https://www.faz.net/-gtl-oxtg

Zweite Bundesliga : Der König von Mainz

Wie im Karneval: der Mainzer Trainer Klopp im Rausch Bild: dpa/dpaweb

Mit dem lange ersehnten Aufstieg in die Bundesliga hat sich der junge Trainer Jürgen Klopp unsterblich gemacht in Mainz. "Wenn er Brötchen backen würde", sagte ein Fan am Sonntag nach dem 3:0 gegen Trier im letzten Saisonspiel, "dann könnten die Bäcker hier zumachen."

          3 Min.

          MAINZ. "Wenn er Brötchen backen würde", sagt ein Fan, "dann könnten die Bäcker hier zumachen." Und wenn er Bürgermeister werden wollte, würde er Bürgermeister werden, keine Frage. Braucht er aber nicht, denn seit Sonntag ist Jürgen Klopp der König von Mainz. Der erst 36 Jahre alte Trainer des örtlichen Fußballvereins FSV von 1905 hat es im dritten Anlauf geschafft, seine Mannschaft in die Bundesliga zu führen, und seither steht eine ganze Stadt kopf. Knapp 19000 Zuschauer hatten das 3:0 im letzten Spiel gegen Trier gesehen, das in Verbindung mit dem Karlsruher Sieg gegen Aachen zum Aufstieg reichte. 25000 Menschen feierten in der Stadt, und am Montag, beim großen Empfang auf dem Gutenbergplatz, waren es noch ein paar mehr. Fußball-Fastnacht in Mainz.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Der Aufstieg wirkte auf die Stadt wie eine Erlösung. Um zu erklären, warum die Freude explodierte, muß kein Psychologe her. Die Mainzer und ihre Fans hatten in den vergangenen beiden Jahren den Aufstieg auf dramatische Weise verpaßt, erst fehlte ein Punkt, dann ein Tor. Erst in Berlin, bei Union, dann in Braunschweig. Klopp hatte auch beim zweitenmal die Fassung gewahrt, sein Auftreten in Braunschweig war den deutschen Sportjournalisten die Fair-Play-Trophäe wert, und er weigerte sich auch damals, "die üblichen Parolen rauszuhauen". Er schaute nach vorn. "Wir haben die Leute mit unserem Fußball in den Bann gezogen, das hat funktioniert, und das wird auch weiter funktionieren", sagte er. Wenige haben den Mainzern zugetraut, daß sie sich eine dritte Chance erkämpfen könnten, für Klopp war eben dies der Reiz. "Wenn alle sagen, das kann nicht gutgehen, will ich zeigen: Es kann gutgehen. Das treibt mich an, jeden Tag."

          Wenn Klopp über Fußball redet, tut er dies mit flammendem Herzen. Seine mitreißenden Ansprachen in der Kabine sind Legende. Am Sonntag, vor der alles entscheidenden Partie gegen Trier, malte er in der Kabine am Ende zwei Buchstaben an die Tafel, immer und immer wieder. "Mehr brauchen wir nicht nach dem Spiel", sagte er. Es war ein J und ein A. Und als es geschafft war, knapp zwei Stunden später, brüllte er es in die Mikrophone: "Jaaaaaaaaaaaa."

          Fußball als Erlebnis

          Er hatte es geschafft. Er hatte die Leere, die Berlin und Braunschweig hinterließen, mit Begeisterung gefüllt. Es gehe im Fußball um Erlebnisse, sagt Klopp. Vielen Fußballprofis werde vorgeworfen, sie würden nur noch einem Job nachgehen, aber es gehe nicht darum, "eine Bilanz aufzustellen und zu sagen: Okay, ich möchte am Saisonende diesen und diesen Betrag verdient haben." Es gehe darum, "die ganze Sache mit Leben zu füllen, mit Gefühlen und Leidenschaft. So wollen wir den Fußball haben". Und so versuchen sie zu spielen in Mainz. Was Klopp verlangt, ist Laufbereitschaft, Pressing, Leidenschaft. Klopp will ein Spektakel, das klappt nur an guten Tagen, aber die Fans liegen ihm dafür zu Füßen. "Was wir in Mainz an Emotionen hereingeholt haben, ist sensationell", sagt Vereinschef Strutz, der ebenso wie Manager Heidel seit mehr als einem Dutzend Jahren ehrenamtlich im Verein tätig ist.

          Der Mainzer Aufstieg hat seinen Anfang in der Fastnachtszeit 2001 genommen. Der Verein war am Boden, so gut wie abgestiegen, der Trainer entlassen und Ratlosigkeit überall. Klopp wurde vom Spieler zum Trainer befördert, er rettete die Mannschaft vor dem Abstieg und formte sie zu einem stabilen Spitzenteam der zweiten Liga. Taktisch hat er sich viel von Wolfgang Frank abgeschaut, der ihn einst trainierte, und er merkte schnell, daß seine Zukunft an der Außenlinie liegen würde. "Als Spieler waren meine Möglichkeiten beschränkt", sagt er. Als Trainer sah er plötzlich keine Grenzen mehr. Die große Stärke des eloquenten Diplom-Sportwissenschaftlers, der offen und erfrischend daherkommt, ist die Kunst, Spieler mit seiner leidenschaftlichen Sichtweise des Fußballs anzustecken. Wenn er über Fußball rede, werde er schnell euphorisch, sagt Klopp. "Und hatte ein Spieler vorher einen Trainer, der das eher sachlich abtut, begeistert meine Art den einen oder anderen. Mancher mag auch denken: Der Klopp, der spinnt! " Aber er hat genügend Spieler gefunden, die ihm zuhören, als wäre er tatsächlich ein Missionar des Fußballs. Beseelt vom Fußball ist er allemal, was er predigt ist ein laufintensives, aggressives, willensstarkes Spiel. "Fußball pur auf hoher Flamme."

          Klopp wird von diesem Stil auch in der Bundesliga nicht abrücken. Er will die Leute im Stadion unterhalten, er will "einiges auf den Kopf stellen", will Emotionen wecken, für Festtage sorgen. Ob die Mainzer eine Chance haben, mit dieser Philosophie und ihren im Vergleich zur neuen Konkurrenz bescheidenen Mitteln zu bestehen, bezweifeln die meisten Experten. Das gefällt Klopp. Er wird versuchen, ihnen das Gegenteil zu beweisen.

          Weitere Themen

          Aus aller Herren Länder

          Mainz 05 : Aus aller Herren Länder

          Mit wertvollen Erfahrungen im Gepäck kommen acht Mainzer Profis von ihren Nationalteams zurück. Das hebt die Laune bei Trainer Schwarz. Vielleicht beginnt schon in Düsseldorf eine neue Erfolgsgeschichte aus dem Nachwuchsleistungszentrum.

          Topmeldungen

          Suzanna Randall: Eine von zwei Kandidatinnen für den Flug zur Internationalen Raumstation ISS

          Nach erstem Frauenduo auf ISS : Wie männlich ist der Weltraum?

          Die Nasa fremdelte lange mit der weiblichen Biologie. So vermuteten Ingenieure, weiblicher Urin sei schleimbasiert und könne im All Leitungen verstopfen. Raumanzüge in der richtigen Größe sind heute noch ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.