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Handball-Bundesliga : Aufstieg als Betriebsunfall

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Handball schwäbischer Schule: TVN-Coach Markus Gaugisch (im Foto rechts) Bild: imago sportfotodienst

Erstklassig trotz Mini-Etats: Das Dorfteam TV Neuhausen/Erms spielt künftig in der Handball-Bundesliga. Die Schwaben wollen mit geringen finanziellen Mitteln und einer Studententruppe die etablierte Konkurrenz ärgern.

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          „Saisonziel verfehlt“ - unter diesem Motto feiert die kleine Handball-Gemeinde Neuhausen den Aufstieg in die erste Liga. Gerade einmal 3500 Einwohner zählt das Dorf, südlich von Stuttgart am Rande der Schwäbischen Alb gelegen. Ein Dorf, das dem kollektiven Handballfieber verfallen ist, spätestens nachdem der heimische TVN den Aufstieg in die Handball-Bundesliga perfekt gemacht hat. „Ein Betriebsunfall“, sagt der Sportliche Leiter Jürgen Zepf, dessen Mannschaft die Zweitligasaison als Dritter beschließen wird und an diesem Samstag zum abschließenden Heimspiel gegen Ligaprimus GWD Minden antritt - und die eigentlich, nachdem sie 2009 aus der dritten Liga aufgestiegen war, vorrangig die eingleisige zweite Liga sichern wollte.

          Ursprünglich hatten viele Experten damit gerechnet, dass der ambitionierte HC Erlangen oder der von Stefan Kretzschmar beratene SC DHfK Leipzig den ehemaligen Bundesligaklubs Minden und TuSEM Essen folgen würden. Doch nach einem gelungenen Saisonstart mit 11:1-Punkten hatte sich in Neuhausen eine Eigendynamik entwickelt, die bis in den Aufstieg mündete - und das mit einem Saisonetat von nur 700 000 Euro.

          An der Schnittstelle zwischen erster und zweiter Liga

          “Der Klassenverbleib wäre die eigentliche Sensation“, sagt Trainer Markus Gaugisch. Und sein Sportlicher Leiter stellt klar, „dass wir uns dauerhaft oben etablieren wollen, auch wenn es zwischenzeitlich wieder runter gehen sollte“. Minimalismus und Klassenverbleib - das könnte in Neuhausen zusammenpassen. Zum einen, weil der Klub professionelle Umstrukturierung und Sparsamkeit nicht verwechselt. Neuhausen ist einer der typischen Handballvereine an der Schnittstelle zwischen erster und zweiter Liga: sportlich zu gut für die eine, strukturell kaum gewappnet für die andere Klasse. Elektronisches Ticketing, VIP-Gäste, Fernsehübertragungen - ganz neue Herausforderungen erwarten den Provinzklub. Dieser muss für seine Verhältnisse hohe Hürden nehmen, um die Lizenzauflagen der Handball-Bundesliga (HBL) zu erfüllen und sich sportlich zu wappnen. Herausforderungen, an denen in der Vergangenheit andere Klubs finanziell (Nordhorn, Wilhelmshaven, Essen, DSC Rheinland) oder sportlich (Friesenheim, Hamm, Düsseldorf) gescheitert sind.

          Umzug in die Arena nach Tübingen

          Um den Auflagen gerecht zu werden, wird der TVN unter anderem für Heimspiele in das 25 Kilometer entfernte Tübingen und dessen 2400 Zuschauer fassende Paul-Horn-Arena umziehen. Die HBL erwartet eine Mindestkapazität von 2250 Zuschauern. „In unserer Halle hatten mit Müh und Not 1300 Fans Platz“, erzählt Zepf. Kein separater Raum für Dopingkontrollen, kein angemessener Hallenboden - die Liste der Unzulänglichkeiten in der eigenen Dorfhalle waren zu lang.

          Ein Umstand, der den Neuhausenern im Sinne traditionell schwäbischer Kaufmannsart zum Vorteil gereichen soll. „Wir müssen das als Chance begreifen, in Tübingen die ganze Region Neckar-Alb für Handball zu begeistern“, sagt der Trainer. Wege zu mehr Professionalität sollen zudem die Ausgliederung der Handballabteilung zu einer eigenständigen GmbH sowie die personelle Installation eines hauptamtlichen Geschäftsführers sein.

          Mini-Etat von 800.000 Euro

          Strukturell den Anforderungen nicht gerecht zu werden, das wollen sich die emsigen Schwaben, ausschließlich Ehrenamtliche, nicht nachsagen lassen. Mit einem Etat von 800 000 Euro, aufgebracht durch mittelständische Sponsoren, gehen sie deshalb kein finanzielles Risiko ein. „Uns zu verschulden - das ist es nicht wert“, sagt Zepf. Eine nachhaltige Erstligatauglichkeit will auch die Mannschaft unter Beweis stellen. „Die Jungs brennen darauf“, betont Gaugisch. Jungs, das ist der richtige Begriff, um das Mannschaftsgefüge zu beschreiben: Neun Spieler im derzeit vierzehn Mann starken Kader kommen aus der eigenen Jugend, viele sind Studenten. Nicht zufällig wurde der TVN 2009 deutscher A-Junioren-Meister. Die Nachwuchsspieler sollen auch in der ersten Liga das Vertrauen genießen. Vier Youngster werden im Sommer dazukommen, mit Philipp Keinath und Klaus Schuldt zwei erstligaerfahrene Spieler aus Balingen-Weilstetten.

          Bewegliche 3:2:1-Deckung

          Die junge Truppe will der etablierten Konkurrenz Stand halten, „durch unsere unkonventionelle Spielweise“, erzählt der Trainer. Der TVN spielt eine bewegliche 3:2:1-Deckung schwäbischer Schule, die dem Gegner Platz auf den weniger gefährlichen Außen bietet, dafür den Rückraum permanent unter Druck setzt und reaktionsschnell Tempogegenstöße unternimmt. Eine taktische Variante, um fehlende individuelle Klasse und Erfahrung auszugleichen.

          “Ein probates Mittel, um selbst große Namen zu ärgern“, erklärt der 37-jährige Coach. Dass die Neuhausener dazu in der Lage sind, haben sie im DHB-Pokal bewiesen. Im Achtelfinale warfen sie Göppingen aus dem Wettbewerb, und im Viertelfinale wusste das später siegreiche Flensburg nach einem anfänglichen Neuhausener Hoch nicht, wie ihm geschah. Das stimmt optimistisch für die Mission „Klassenverbleib“. Gelänge dieser, dürfte die Handballbegeisterung über Neuhausen hinaus schon bald in ganz Neckar-Alb keine Grenzen mehr kennen.

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