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Glosse : Eine Stadt suchte einen Schreiber

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Edmonton und Stadion: langweilig? Bild: dpa

Es gibt zurzeit nur ein Thema bei den Gastgebern der Leichtathletik-WM. Wer ist dieser Schmierfink, der unsere Stadt „Deadmonton“ getauft hat?

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          Was ist das größte Gesprächsthema in Edmonton?

          Der positive Dopingtest der kanadischen Sprinterin Venolyn Clarke? Das Gezerre um den Start von „EPO-Olga“ Jegerowa? Oder die geheimnisvolle Frage, ob nun zehn oder doch elf der 50 hiesigen Dopingproben „auffällig“ waren, wie es so schön im Funktionärslatein heißt? Und wie auffällig vor allem - Journalisten mögen sich dafür interessieren, aber die Edmontonians?

          Wie ist die geradezu liebevolle Umarmung von Shanna Pintusevich-Block und Maurice Greene zu deuten? Schmeißt sich die in den USA verheiratete Ukrainerin jetzt dem Show-Master der Tartanbahn an den Hals? Sind die beiden das „schnellste Paar der Welt“? „Definitiv nicht“, lacht Shanna, und Maurice lächelt sein Lächeln. Yellow-Press-Fantasien. Kein Funken Wahrheit.

          Wen interessiert Gold, Silber, Bronze?

          Was hält man von der sportlichen Wiederauferstehung der deutschen Mannschaft mit zwei Weltmeistern (Martin Buß und Lars Riedel) in einer Stunde? Ist das Comeback des geheilten Wunderläufers Haile Gebrselassie mit Bronze statt Gold gut oder schlecht? Hat Marion Jones ihre erste Niederlage seit 54 Rennen wirklich so locker weggesteckt?

          Es gibt Sportreporter, die das spannend finden. Nicht die Bürger von Edmonton. Ihre wichtigste Frage ist: Wer ist dieser britische Schmierfink, der unsere „Stadt der Champions“ despektierlich „Deadmonton“ getauft hat? Und dazu noch die Ikone aller Kanadier, Wayne Gretzky, im gleichen Artikel zum „Gretzki“ verunstaltete.

          Wer ist dieser Schmierfink?

          So wurde Robert Philip, weitgereister Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph“ mit langen grauen Haaren, über Nacht zum meistgesuchten Mann der Stadt. Die örtlichen „Global TV“-23-Uhr-Nachrichten behandelten seinen Fall an erster Stelle. Die „National Post“ schickte ihre Chefreporterin auf Spurensuche.

          Die Bürger von Edmonton lieben ihre Stadt, sie finden sie nicht langweilig: „Hier gibt es eine Menge kultureller Angebote.“ Sie empfinden die Hauptstadt von Alberta auch nicht als „optisch unattraktivste Ecke von Kanada“, wie der kauzige Brite behauptet hatte. „Muss man in Burgen wohnen, um Geschichte vorzuweisen?“ frotzeln die Einwohner des kaum hundert Jahre alten Edmontons zurück.

          Warum eigentlich nicht ins Stadion?

          Und dass kein Stimmung im Stadion herrsche, lassen sie auch nicht gelten. Immer wenn „make some noise“ auf der Anzeigetafel erscheint, gibt das Publikum richtig Gas. Und wenn ein kanadischer Athlet in irgendeinem Vorkampf mal wieder knapp gescheitert ist, aber sein Bestes gegeben hat, dann ist richtig Stimmung in der Bude.

          Also: Dass sie die „World`s“ haben, wie die Leichtathletik-WM witzigerweise genannt wird, das finden sie alle großartig, vom Busfahrer bis zum Bürgermeister. Nur warum sie nicht hingehen, dass kann keiner so genau erklären. Robert Philip vielleicht.

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