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Bundestrainer Dagur Sigurdsson : Der kühle Handball-Vulkan

  • -Aktualisiert am

Entschlossen, aber Dagur Sigurdsson warnt vor zu hohen Erwartungen Bild: dpa

Handball-Nationaltrainer Sigurdsson führt das junge deutsche Team bei der EM auf unprätentiöse Weise. Vor dem Start in die Zwischenrunde gegen Ungarn gibt er seinen Spielern Rückhalt – und das fast bedingungslos.

          Warten auf den Bundestrainer? Nicht nötig. Dagur Sigurdsson erscheint einige Minuten vor seinem Auftritt, setzt sich an das Podium, bleibt dort erst mal allein, ohne sein Gefolge beim Deutschen Handballbund (DHB). Sigurdsson beobachtet die Umgebung, minutenlang, unaufgeregt und unprätentiös. Er strahlt Gelassenheit aus, er hat auch allen Grund dazu. Die Dinge entwickeln sich für ihn und sein Team sehr zufriedenstellend, die Deutschen haben die erste Etappe bei der Europameisterschaft in Polen erfolgreich bewältigt.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Zwei Siege, zwei Pluspunkte als Basis für die bevorstehende Hauptrunde, das kann sich sehen lassen. Sigurdsson aber spricht nicht von großen Hoffnungen, schon gar nicht von Träumen. „Einfach weitergehen“, sagt er am Donnerstag beim Ausblick auf die kommenden Aufgaben, und man möge die Sache doch nicht so kompliziert machen. Das kann man als Forderung an seine Spieler verstehen, aber auch als Hinweis an die Öffentlichkeit: bloß keine überzogenen Erwartungen äußern.

          Vom Halbfinale ist noch nicht die Rede

          Der deutsche Handball ist wieder im Gespräch, nicht zuletzt dank des Isländers Sigurdsson. Er und sein Team haben in den vergangenen Tagen bereits einiges getan für ihr Image, und vielleicht springt nun doch ein bisschen mehr heraus für die Deutschen, als man gedacht hatte. Vom Halbfinale ist zwar vorläufig nicht die Rede, aber es könnte doch gut und gerne Platz fünf werden. Das glaubt in jedem Fall Uwe Schwenker, der Präsident der Handball-Bundesliga, der nun zum deutschen Tross in Breslau gestoßen ist und angetan ist von den Darbietungen der jungen, unbekümmerten Deutschen. „Sie machen sich keinen großen Kopf“, sagt Schwenker, „sie versuchen, ihr Ding durchzuziehen.“ Und natürlich habe das viel mit Sigurdsson zu tun, „er ist der klare Leithengst“.

          Deutschland steht nun vor den nächsten drei Spielen in Breslau, an diesem Freitag geht es zunächst gegen Ungarn (18.15 Uhr / ZDF), dann gegen Russland (Sonntag, 18.15 Uhr / ARD), schließlich gegen die Dänen (Mittwoch, 18.15 Uhr / ARD und alle Spiele auch live im Handball-EM-Ticker auf FAZ.NET). Sigurdsson wähnt sein Team mit den Ungarn und Russen auf Augenhöhe, die Dänen stuft er deutlich höher ein – er bezeichnet sie als Übermannschaft. „Aber wir sind auch nicht so schlecht.“ Und immer noch gut bei Kräften, findet er. Hat schließlich seinen Vorteil, auf die Jugend zu bauen: „Junge Leute regenerieren schneller als alte.“

          Sigurdsson präsentiert in Polen, bedingt auch durch etliche Ausfälle, das neue Handball-Deutschland, und es sind bemerkenswerte Entdeckungen dabei. Torhüter Andreas Wolff zum Beispiel, aber auch der bullige Kreisläufer Jannik Kohlbacher oder der hünenhafte Abwehrspezialist Finn Lemke vom SC Magdeburg. „Kompliment an sie“, sagt Sigurdsson. Und Anerkennung für Sigurdsson, sagt Schwenker, schließlich habe der Isländer ein Auge für Talente. Allerdings ist auch festzustellen, dass in der Bundesliga eine neue „deutsche Bewegung“ herrscht. Die Klubs bauen mehr und mehr auf nationalen Nachwuchs; davon profitiert auch der Bundestrainer.

          Die frischen Gesichter wissen, was sie an Sigurdsson haben: einen Mann, der sie nahezu bedingungslos unterstützt. „Er vertraut denen, die er auf die Platte schickt, hundertprozentig“, sagt Kohlbacher, für den Christian Schwarzer ein Vorbild war, „weil er alles reingeworfen hat, 60 Minuten lang“. Das ist auch sein Bestreben, und solange eine Menge Leidenschaft im Spiel ist, kann manches auch danebengehen. „Da verzeiht man auch Fehler“, sagt Schwenker. Zumal Kohlbacher und Co. noch in einem Lernprozess stecken. Aber sie sammeln jetzt eifrig Erfahrungen, sie treiben ihre Entwicklung voran, sie machen Fortschritte. Der Jüngling Lemke drückt das so aus: „Der Bart kommt langsam.“

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          Schwenker hält Sigurdsson außerdem zugute, dass er das Fehlen von Stützen wie Uwe Gensheimer ohne Murren hingenommen hat und damit die Nachrücker stärkte. „Er hat nicht gejammert, er hat sich exzellent verhalten.“ Dass der Isländer, früher Coach der Berliner Füchse, nicht mehr in Doppelfunktion tätig ist, sondern sich inzwischen ganz auf seine Arbeit beim DHB konzentrieren kann, wirkt sich offenbar ebenfalls positiv auf das Nationalteam aus. „Das tut Sigurdsson gut“, sagt Bob Hanning, Vizepräsident des DHB, „das setzt unglaublich viele Zeitreserven frei.“

          Hanning, im Verband für den Leistungssport zuständig, schätzt Sigurdsson als einen Mann, „der klar artikuliert, was er will. Und er bekommt vom DHB, was er will.“ Hanning beschreibt dies als ein äußerst gedeihliches Miteinander. „Man merkt, dass das alles im Einklang stattfindet.“ Das bezieht der Manager der Füchse auch auf das Verhältnis unter den Funktionären, das vor einem Jahr, unter der alten Führung des DHB, noch ziemlich getrübt war. Jetzt, nach einer personellen Erneuerung, gehe es harmonisch zu, behauptet Hanning, „das genießt auch Sigurdsson“.

          Angenehme Tage in jedem Fall für den deutschen Handball und für Sigurdsson, der in sich zu ruhen scheint. Aber das kann sich unter Umständen schnell ändern. „Er trägt die isländische Kühle in sich“, sagt Hanning, „aber auch einen Vulkan.“ Hängt nun weiter entscheidend von seinem Team ab, welche Seite von sich Sigurdsson zeigt.

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