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Handball-Europameisterschaft : Alfred Gislason, der souveräne Wikinger

  • -Aktualisiert am

„Ich war jedes Mal traurig, wenn die Spieler erkrankten und nicht mehr spielen konnten.“, sagt Alfred Gislason nach der Europameisterschaft. Bild: dpa

Der Trainer der deutschen Nationalmannschaft hat mit seiner Mannschaft den gesamten Verband gerettet. Ein Rückzug wäre teuer geworden. Seine neue Milde könnte mit einem Schicksalsschlag zusammenhängen.

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          Den Rücken zum Spielfeld, hockt Alfred Gislason vor Philipp Weber. Es läuft die 28. Minute des letzten deutschen Spiels bei dieser Europameisterschaft. Gislasons Sieben steht in der Abwehr. Weber sitzt auf der Bank und wartet, eingewechselt zu werden, wenn die Deutschen wieder im Angriff sind. Gislason legt seine Unterarme auf Webers Knien ab, er kommt ihm jetzt ganz nah. Nachhilfe vom Handball-Bundestrainer.

          Handball-EM 2022

          Weber ist Gislasons wichtigster Feldspieler. Bei ihm laufen die Fäden zusammen. Oder eben nicht, wie häufig in der Hauptrunde. Ein anderer Spielmacher fehlt der Nationalmannschaft nach 15 coronabedingten Ausfällen. Gislason coacht Weber. Beruhigt ihn. Nicht nur ihn. Auch ein Johannes Golla, ein Patrick Wiencek erleben den fürsorglichen Gislason. Der so ganz anders ist als in Kiel, wo er jeden Angriff in Gedanken mitspielte und zuckte, wenn etwas schiefging. Als liefe Strom durch seinen Körper. Er stauchte die Spieler zusammen. Er regte sich über alles auf. Er mag diese Bilder von sich überhaupt nicht. Aus Bratislava gab es keine.

          Während dieser turbulenten EM hat Alfred Gislason eine Selbstbeschreibung gewählt: „Ich hadere nicht, jammere nicht, ich finde mich ab. Wir kommen aus einer Gegend, in der man schnell reagieren musste. Es ging darum, schnell zu sein oder tot zu sein.“ Gislason stammt aus Akureyri im Norden Islands. Sein Bezug zu den Wikingern, die schnell sein mussten oder starben, kommt ohne Eitelkeit aus. Er meint das so.

          Kehrtwende im „Jahrzehnt des Handballs“

          Und er hat es in der Slowakei bewiesen – natürlich ohne dass es dort um Leben und Tod ging. Gislason, der Souverän, fand auf jede Frage eine Antwort. Leicht ist es ihm nicht gefallen: „Ich war jedes Mal traurig, wenn die Spieler erkrankten und nicht mehr spielen konnten.“

          Gislason hat als Vereinstrainer in Magdeburg und Kiel selten situativ überzeugen müssen. Das hat er seinen Stars überlassen. Er musste selten Talente einbauen. So war er vor zwei Jahren auch nicht beim Deutschen Handballbund (DHB) angetreten. Als „Unterschiedstrainer“ sollte er Wolff, Pekeler, Gensheimer, Weinhold und Co. zu Medaillen führen. Dann kam die Pandemie. Es folgten Pausen, Rücktritte, Verletzungen, enttäuschende Turniere. Und mitten im „Jahrzehnt des Handballs“ vollzog der DHB eine Kehrtwende. Gislason sollte nun ein Team für die Heim-Turniere in den Jahren 2024 und 2027 formen. Resultate: zweitrangig.

          Als dieser Gislason am Dienstagabend am Panoramafenster lehnt, das den zugigen Medienbereich der Ondrej Nepela Arena von zwei Eisflächen trennt, steht ihm der Sinn nicht nur wegen des 30:29 gegen Russland nach einem versöhnlichen Fazit. Gislason lacht, er strahlt. Es hat ihm Spaß gemacht, trotz allem. Er sagt: „Wir hatten die Diskussion, dass die Spieler nicht für Deutschland auflaufen wollen. Wir haben hier komplett das Gegenteil erfahren. Wir haben aus der Not sehr viel Positives geschaffen. Es war schön, das mit der Mannschaft zu erleben.“

          Der junge Julian Köster, der ältere Christoph Steinert, wie sich die nachnominierten Mitläufer David Schmidt, Lukas Stutzke, Daniel Rebmann reinschmissen – das freute den Bundestrainer: „Viele, die sonst nicht die Chance bekommen haben, haben es gut gemacht.“ Trotzdem sind die Aussichten vage. Corona ließ den Plan scheitern, eine zukünftige erste Sieben aufzubauen. Diese Mannschaft war eine Momentaufnahme, und es wird für Gislason darum gehen, den Jungen zu vertrauen, nicht mit der Rückkehr Etablierter zu liebäugeln. Köster, Wagner, Klimpke, Witzke: Es wächst etwas nach. Gislason hat sie berufen.

          Handball-EM 2022

          Vier Siege, drei Niederlagen, ein Platz unter den ersten acht – angesichts der Umstände ist das ein Erfolg. Aufgeben, heimreisen wollte Gislason nie, es war auch keine Option: „Bei einem Rückzug wären wir pleite gewesen“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann dem „Sportbuzzer“. Gewissermaßen haben Gislason und seine Aufrechten den Verband gerettet. Kommende Aufgaben werden kaum leichter – Mitte April wartet die WM-Qualifikation. In zwei Spielen geht es um das Turnier in Polen und Schweden 2023, und der Gegner könnte vom Schlage Portugal, Slowenien, Belarus sein: knifflig.

          Alfred Gislason ist 62 Jahre alt; im Mai 2021 ist seine Frau Kara infolge eines Hirntumors gestorben. Gislason hat darüber gesprochen; die Trauer, die Einsamkeit auf dem großen Anwesen in Wendgräben nahe Magdeburg. Er trägt Karas Ehering jetzt an einer Kette um den Hals. Im Spiel drehte er den Ring manchmal in den Fingern. Vielleicht findet man hier einen Hinweis auf neue Milde.

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