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Formel 1 in Ungarn : Hamilton behält einen kühlen Kopf

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Ungarn-Sieger Lewis Hamilton (rechts) jubelt auf dem Podest neben Sebastian Vettel. Bild: Reuters

Der britische Mercedes-Pilot gewinnt auch in Ungarn und baut seine Führung vor Vettel aus. Ferrari betreibt trotz kleiner Fehler Schadensbegrenzung.

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          Erhitzt, verschwitzt, aber nicht derangiert. Ganz in Ruhe hat Lewis Hamilton das nächste Formel-1-Rennen auf „fremdem Terrain“ gewonnen. Eine Woche nach seinem Triumph in Hockenheim siegte der Mercedes-Pilot am Sonntag auch beim Großen Preis von Ungarn. Diesmal vor der Ferrari-Fraktion mit Sebastian Vettel auf Rang zwei und dem Finnen Kimi Räikkönen. Der Scuderia gelang in einem in der Schlussphase dramatischen Rennen die maximale Schadensbegrenzung vor der Sommerpause. Aber Hamilton baute seine Führung in der Fahrerwertung vor Vettel auf 24 Punkte aus.

          Was macht man aus einer unglücklichen Lage? Ferrari hatte unter trockenen Bedingungen in Ungarn am Freitag das schnellste Auto präsentiert. Dann kam der Regen und wusch den Vorteil beim Qualifikationstraining von der Piste. Mercedes profitierte von den gesunkenen Temperaturen: Hamilton, fehlerlos, vorne, auf seiner 77. Pole-Position, dahinter Bottas, der Co-Pilot als eine Art Rückversicherung, ein Puffer, wenn es denn nötig werden sollte.

          Wie könnte Ferrari diese Konstellation sprengen? Beim Start. Keine Chance. Beide Silberpfeile zogen souverän voran durch die ersten Kurven, Vettel konnte als Vierter nur Räikkönen überholen, trotz der härteren Reifen und der schlechteren Startseite mit weniger Grip. Geduld war gefragt, bis die unterschiedliche Reifenwahl vielleicht ein Fenster öffneten für eine Attacke. Vettels Pneu-Wahl ließ mehr Spielraum, den Boxenstopp hinauszuzögern, während Hamilton auf der weichsten Mischung nach 20 Runden sein Tempo nicht mehr halten konnte und zwei Sekunden seines üppigen Vorsprungs einbüßte: von 8,7 Sekunden auf 6,8. „Lang dauert es nicht mehr“, rief der Renningenieur dem Briten über Funk zu, „halte durch.“ Kein Problem.

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          Die Entscheidung dieses Strategiespiels war auf das Ende des Grand Prix hochgerechnet worden von Ferrari: Mit einem möglichst späten Boxenstopp für Vettel und dem Wechsel auf die ultrasoften Gummis, die Sprint-Modelle. Damit es doch noch zu einer Hetzjagd kommen würde mit einem großen Finale. Deshalb ging es im Mittelteil des Grand Prix über 70 Runden zunächst um Nuancen, um das Management der Reifen, um den kühlsten Kopf. Hamilton schonte das Material in Erwartung des Angriffs: „Achte auf die Vorderreifen, Vettel ist im Spiel“, warnte ihn die Kommando-Zentrale, während der Hesse seinen Vorsprung auf den alten Slicks sogar zwischenzeitlich ausbaute und Räikkönen formatfüllend im Rückspiegel des zweiten Mercedes-Piloten Valtteri Bottas auftauchte.

          Der Mann mit dem großen Durst. Fünf Jahre hat der Finne nicht mehr gewonnen, aber nichts von seiner Lust auf ein Elixier mit dem Geschmack des Erfolgs verloren. In der Hitze des Gefechts erlaubte ihm ein Missgeschick am Sonntag aber nicht mal einen Schluck des Elektrolyts im Cockpit. Ferrari hatte nach eigener Darstellung versäumt, die Flasche anzuschließen, bei 33 Grad Celsius im Schatten, außerhalb des erhitzten Cockpits. Ein symbolisches Fehlerchen für die Arbeit der Scuderia in dieser Saison, vom Piloten bis zum Mechaniker. Kleine Dinge mit großer Wirkung: Der erste Boxenstopp von Vettel in der 40. Runde dauerte zwei Sekunden zu lange, weil das linke Vorderrad nicht schnell genug fixiert werden konnte. Schon fand sich der Heppenheimer auf der Piste knapp hinter Bottas wieder: „Sonst wäre vielleicht was möglich gewesen.“

          Doch dahin die vage Aussicht auf einen Coup. Zwei Überholmanöver auf einer Strecke, die eigentlich kaum eines zulässt, falls der eigene Rennwagen nicht etwa 1,4 Sekunden schneller ist pro Runde? Schier unmöglich. Bei einem kurzen Abstand leiden zudem die Reifen unter dem Attacke-Modus. Vettel ließ gut zwanzig Runden vor dem Ende zunächst ab von seinem Vordermann und damit von dem Ziel, Hamilton abzufangen. Für Bottas aber sammelte er noch einmal die Kräfte, um doch noch vorbeizukommen. Gedacht, versucht. 66. Runde: Endlich ist Vettel am Anfang der Geraden so nah dran, dass es reichen könnte. Im letzten Moment zieht er raus auf die Außenbahn vor der Rechtskurve. Bottas bleibt vorne, aber Vettel zieht auf der kleinen Geraden rechts vorbei und liegt vor dem Finnen nach dessen Drift im Mercedes, als er in die Linkskurve einbiegt und dabei den Frontflügel des Mercedes trifft.

          „Ich war vor ihm, da spüre ich den Schlag“, sagt Vettel später. Bottas spricht von einem Rennunfall. Die Streckenkommissare auch. Bottas‘ Bolide braucht eine neue Nase. Teamchef Toto Wolff rauft sich die Haare in der Box. Vettel auf zwei, mit Räikkönen im Schlepptau. Hamilton aber ist meilenweit weg. Die auf dem Mercedes bei Hitze so anfälligen Reifen trotzten der Asphalttemperatur von bis zu 60 Grad Celsius. Ein cooler Abschied in die Sommerferien.

          Bei Red Bull dagegen kocht es zunächst. Max Verstappen und Ricciardo hatten sich auf das Rennen gefreut: Keine übermäßig lange Gerade, enge Kurven, ein kleines Paradies für den Boliden, mit dem die Piloten in den Kurven Tempo machen können. Als es dann vor dem Qualifying am Samstag noch zu regnen begann, wähnten sich die Red-Bull-Freunde im siebten Himmel: Das hatte sich die Teamleitung doch gewünscht im Verlauf der ersten Saisonhälfte. Ein nasse Piste, wo es nicht so stark auf die Motorleistung ankommt, sondern auch auf das Gefühl der Steuermänner. Verstappen hat seit seinem Grand-Prix-Ritt einst in Brasilien vorbei auch an Weltmeister Vettel auf der Außenbahn so eine Art Wasserläufer-Image.

          Aber in Ungarn war nichts davon zu sehen. Nur Startplatz sieben (Verstappen) und zwölf (Ricciardo), enttäuschend für Fahrer und Team. Nicht druckreif fluchte Verstappen, als er in der achten Runde seinen Renner am Rande abstellen musste, weil der Renault-Antrieb massiv an Leistung verloren hatte, wegen eines Defektes in der Elekroabteilung MGU-K. Sein Kurzschluss: „Da gibt man Renault Millionen. Wir sind viel zu langsam und die Haltbarkeit ist auch sch...“ Allerdings diesmal nur im Auto des Niederländers. Daniel Ricciardo, beim Start wegen eines unverschuldeten Vollkontaktes zurückgeworfen auf Rang 16, schoss nach vorne bis auf Platz vier. Obwohl ihn Bottas nach dessen Treffen mit Vettel mit Karacho von der Piste drückte. In der letzten Runde, nach Anordnung von Mercedes, gab der Finne den Platz wieder her. Ricciardo lächelte, erhitzt, verschwitzt und derangiert.

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