensheimer nicht bestreiten: „Noch greift nicht jedes Rad ins andere, aber das kann sich schnell drehen.“ Und eines, sagte der Mann noch, der um seine Balance ringt, dürfe nicht außer Acht gelassen werden: „Wir sind immer noch ungeschlagen.“

          Weitere Themen

          Ein Mann für Olympia

          Zehnkämpfer Kaul : Ein Mann für Olympia

          Zehnkämpfer Niklas Kaul gewinnt bei der U23-Europameisterschaft in Schweden nicht nur den Titel. Mit seinen 8572 Punkten steigt der 21-Jährige endgültig in die Weltklasse auf.

          Topmeldungen

          AKK im Kabinett : Auf dem Marsch ins Kanzleramt

          Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer Regierungschefin werden will, darf sich vor dem Verteidigungsministerium nicht fürchten. Auch in der Politik gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Shitstorm des Tages : Ein „Aufstand der Generäle“ als Rohrkrepierer

          Uwe Junge ist rhetorisch kampferprobt. Gegen die neue Verteidigungsministerin fährt der AfD-Politiker und ehemalige Stabsoffizier ganz großes Geschütz auf. Doch der Schuss geht nach hinten los. Übrig bleibt geistiges Brandstiftertum.
          Nordkoreas Machthaber KIm Jong-un sieht man regelmäßig bei offiziellen Empfängen in Limousinen vorfahren.

          Kim Jong-un : Wie Nordkoreas Machthaber an seine Luxusautos kommt

          Eigentlich ist der Export von Luxusgütern nach Nordkorea verboten. Trotzdem sieht man Machthaber Kim Jong-un bei offiziellen Empfängen regelmäßig in Limousinen vorfahren. Eine Forschergruppe will das Rätsel gelöst haben.
          Elon Musk hat große Pläne für das menschliche Gehirn

          Neuralink : Elon Musk will Gehirne mit Computern verbinden

          Der Tesla-Chef hat seine Pläne für das „Neuralink“-Projekt konkretisiert. Winzige Fäden, die in das Gehirn implantiert werden, sollen Menschen mit Instrumenten künstlicher Intelligenz ausstatten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.