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Gesundheit : Das neue Leben des Heiko Herrlich

  • -Aktualisiert am

März 2001: Heiko Herrlich spricht über seine Erkrankung Bild: dpa

"Vor einem Jahr konnte ich mir nicht vorstellen, dass es noch mal Weihnachten wird", sagt Fußballprofi Herrlich: Die Diagnose damals: Krebs. "Heute freue ich mich auf jeden Tag".

          Die Prognosen für weiße Weihnachten im Schwarzwald sind prächtig. Auch rund um Waldkirch. Die Eltern von Heiko Herrlich sind hier Zuhause, er hat beim FC Kollnau angefangen, Fußball zu spielen.

          "Vor einem Jahr konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es noch mal Weihnachten wird", flüstert Herrlich. "Heute", sagt er, "freue ich mich auf jeden Tag mit meiner Familie".

          Besonderes Weihnachten für die Herrlichs

          Es wird ein besonderes Weihnachten werden für die Herrlichs. Die Monate nach dem 9. November 2000 erscheinen dem Fußballprofi von Borussia Dortmund wie ein zweites Leben, obwohl in seinem Paß steht, dass er vor ein paar Tagen, am 3. Dezember, 30 Jahre alt wurde.

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          Damals war er 29. Die Diagnose, Krebsgeschwür im Mittelhirn, beschäftigte die Nation. In der Dortmunder Kabine saßen die Kollegen, starrten ins Leere, manche weinten. Tausende aufmunternde Briefe kamen, die gesamte Liga war geschockt, der Kurs der BVB-Aktie geriet in Turbulenzen.

          "Ich war glücklich, weil ich mit mir im Reinen war"

          Für Heiko Herrlich haben die dunklen Tage voller Angst sein Leben verändert. "Ich habe das neue Leben als Gottes Geschenk angenommen", sagt er. "Ich habe gerade nach dem ersten Schock viel gebetet. Vielleicht war das die glücklichste Zeit in meinem Leben. Ich wollte jeden Tag genießen. Was nützt es, zu jammern, wenn ich nur noch eine Woche zu leben habe".

          Aus seinem tiefen Glauben machte er nie einen Hehl, auch wenn manche ihn als komischen Heiligen einstuften, der sogar auf dem Klo die Bibel liest und wie alle Profis zuerst an seinen Vorteil denkt. "Meine Gebete haben mich zur Ruhe kommen lassen, ich war teilweise sehr glücklich, weil ich innerlich mit mir im Reinen war", sagt er.

          Neues Leben als Gottes Geschenk

          Herrlich machte Karriere als gläserner Mensch, an dessen Schicksal alle teilnahmen. Kirchenblätter und Internetseiten christlicher Organisationen berichteten über seinen "Sieg durch Gott", der anderen Mut machen und zeigen sollte wie sehr Optimismus und Zuversicht einen Krankheitsverlauf beeinflussen können. Daheim stellte er den Anrufbeantworter an. Es war einfach zu viel. Selbst BVB-Manager Michael Meier rang auf dem Band nach Worten.

          Nun ist Fußball Nebensache, die Geld und Spaß bringt, der Profisportler Herrlich jedoch entdeckte neben der Ellbogengesellschaft Bundesliga für sich neue Helden. Ärzte und Pfleger, "die sich von morgens bis abends für die Patienten aufopfern, sind wirkliche Persönlichkeiten".

          Ärzte und Pfleger sind wichtiger als Fußballspieler

          Was seien dagegen Fußballspieler, die ein paar gute Spiele machten. "Früher", sagt er, "war ich Musterprofi im negativen Sinn. Wenn ich meine Vollkorn-Nudeln vor dem Spiel nicht hatte oder die Betten schlecht waren, hat mich das aufgewühlt. Ich war verbissen, stand mir selbst im Weg".

          Als er im Uefa-Cup die Dortmunder mit seinem ersten Tor nach der Genesung in die nächste Runde schoss, stand er mit Tränen in den Augen da und schluchzte: "Ich denke jetzt vor allem an die Leute denken, die so eine Scheiße haben wie ich sie hatte und denen es jetzt schlecht geht".

          "Das Kind hat mir Kraft gegeben, durchzuhalten"

          Der gebürtige Mannheimer kennt die Verzweiflung. Die Strahlentherapie empfand er wie "den Elektrischen Stuhl". Ständiges Übergeben wegen der Chemotherapie. In dieser Zeit gab ihm der Gedanke an seine schwangere Frau und sein Kind neuen Mut. "Das Kind hat mir Kraft gegeben, durchzuhalten".

          Er hatte ein neues Ziel. Egal wie sein Kampf ausgehen würde, "ich wollte mein Kind noch sehen". Er seufzt tief, wenn er über seine Krankheit spricht. "Eigentlich", sagt er, "habe ich das Glück für den Rest meines Lebens aufgebraucht". Er habe daran gedacht, was ist, "wenn ich heute abend in den Himmel komme und Gott mich fragt, was hast du mit deinem Leben gemacht".

          Bewußt leben, engagiert ans Werk gehen

          Nun glaubt er fest daran, anderen Mut gemacht zu haben. Das haben ihm die vielen Briefe, die immer noch ankommen, bewiesen. Er ist überzeugt, gezeigt zu haben, dass es sich nicht lohnt, sich über Nebensächlichkeiten aufzuregen, wie wichtig es ist, bewußt zu leben und trotzdem engagiert ans Werk zu gehen.

          Zuerst lehnte er eine Vertragsverlängerung ab, die die BVB-Führung, "die sich unglaublich um mich gekümmert hat", sofort anbot. Als er den Anschluß schaffte, unterschrieb er bis 2005. Er wollte kein Mitleid und keine Geschenke. "Ich wollte keinen Vertrag, um ihn abzusitzen, ich wollte zurück auf den Rasen, weil ich Leistung bringe", sagt Herrlich über sein neues Wertesystem.

          Wissenschaft und Wunder

          Einmal im Monat muß Heiko Herrlich noch regelmäßig zur Nachuntersuchung. Er geht immer mit einem beklemmenden Gefühl, obwohl die Möglichkeit neuer Geschwüre sehr gering ist. Die medizinischen Prognosen sind sehr gut, er hatte keine Metastasen im Körper.

          "Ich weiß jetzt einfach wie schnell sich alles ändern kann", sagt er und schaut ratlos. "Manchmal frage ich mich, wieviel ich selbst zu meinem Überleben beigetragen habe. Wieviel war Wissenschaft und wieviel war Wunder?" Ein dickes Fragezeichen steht in seinem Gesicht, er wird die letzten Monate nie ganz verarbeiten können.

          "Ich bin zufrieden, dass ich lebe"

          "Ich kann Motivation, Inspiration, Hoffnung, Mut und Rat geben, aber ich kann nicht das Unbegreifliche erklären", sagt er. "Ich will es auch gar nicht versuchen. Ich bin zufrieden, dass ich lebe und genieße die Geheimnisse darum".

          Über den Berghängen rund um Waldkirch fallen wieder Schneeflocken vom Himmel. Die Chancen für weiße Weihnachten im Schwarzwald stehen gut. Heiko Herrlich freut sich darauf. Vielleicht so sehr wie niemals zuvor.

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