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Giro d'Italia : Vergebliche Mühe um Normalität

  • -Aktualisiert am

Suspendiert: Dario Frigo Bild: dpa

Gilbert Simoni gewann die 20. Etappe der Italien-Rundfahrt - doch wen interessiert bei den Begleitumständen noch die sportliche Nachricht.

          2 Min.

          Gilberto Simoni hatte etwas zu beweisen auf der verregneten Samstagsetappe des Giro d'Italia durch die Berge rund um den Lago Maggiore. Rund 40 Kilometer vor dem Ziel stürmte der Träger des rosafarbenen Trikots des Gesamtführenden seinen Mitstreitern unwiderstehlich davon und gewann die vorletzte Etappe der Italien-Rundfahrt mit einem Vorsprung von zweieinhalb Minuten vor Paolo Savoldelli.

          Vor allem sich selbst wollte Simoni wohl beweisen, dass er heute als der legitime Gewinner der Italienrundfahrt auf den Corso Sempione in Mailand einfahren wird. Am Tag nach dem trotzigen Streik der Fahrer in Sanremo hatte Simoni geklagt, sein voraussichtlicher Sieg werde entweiht, seine Stimmung sei am Boden.

          Konkurrent entehrt

          Die Gelegenheit, seine Überlegenheit auf der Königsetappe durch die Alpen zu bestätigen, war ihm durch den Streik genommen worden. Einen Tag später musste dann auch noch Simonis härtester Widersacher, Dario Frigo, der ihm mit nur 15 Sekunden Rückstand im Nacken saß, in Unehren den Giro verlassen. Am Freitagabend nach der Etappe von Alba nach Busto Arsizio hatte sich der Sportliche Leiter von Frigos Mannschaft Fassa Bortolo, Giancarlo Ferretti, von allen Fahrer die Protokolle geben lassen, die die Polizisten als Quittungen für beschlagnahmte Medikamente hinterlassen hatten.

          Alle Kollegen Frigos bei der Sportgruppe Fassa Bortolo rückten bereitwilig die Dokumente heraus, nur der Zweite des Gesamtklassements druckste herum. Daraufhin fragte Ferretti seinen Mannschaftskapitän auf den Kopf zu, ob bei ihm verbotene Medikamente gefunden worden waren. Frigo musste gestehen und wurde unmgehend von seinem Chef nach Hause geschickt.

          Merkwürdige Leistungsexplosion

          Noch wenige Tage zuvor hatte Ferretti wütend auf die Fragen der Journalisten reagiert, wie er sich denn die Leistungsexplosion von Frigo in diesem Jahr erkläre. Frigo war in seinen fünf Profijahren vor der Saison 2001 noch kein Sieg gelungen. Wie noch nie zuvor konnte er zu Beginn diesen Jahres jedoch plötzlich die Berge hinauffahren und gewann dadurch vor dem Giro bereits die Fernfahrt Paris-Nizza sowie die Tour de Romandie.

          "Ich habe genug in der Galeere geschuftet", komentierte er seine Wandlung vom Helfer zum Siegfahrer. "Warum, warum' , die Journalisten fragen immer warum", meckerte Ferretti über die Frage nach der Ursache für Frigos plötzliche Stärke. "Er ist ein guter Fahrer, Basta." Jetzt musste Ferretti sein Urteil revidieren. Die Frage nach dem "warum" hatte sich von selbst beantwortet.

          Frigo kleinlaut

          Frigo selbst trat am Samstag kleinlaut mit einer Erklärung vor die Presse, in der er verlauten ließ, er müsse jetzt erst einmal nachdenken. Er sei am Boden zerstört berichtete seine Frau. Ein öffentliches Geständnis wie gegenüber Ferretti gab es allerdings nicht. Am Tag des Streiks hatte Frigo noch gesagt, "Wir wollen mit unserem Streik dafür demonstrieren, dass der Giro erhalten bleibt." Vor dem Giro hatte man den 28-jährigen Milanesen sagen gehört, dass er eine neue Fahrergeneration verköpere, die an die 80er Jahre, an die Zeit vor der Entdeckung des EPO-Dopings anknüpfe.

          Frigo dürfte indes nicht der letzte Fahrer sein, der der Sondereinheit der italienischen Polizei bei der Razzia von Sanremo ins Netz gegangen ist. Bei vier weiteren Radprofis, gab die Staatsanwaltschaft von Florenz bekannt, seien verbotene Mittel gefunden worden. Die Namen wurden noch nicht bekannt gegeben. Die Staatsanwaltschaft von Padua ermittelt gleichzeitig gegen Sergei Gontschar, Denis Zanette, Ellis Rattelli und Gianni Faresin sowie einen Pfleger von der Mannschaft Liquigas. Ellis Rastelli hatte die erste Etappe des Giro gewonne, alle vier Fahrer sind bei der Italien-Rundfahrt noch im Rennen. Der Makel, den Giro der Doping-Skandale gewonnen zu haben, wird Gilberto Simoni wohl nicht mehr abschütteln können. Egal wie schnell er fährt.

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