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Handball : Der heißeste Trainertyp der Liga

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Vranjes weiß, wie man motiviert. Hier gibt er Anweisungen an Jim Gottfridsson. Bild: dpa

Sympathikus oder harter Hund? Ljubomir Vranjes beherrscht beide Rollen und gilt mit Flensburg als Mitfavorit auf den Handball-Titel.

          Ein Treffen mit Ljubomir Vranjes kann schnell zur handballtaktischen Fragestunde ausarten. Welche Spielzüge man gut und welche schlecht findet, ob es sinnvoll sein kann, mit zwei Linkshändern im Rückraum zu spielen, welche Deckungsvariante - defensiv oder offensiv - zu bevorzugen ist: Vranjes testet die Kenntnisse seines Gegenübers ein bisschen, er macht das sehr freundlich, sehr smart. Er will niemanden vorführen. Ihm geht es um Input, Input, Input.

          Der 39 Jahre alte Trainer der SG Flensburg-Handewitt sieht sich als Lernender in seinem Berufszweig. „Alle um mich herum sind doch viel erfahrener“, sagt er mit diesem typischen Vranjes-Grinsen, das einen immer im Unsicheren lässt, wie ernst das Understatement denn nun wirklich gemeint war. „Schau dir Alfred an, Martin, sie sind älter und haben alle Titel gewonnen!“ Der Satz impliziert, dass sich Vranjes unterordnet, dass er die Meriten der Trainergrößen Gislason und Schwalb anerkennt. Doch man kann es auch anders lesen, nämlich so: Meine Zeit kommt erst noch! Seit die SG Flensburg in den vergangenen beiden Spielzeiten durch feinen Handball und zweite Plätze in Meisterschaft und Pokal aufhorchen ließ, gilt Vranjes als der heißeste Trainertyp.

          Als derjenige, der sich den nächsten großen Job aussuchen kann. Weil sein Vertrag an der dänischen Grenze bis 2017 datiert ist und dann auch Gislasons Kontrakt in Kiel ausläuft, gilt Vranjes längst als Nachfolgekandidat auf dem wichtigsten Trainerposten der Handballwelt. Zu diesen Gerüchten kann man ihm allerdings nicht mehr als ein Schmunzeln abringen. Dass er seine unangefochtene Stellung innerhalb Flensburgs durch das Interesse der ganz Großen erhöht, weiß der clevere Stratege natürlich.

          Mit viel weniger Geld stinkt die kleine SG gegen die Branchenriesen aus Kiel und Hamburg an und hält andere aufstrebende Klubs wie Berlin und Mannheim auf Distanz - das wird in der Szene längst den taktischen und strategischen Fähigkeiten des kleinen Schweden zugeordnet. „Bedenkt man, wie jung er als Trainer ist, ist Ljubomir außerordentlich weit“, sagt der Flensburger Manager Dierk Schmäschke.

          Externe Fachleute wie Stefan Kretzschmar oder Bundestrainer Martin Heuberger haben die Gleichung erfahrene Mannschaft plus überzeugender Trainer gleich Meisterschaftsfavorit aufgemacht, weil beim HSV und in Kiel viele neue Spieler eingebaut werden müssen. Vranjes sagt: „Andere kritisieren uns dafür, dass wir den Underdog spielen. Da kann ich nur sagen: Hamburg kann uns ja vier Millionen Euro abgeben, dann hören wir sofort mit Underdog auf!“ Das ist ein typischer Vranjes-Spruch. Ein bisschen provokant, ein bisschen witzig.

          Mit Ergänzungsspielern kann er wenig anfangen

          Intern haben sich die Flensburger natürlich mit der Meisterschaft beschäftigt. Was soll man auch sonst ansteuern, wenn man zweimal Zweiter wurde? Vranjes sagt: „Ich glaube, dass meine Spieler ihre Chance sehen. Sie sind bereit für den Titel. Sie wollen den Kampf annehmen.“ Es wirkt locker und leicht, wie Vranjes sich durchs Leben bewegt.

          Er hat das Beste aus zwei Welten mitgenommen, aus seinem Geburtsland Serbien und seiner Heimat Schweden, Durchsetzungskraft und Entspanntheit. Er ist an der Seitenlinie noch nie aus der Haut gefahren, wie man es einst bei Heiner Brand sah oder heute bei Martin Schwalb. „Ich kann doch nicht wild werden. Ich muss wissen, was wir als Nächstes machen“, sagt Vranjes. Auszeiten sind bei ihm kleine Handball-Lektionen mit dem nächsten Spielzug auf eine Tafel gemalt. Das gilt im konservativen Handball schon als Revolution.

          Dass er ein Spiel lesen und anleiten kann, bewies schon der Profi Vranjes. Mit nur 166 Zentimetern Körperlänge wurde er zu einem Weltklasse-Mittelmann. Keiner hatte einen besseren Blick für den richtigen Spielzug. Mit Schweden gewann er große Titel. In Flensburg ließ er nach Nordhorner Jahren die Laufbahn ausklingen, und als er 2010 mit seiner Frau und den beiden Kindern schon auf dem Weg ins schwedische Skövde war, um dort Manager zu werden, wollte man ihn in Flensburg doch gern behalten.

          Für kleines Geld gab Vranjes hier den Sportlichen Leiter unter Coach Per Carlén. Es war eine trügerische Ruhe damals bei der SG, denn jeder wusste, wie gering das Vertrauen der Führung in Carlén war. Die erste Misserfolgsserie wurde genutzt, um ihn zu entlassen. Plötzlich hatte Vranjes die Verantwortung.

          Bei aller Leichtigkeit, die er ausstrahlt - ohne harten Kern geht es nicht. Dass er in der Öffentlichkeit den Sympathikus gibt, in den Übungsstunden und Spielen aber gnadenlos alles fordert, lässt einige Führungsspieler murren. Mit den Ergänzungsspielern kann er wenig anfangen, mit dem Flensburger Nachwuchs gar nichts.

          Als er die Mannschaft im vergangenen November nach einer Niederlage in Hannover zusammenfaltete, obwohl Verletzungen und eine Flut von Spielen den Kader plagten, haben ihm die Altstars Mattias Andersson, Thomas Mogensen und Michael Knudsen übelgenommen. Doch Vranjes hält so etwas aus. „Es ist doch Profisport“, sagt er.

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