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Zwei Talente, ein Ziel : Alles wird anders

Bild: Julia

Bilal weiß jetzt, dass er Profi werden will - doch er muss kämpfen. Fritz ist „echt groß“ geworden - doch er denkt noch von Spiel zu Spiel. Teil 5 der Langzeitreportage zu zwei Berliner Fußball-Talenten.

          5 Min.

          Kürzlich, als Hertha BSC die Interims-Nachfolger von Michael Skibbe und die Kurzzeit-Vorgänger und Jetzt-Assistenten von Otto Rehhagel präsentiert hatte, bekam die Bundesliga für Fritz und Bilal plötzlich ein Gesicht. Bei den Berlinern ist neben René Tretschok auch ihrem früherem Trainer Ante Covic neue Verantwortung zugefallen.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als Bilal von Covics überraschendem Aufstieg erfährt, strahlt er über das ganze Gesicht. "Ich mag den Trainer sehr, auch menschlich. Er fehlt mir sogar ein bisschen", sagt Bilal. Er kann kaum glauben, dass nun tatsächlich sein U-15-Trainer aus der Vorsaison zu einem Mann für die Bundesliga geworden ist, aber noch mehr wundert er sich, wie schnell so etwas geht im Profifußball. "Alles kommt jetzt näher, auch für mich", sagt Bilal.

          Ein Traum, zwei Wege: Bilal (r.) ist Fritz derzeit ein Stück voraus
          Ein Traum, zwei Wege: Bilal (r.) ist Fritz derzeit ein Stück voraus : Bild: Julia

          In dieser Saison gehört er schon zur U 17 der Hertha, obwohl die anderen ein Jahr älter sind als er. Sein neuer Trainer ist Andreas Thom, der ehemalige Nationalspieler. Das Team steht in der Bundesliga Nord/Nordost an der Spitze, sie fühlen sich stark genug, die deutsche Meisterschaft zu holen. Die Zeit im Jugendfußball ist auf einmal absehbar geworden für Bilal. "Jetzt weiß ich ganz genau, was ich will", sagt er. "Ich will auf jeden Fall Profifußballer werden, ich will es unbedingt. Mir ist jetzt richtig bewusst geworden, dass ich diesen Schritt wirklich gehen will."

          Nur der nächste Schritt?

          Auf den ersten Blick wirkt es so, als wäre die Bundesliga für Bilal vielleicht nur so etwas wie der nächste und auch logische Schritt auf einem kerzengeraden Weg. Tatsächlich aber hat er in dieser Saison zum ersten Mal erlebt, wie sich Rückschläge anfühlen. In seiner jungen Kariere war immer alles wie am Schnürchen gelaufen. Er bekam einen eigenen und prominenten Berater, dazu einen Ausrüstervertrag von Adidas.

          Er schaffte sofort den Sprung in die Jugend-Nationalmannschaft, einmal war Bilal sogar der Kapitän. Im vergangenen Jahr rückte er bei der Hertha einen Jahrgang auf, Angebote der Bundesliga-Konkurrenz flatterten ins Haus, und die Hertha setzte alles daran, Bilal so lange wie möglich an sich zu binden. Bilal bekam einen guten Ausbildungsvertrag, und er hatte das Gefühl, dass es immer so weitergehe. Bisher lebte er von seinem Talent, jetzt merkt Bilal, dass es auf seinen Willen ankommt.

          Ihm fällt nicht ´mehr alles zu: Bilal muss kämpfen
          Ihm fällt nicht ´mehr alles zu: Bilal muss kämpfen : Bild: Julia

          Am Sonntag, beim 1:0 im Bundesligaderby gegen Tennis Borussia Berlin, saß er nur auf der Ersatzbank, da waren jahrelang immer nur die anderen. Bilal kam zur Halbzeit in die Partie, er fand, dass er dem Spiel Impulse gegeben habe, aber einen Stammplatz hat er immer noch nicht. "Ich war enttäuscht und traurig, dass ich am Sonntag wieder auf der Bank war. Ich hatte gut trainiert - die anderen aber auch", sagt Bilal. "Bisher lief es eher mittelmäßig für mich. Aber in der Rückrunde will ich mir den Stammplatz holen."

          Jetzt muss er kämpfen

          In der U-16-Nationalmannschaft von Trainer Steffen Freund hat Bilal in dieser Saison noch kein Länderspiel gemacht. Beim Wintertrainingslager zu Beginn des Jahres in La Manga war er wieder dabei, zehn Tage waren sie in Spanien zusammen. Aber Bilal war angeschlagen, er konnte nicht zeigen, was in ihm steckt. "Ich will es dem Trainer aber noch beweisen", sagt Bilal. In diesen Tagen ist das Nationalteam auf Länderspielreise in Spanien. Bilal gehört zwar zum erweiterten Kader, aber er steht nur Abruf bereit.

          Bilal ist nicht mehr immer Stammkraft
          Bilal ist nicht mehr immer Stammkraft : Bild: Julia

          Bisher ist Bilal immer alles zugefallen auf dem Fußballplatz, jetzt muss er kämpfen: um Spielpraxis, seinen Stammplatz und um seinen Traum. Er spürt, dass er dafür etwas ändern muss. Die Witze, die er immer gemacht hat, will er bleiben lassen, und abseits des Platzes will er disziplinierter werden. Sein Berater hat ihm gesagt, dass der Fußball die Nummer eins in seinem Leben sein müsste, nur dann könne er es schaffen.

          In eineinhalb Jahren will Bilal den mittleren Schulabschluss machen, aber er spürt die Dreifachbelastung mit Schule, Klub und DFB-Auswahl. Die Hertha hat ihm einen Nachhilfelehrer vor den Winterferien gestellt, das hat geholfen. Bilal hofft, dass es mit der Nachhilfe weitergeht, denn die Schule würde sich schwertun, ihn immer für seine Fußballreisen freizustellen, wenn es die Leistungen nicht hergeben. Auch daran will er arbeiten, denn wenn ihn Steffen Freund wieder einladen sollte, und die Schule ihn nicht wegließe, das möchte Bilal auf keinen Fall erleben.

          Fritz wird körperbetonter

          Fritz ist seit einem halben Jahr in der Oberstufe des Canisius-Kollegs. In seinen Leistungskursen Mathe und Sozialwissenschaften hat er zwölf Punkte, eine 2 plus. Im vergangenen Jahr hatte er sich noch an seinen Lehrern gerieben, das hat ihn Kraft gekostet, die er eigentlich nicht hatte. Sein neuer Trainer Frank Vogel, zugleich der Koordinator der Amateur- und Jugendabteilung des Klubs, machte ihm gleich klar, dass ihm auch Körperlichkeit wichtig ist. Das machte Fritz ein bisschen Sorge, denn er gehörte immer zu den Kleineren im Team.

          In weiter Ferne, so nah: Bilals Trainer schnuppern an der Bundesliga
          In weiter Ferne, so nah: Bilals Trainer schnuppern an der Bundesliga : Bild: Julia

          Aber in dieser Saison und in diesem Semester ist Fritz gewachsen, das kann man wörtlich nehmen, die anderen merken das auch. "Fritz war immer kleiner als ich", sagt Bilal, "seit dem Sommer ist er echt groß geworden." Auf 1,84 Meter ist Fritz hochgeschossen, sein Spiel ist körperbetonter, der Trainer hat ihn jetzt auch ein paarmal in der Innenverteidigung aufgestellt. "In letzter Zeit fühle ich mich deutlich wohler", sagt Fritz. "Es kamen auch gute Rückmeldungen vom Trainer, das finde ich sehr wichtig. Da ist es einfacher, zu trainieren und zu spielen - und man bekommt noch mehr Motivation."

          Pragmatisch in der Schule

          In der Schule war es so, als hätte Fritz einen Schalter umgelegt, um seine Energie nur noch ins Lernen fließen zu lassen, aber da war er nicht der Einzige. "Die Oberstufe ist etwas ganz anderes. Nicht nur ich habe mich geändert, alle haben sich geändert." Fritz pendelt zwischen zwei Welten, in denen er Leistung bringen will und muss. Der Fußball ist ungebrochen wichtig, aber er verlangt immer mehr Kraft und Engagement; dazu kommen die immer größeren Anforderungen der Schule. Beides hängt für Fritz zusammen - ein gutes Abi bedeutet, sich den Studienort aussuchen zu können und weiter an der Fußballkarriere arbeiten zu können.

          Er geht das jetzt ganz pragmatisch an, man könnte sagen: Fritz denkt von Spiel zu Spiel und von Semester zu Semester. "So kann man das sehen", sagt er. Seinen Eltern fällt manchmal auf, dass Fritz zu Hause anders redet, wenn er vom Fußballplatz kommt, anders auch als auf dem Hof der katholischen Schule. So, als ob jede Szene ihre eigene Sprache habe. "Die Sprache beim Fußball ist anders", sagt Fritz, "aber in der Schule ist es nicht weniger rauh. Da gibt es Leute, die sind ganz anders, die haben gar nichts mit mir gemeinsam. Beim Fußball haben wir alle wenigstens den Fußball."

          Fritz wächst - und geht die Schule pragmatisch an
          Fritz wächst - und geht die Schule pragmatisch an : Bild: Julia

          Fritz spielt mit der U 16 noch nicht in der Bundesliga wie Bilal, sondern in der Regionalliga. Er gehört auch nicht dem DFB-Team an, auch in die Berlin-Auswahl ist er noch nicht berufen worden. Falls er darüber enttäuscht sein sollte, merkt man ihm das nicht an. Es ist auch eine Erleichterung, neben der Schule, den vier, fünf Trainingseinheiten sowie dem Spiel nicht noch weitere Termine zu haben. In den vier Freistunden unter der Woche macht er schon in der Schule seine Hausaufgaben, damit er sein Pensum schafft. "Mit der Berlin-Auswahl beschäftige ich mich zurzeit nicht", sagt Fritz. "Ich will einfach meine Leistung bei Hertha bringen."

          Mit der Meisterschaftsrunde ist das in der U16 so eine Sache, fast alle Gegner sind ein Jahr älter. Die Mannschaft liegt im Mittelfeld, aber würde sie in ihrer Altersklasse spielen, wäre sie der Konkurrenz haushoch überlegen. So haben die großen Turniere gegen die anderen altersgleichen Bundesligaklubs den größten Reiz. Ende Januar fand die inoffizielle deutsche Hallenmeisterschaft statt.

          Nach schwächerem Start steigerte sich das Team, im Achtelfinale schlug es den FC Bayern 5:2, im Halbfinale Borussia Dortmund 4:1, und das Endspiel gegen Hannover 96 wurde nach 0:1-Rückstand noch 3:2 gewonnen. Der Turniersieg war der Höhepunkt der Saison. Fritz erzielte dabei im Endspiel den Führungstreffer. Er war ja auch mal Stürmer wie Bilal, als er vor über drei Jahren zur Hertha kam. Aber das ist lange her, da waren beide noch Kinder.

          Gleiches Alter, verschiedene Typen Fritz und Bilal sind zwei 15 Jahre alte Berliner Jungs und spielen bei Hertha BSC. Sie träumen von einer Karriere in der Bundesliga. Seit Sommer 2009 begleiten wir sie auf ihrem Weg. Für die Langzeitreportage bis an die Schwelle des Profifußballs hatten wir nach zwei Stürmern gesucht, die sich unterscheiden in Spielweise und Temperament, aber auch von ihrer Herkunft und den Anfängen ihrer Fußballkarriere. Bilal lebt in Spandau, er hat eine Schwester und geht in die neunte Klasse einer Realschule, er strebt den mittleren Schulabschluss an. Bilal hat immer für Hertha gespielt, schon seit seinem vierten Lebensjahr. Im vergangenen Sommer hat er wie Fritz einen Ausbildungsvertrag beim Klub unterschrieben. Fritz wohnt im bürgerlichen Charlottenburg, er hat zwei Schwestern und bereitet sich auf das Abitur auf dem Canisius-Kolleg im kommenden Jahr vor. Fritz ist im Jahr 2008 von einem kleineren Klub zur Hertha gewechselt. Er spielte dort aber bald in der Abwehr, später im Mittelfeld. In den vergangenen Spielzeiten war er rechter Verteidiger, mittlerweile setzt ihn der Trainer auch als Innenverteidiger ein. Bilal ist immer noch Stürmer. hor.

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