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Deutschland im EM-Finale : Ein Krimi geht in die Verlängerung

  • -Aktualisiert am

Jubel grenzenlos: Deutschlands Handballer spielen um den EM-Titel Bild: dpa

Es ist ein Spektakel, spannungsgeladen, nervenaufreibend. Durch einen 34:33-Sieg nach Verlängerung erreichen die Deutschen eigentlich das Endspiel der Handball-EM gegen Spanien. Doch Halbfinal-Gegner Norwegen legt Protest ein.

          Goldene Hände, Zauberhände? Hände in jedem Fall, die das nächste Prachtwerk schufen in Polen. Nichts hielt sie mehr, niemand konnte sie mehr bremsen, nachdem die deutschen Handballspieler Norwegen 34:33 nach Verlängerung bezwungen hatten und nun dicht vor der möglichen Krönung bei der Europameisterschaft stehen. Sie tanzten ausgelassen im Kreis, als sie am Freitag ihre Aufgabe bewältigt hatten, als alle Anspannung von ihnen gewichen war und das Gefühl der Befreiung, der Erlösung sich Bahn brach.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Deutschland, für das Kai Häfner am Freitag fünf Sekunden vor Toresschluss den entscheidenden Treffer erzielte, hat bereits etwas ganz Besonderes zuwege gebracht. Und strebt gegen Spanien, das Kroatien mit 33:29 besiegte, an diesem Sonntag (17.30 Uhr / Live in der ARD und im Handball-EM-Ticker bei FAZ.NET) in Krakau nach dem Höchsten, nach dem Titel. Auch wenn es vorher noch den Protest der Norweger zu überstehen gilt – zwei deutsche Spieler hätten sich demnach regelwidrig in der Verlängerung mit Leibchen auf dem Feld befunden. Eine Entscheidung wird am Samstagvormittag erwartet. „Wir sehen der Verhandlung gelassen entgegen und freuen uns auf das Finale“, sagte der deutsche Delegationsleiter Bob Hanning.

          Nur einmal bisher, im Jahr 2004 in Slowenien, unter Heiner Brand als Bundestrainer, waren die Deutschen Europas Könige. Daran wollen sie jetzt anknüpfen, mit aller Macht. Immerhin hat Deutschland sich mit dem Sieg vom Freitag schon für die Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich qualifiziert.

          Es war ein Spektakel in Krakau, spannungsgeladen, nervenaufreibend. Ein Bangen, ein Zittern, bis Häfner zuschlug. „Ich bin unglaublich glücklich und stolz“, sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson. „Das war ein Krimi, Wahnsinn, alles auf einmal.“ Er bescheinigte Häfner, der wie Julius Kühn nachnominiert worden war, eine große Leistung. Häfner fügte sich reibungslos in das Team ein und sagte: „Wenn die Mannschaft mich braucht, gebe ich alles.“ So bewegend war das Geschehen in Krakau, dass Linksaußen Rune Dahme wenige Minuten nach dem Ende sagte: „Ich kann mich eigentlich schon an nichts mehr erinnern.“ Für Bob Hanning, den Vizepräsidenten des Deutschen Handballbundes, war es ein Spiel, „das in die Geschichte eingehen wird“.

          Die Deutschen – die „Bad Boys“ dieses Turniers, jung, wild, manchmal ungestüm. So sehen sie sich selbst, so hatten sie auch am Freitag auftreten wollen. Die Norweger hatten sich selbstredend darauf eingestellt, Kreisläufer Joakim Hykkerud, in der Bundesliga in Hannover aktiv, beschrieb die Deutschen so: „Sie sind körperlich knallhart und ein bisschen schmutzig.“ Diese Anerkennung, diesen Respekt hatte sich die deutsche Auswahl redlich verdient durch ihre beherzten Darbietungen in Breslau, die kühne Träume hatten reifen lassen. Und die auch die deutsche Öffentlichkeit verzückten.

          Für die Norweger endete das Halbfinale niederschmetternd. Bilderstrecke

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          Es war ein zähes Ringen in Krakau, von Anfang an. Die Norweger wurden mit einer offensiven deutschen Deckung konfrontiert, die Deutschen hatten Mühe, sich gegen die norwegische Defensive durchzusetzen. Immerhin wurde ihnen gleich eine Reihe von Siebenmetern zugesprochen, bei denen sich Tobias Reichmann, zehnfacher Torschütze, von neuem als nervenstarker Meister seines Fachs erwies. Sigurdsson schickte zwischendurch sogar zwei Kreisläufer auf das Feld, um den Druck auf die norwegische Abwehr zu erhöhen.

          Allmählich agierte sein Team tatsächlich schwungvoller, es kam vor allem über die Außenpositionen zum Zuge – und zu Treffern. Das reichte, um in Führung zu gehen, zeitweise mit einem Vorsprung von vier Toren. Der Rückraum jedoch blieb einiges schuldig, es mangelte den Deutschen ein wenig an Dynamik und an Präzision bei den Würfen. Auch der Wetzlarer Steffen Fäth, zuletzt eine herausragende Erscheinung, war davon betroffen. So kam Norwegen wieder auf, auch wenn Torhüter Andreas Wolff einige ihrer Möglichkeiten zunichte machte und Kapitän Carsten Lichtlein einen Siebenmeter parierte.

          Ein hartes Stück Arbeit für Deutschland, das von den jüngsten Kraftakten gezeichnet zu sein schien. Sigurdsson beorderte den Hünen Julius Kühn, als Nachrücker dabei, in den linken Rückraum – der Gummersbacher sorgte prompt für eine gewisse Belebung. Und offenbarte seine enorme Wurfkraft. Deutschland blieb damit auf einer Höhe mit den Norwegern, die aber immer wieder Stiche setzten und Sigurdssons Spieler unter Zugzwang brachten. So bemühten sich die Deutschen in den letzten Minuten der regulären Spielzeit nach Kräften, ein 26:27 wettzumachen; Linksaußen Rune Dahmke erzwang schließlich etwa 20 Sekunden vor dem Abpfiff die Zusatzschicht.

          Deutschland musste die allerletzten Reserven mobilisieren. Und das gelang in beeindruckender Manier. Mit einem Helden, der die EM vor nicht allzu langer Zeit noch von zu Hause aus verfolgt hatte.

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