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Champions League : Die Schmach von München

Bild: REUTERS

Auch in diesem Jahr keine Titelverteidigung in der Champions League: Vorjahressieger Bayern München erleidet gegen Real Madrid die höchste Heimniederlage seiner Europapokalhistorie und scheidet aus. Die Spanier bezwingen auch den dritten deutschen Gegner.

          4 Min.

          Eine „Hölle“ wollte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge für Real  Madrid entfachen lassen in der rot glühenden Münchner Arena, und vor Anpfiff  hämmerte „Highway to Hell“ durch die Ränge. Doch dann wurde es nicht einmal ein Fegefeuerchen für die „Königlichen“, die am Dienstagabend den bis vor ein paar Wochen gern als „beste Mannschaft der Welt“ titulierten FC Bayern nach allen Regeln der Kunst auseinandernahmen. Der Triple-Sieger des Vorjahres hatte bei der 0:4-Niederlage im Halbfinal-Rückspiel der Champions League nicht den Hauch einer Chance und scheiterte wie zuvor schon der Schalke 04 im Achtelfinale und Borussia Dortmund im Viertelfinale als dritter deutscher Klub am spanischen Champion. „Es war heute nicht mehr drin. Das müssen wir akzeptieren, die Champions League ist vorbei“, sagte Bayern-Stürmer Arjen Robben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Ende war es ein historischer Tag für den berühmtesten Fußballklub der Welt: Reals erster Sieg in München. Und auch einer für den berühmtesten von Deutschland: die höchste Heimniederlage, die die Bayern im Europapokal je erlitten haben. 0:4 hatte der Klub zuletzt auswärts unter Jürgen Klinsmann beim FC Barcelona verloren, woraufhin die Bayern grundlegende Änderungen in die Wege leiteten.

          Zwei Kopfballtore von Innenverteidiger Sergio Ramos in der 15. und 20. Minute nahmen den Bayern schon früh jede realistische Hoffnung, den 0:1-Rückstand aus dem Hinspiel noch zu drehen. „Weltfußballer“ Cristiano Ronaldo erhöhte nach einem Konter in der 34. Minute auf 0:3, ehe er zum Abschluss auch noch Torhüter Manuel Neuer mit einem Freistoß unter der Mauer hindurch düpierte (90.). Es war sein 15. Tor (bei elf Einsätzen) im laufenden Wettbewerb, womit er den bisherigen Champions-League-Rekord von Lionel Messi aus der Saison 2011/12 überbot. „Wir haben in der ersten Halbzeit ohne Ordnung gespielt“, sagte Trainer Trainer Pep Guardiola.

          Wieder keine Titelverteidigung

          Eine andere Marke der Champions League bleibt dagegen bestehen: Auch in ihrer 22. Saison wird es einen neuen Sieger gegenüber dem Vorjahr geben. Wie alle anderen Mannschaften zuvor hat  auch der FC Bayern seinen Titel nicht erfolgreich verteidigen können. „Wir dürfen jetzt nicht alles hinterfragen, was wir in den vergangenen zwei Jahren gemacht haben“, sagte Kapitän Philipp Lahm. „Aber wir haben 0:1 und nun 0:4 verloren. Das ist bitter.“ Rummenigge hatte Guardiola noch einen Tag vor dem Spiel als „genial“ gelobt. Als der Katalane im Sommer für Jupp Heynckes kam, hatte ihm die Klubführung versichert, er müsse „nicht das Triple wiederholen“.

          Doch die Art und Weise, wie die Mannschaft nach der in Rekordzeit gewonnenen Meisterschaft ihre bis dahin überragende Form in den letzten vier Wochen  verloren hat, und dazu die Deutlichkeit der Demütigung durch einen um Klassen stärkeren Gegner aus Madrid, könnten nun auch erste Zweifel an Guardiola säen - erst recht, wenn er auch noch den zweiten der drei Titel verlieren sollte, im  Pokalfinale in zweieinhalb Wochen gegen Borussia Dortmund. „Wir haben die Bundesliga dominiert mit unserem Stil. Heute haben wir verloren, weil wir keinen Ballbesitz hatten“, begegnete Guardiola der Kritik mit verbalem Angriffpressing.

          In beiden Halbfinalspielen hat sich jedoch sein Trainer-Gegenspieler Carlo Ancelotti als der überlegene Stratege erwiesen. Vor einer Woche hatte er seinem Team eine weit zurückweichende Defensiv-Taktik verordnet, in der sich die Bayern verfingen. Diesmal überraschte er Guardiolas Team mit einer unerwartet offensiven Einstellung. Schon nach neun Minuten hatte der ins Team  zurückgekehrte Gareth Bale die Chance zum 0:1, als er eine Kopfballabwehr des aus dem Strafraum geeilten Torwarts Manuel Neuer erreichte, jedoch volley über das verwaiste Bayern-Tor schlug.

          Eine Ecke bringt das Verhängnis

          Beim nächsten gefährlichen Real-Angriff sprang Karim Benzema der Ball zu weit  vom Fuß, die Bayern konnten zur Ecke klären, doch die brachte das Verhängnis. Der überragende Ramos, der mit Partner Pepe den Real-Strafraum  stets nach Belieben beherrschte, war auch im Bayern-Strafraum Herr der Lage und  traf unbedrängt per Kopf zum 0:1. Fünf Minuten später fast eine Kopie, diesmal  ein Freistoß von rechts, verlängert von Pepe, vollendet von Ramos gegen die im Luftraum nicht existenten Bayern.

          Der Anfang vom bitteren Ende der Champions-League-Saison: Sergio Ramos trifft zum 1:0 Bilderstrecke
          Der Anfang vom bitteren Ende der Champions-League-Saison: Sergio Ramos trifft zum 1:0 :

          Sie hatten sich auf die Konter von Real eingestellt - und wurden von den Standards überrascht. Erst danach zeigte Real doch noch sein Markenzeichen, einen Schnellangriff über die komplette Sturmreihe „BBC“, Benzema auf Bale auf  Cristiano Ronaldo, das 0:3. Kurz danach beinahe das 0:4, als Neuer abermals nicht weit genug klären konnte und Ronaldos Direktschuss aus vierzig Metern von der linken Außenlinie über das leere Tor hüpfte.

          Die frustrierten Bayern dagegen brachten offensiv nicht viel zusammen und  schienen mitunter dem Kontrollverlust nahe. Ribéry, bis auf einen Schuss aus spitzem Winkel völlig wirkungslos, hatte Riesenglück, nicht die Rote Karte zu sehen, als er wie schon öfter in Frust-Situationen die Nerven verlor, der Schiedsrichter aber seine Ohrfeige gegen Gegenspieler Carvajal übersah. Dante war mit Gelb für eine brutale Grätsche gegen Ronaldo gut bedient. Und der in mehreren Szenen am Rande des Ausrastens agierende Mario Mandzukic wurde von Guardiola zur Pause durch Auswechslung gegen Javi Martinez vor der Gefahr einer Hinausstellung bewahrt.

          Nur die Zuschauer in Topform

          In Top-Form waren immerhin die Zuschauer, die die Bayern nicht auspfiffen, sondern weiter anfeuerten, und so ließ sich das Team auch in aussichtsloser Lage nicht hängen. Arjen Robben, der einzige Beschleuniger in der zähflüssigen  bayrischen Ballbesitzverwaltung, schaffte in der 57. Minute mit einem scharfen Zwanzig-Meter-Schuss, der knapp vorbeiflog, die erste richtige Torchance fürs Heim-Team. „Wir haben keine Lösungen gefunden, um Tore zu erzielen“, sagte Torhüter Manuel Neuer.

          Näher kamen sie dem Ziel auch später nicht mehr - während sich Real mit einer Ausnahme, einer Chance von Coentrao aus kurzer Entfernung, vereitelt von Neuer, zunehmend damit begnügte, den Sieg kräfteschonend über die Zeit zu bringen, ehe Ronaldo kurz vor Schluss noch einmal zuschlug. Schließlich haben sie noch Großes vor, die Madrilenen: die „Décima“, ihren zehnten Sieg in Europas Königsklasse, den sie am 24. Mai gegen den Stadtrivalen Atlético Madrid oder den FC Chelsea im Endspiel in Lissabon erringen können. Der Gegner wird nach einem torlosen Hinspiel am Mittwoch in London ermittelt. „Real war besser, sie haben sich durchgesetzt. Wir waren im letzten Jahr Champions. Also müssen wir jetzt wie Champions gratulieren“, sagte Sportvorstand Matthias Sammer. „Wir müssen jetzt aus einer guten Saison noch eine sehr gute machen im DFB-Pokal.“

          Bayern München - Real Madrid 0:4 (0:3)

          Bayern München: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Alaba - Kroos, Schweinsteiger - Robben, Müller (72. Pizarro), Ribéry (72. Götze) - Mandzukic (46. Javi Martínez)
          Real Madrid: Casillas - Carvajal, Pepe, Sergio Ramos (75. Varane), Coentrão - Modric, Xabi Alonso, Di María (84. Casemiro) - Bale, Benzema (80. Isco), Cristiano Ronaldo
          Schiedsrichter: Proença (Portugal)
          Zuschauer: 68 000 (ausverkauft)
          Tore: 0:1 Sergio Ramos (16.), 0:2 Sergio Ramos (20.), 0:3 Cristiano Ronaldo (34.), 0:4 Cristiano Ronaldo (90.)
          Gelbe Karten: Dante / Xabi Alonso „

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