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Fazit der Handball-EM : Bundestrainer Prokop macht sich Luft

  • -Aktualisiert am

Zu viele Nebengeräusche bei der Handball-EM: Bundestrainer Christian Prokop Bild: dpa

Wieder keine deutsche Medaille im dritten Turnier unter Christian Prokop – aber auch nicht so weit weg davon. Ein Großteil der Spieler wirkt nach der EM zufrieden. Der Bundestrainer aber hat keine Lust auf eitel Sonnenschein.

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          Es war ein versöhnliches, erfreuliches Ende für den Deutschen Handballbund (DHB) in der riesigen, leeren Tele2-Arena. 29:27 gegen Portugal, Fünfter – aber Bundestrainer Christian Prokop hatte keine Lust auf eitel Sonnenschein. Dafür hatte ihn diese Drei-Länder-Europameisterschaft zu sehr mitgenommen. So lautete sein persönliches Fazit: „Die Nebengeräusche haben mich 50 Stunden zu viel beschäftigt. Das hat einfach keinen Platz bei so einer Europameisterschaft.“

          Die Nebengeräusche. Das war die Kritik an ihm, seinem Coaching, seinen Wechseln, kulminierend nach der knappen Niederlage gegen Kroatien in der Hauptrunde und der Forderung von DHB-Vizepräsident Bob Hanning, den folgenden Charaktertest gegen Österreich doch bloß zu bestehen. Hanning hatte wohl sagen wollen, das Team solle jetzt für den Trainer spielen – was Interpretationsspielraum öffnete. Es war nun ein offenherziges Bekenntnis von Prokop. Und es war umso erstaunlicher, weil Prokops „Vorgesetzte“ nur ein paar Meter entfernt saßen: Hanning, Sportdirektor Axel Kromer und Präsident Andreas Michelmann.

          Prokop hatte sich Luft verschafft – und das war verständlich nach den Tagen von Trondheim, Wien und Stockholm. Denn oft wirkte es, als sei das Team für die Siege zuständig (es waren sechs), während Prokop für die Niederlagen verantwortlich war (zwei). Wofür das gut funktionierende Team nichts konnte. Alle Führungsspieler von Hendrik Pekeler über Johannes Bitter bis Uwe Gensheimer betonten, dass sie mit diesem Trainer weiterarbeiten wollen. Aber die Frage bleibt, ob dieses Team tatsächlich einen Entwickler wie Prokop braucht. Oder einen Mann, wie Dagur Sigurdsson es war.

          Kromer hatte Prokop nach dem Österreich-Spiel gestützt, ihm eine Job-Garantie bis zur Olympia-Qualifikation Mitte April ausgestellt, aber nicht darüber hinaus: Prokops Vertrag läuft bis zum Jahr 2022. Der DHB scheint sich zu fragen, wie groß das Vertrauen des Teams in seinen Trainer wirklich ist. Michelmann sagte am Samstagabend: „Der äußere Druck hat zu einem klaren Zusammenhalt von Mannschaft, Trainer und Stab geführt.“ Michelmanns Analyse hatte etwas Schlüssiges. Tatsächlich hatten sich Spieler und Trainer zu einem Klasse-Spiel gegen Kroatien aufgerafft – und danach alle drei Spiele gewonnen. Sie wirkten robust im Turnierverlauf. Ein Stresstest für den Trainer? So musste man Michelmann verstehen. Mit Platz fünf hat Prokop ihn bis auf Weiteres bestanden, denn Verletzungen und kurze Vorbereitung muss man berücksichtigen.

          Am Ende waren etwa die jungen Johannes Golla und Marian Michalczik wichtige Stützen. Die Nominierung des erfahrenen Torhüters Bitter war eine gute Idee. Und es gab weitere Gewinner. Abwehrchef Pekeler, am Ende mit schmerzender Achillessehne außen vor, landete als bester Verteidiger im All-Star-Team. Dazu kamen Rechtsaußen Timo Kastening und Philipp Weber. Andere wie Kapitän Gensheimer blieben hingegen blass, auch der Rückraum, in dem die „Halben“ Julius Kühn und Kai Häfner unter ihren Möglichkeiten blieben. Hier will Prokop nicht nachlassen. „Im Rückraum sehen wir gegenüber den Medaillen-Kandidaten einfach das größte Potential, das wir noch nicht ausgeschöpft haben. Das wird vor allen Dingen die Arbeit der Vereinstrainer, der Spieler und von mir sein.“

          Ein Großteil der Profis wirkte zufrieden. Wieder keine Medaille im dritten Turnier unter Prokop – aber auch nicht so weit weg davon. Jannik Kohlbacher etwa sagte: „Ich werde lieber Fünfter als Vierter.“ Vielleicht haben die vergangenen Wochen Trainer und Team so zusammengeschweißt, dass es im April in Berlin gegen Slowenien, Schweden und Algerien für einen der ersten beiden Plätze reicht. Dann stünde diese aus deutscher Sicht leicht rätselhafte EM in einem anderen Licht da.

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