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Mainzer Schriftsteller Ror Wolf: Die Sprache des Fußballs seziert. Bild: Picture-Alliance

Zum Tod von Ror Wolf : Der Fußball verliert seine bedeutsamste literarische Stimme

Im Alter von 87 Jahren ist der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Ror Wolf gestorben. Der Autor verlieh dem Rasensport in den siebziger Jahren eine neue Form von Sprache.

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          Es gab Zeiten, da war Fußball noch nicht „en vogue“ in der Intellektuellenszene. Ror Wolf war das damals gleich, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, als er sich mit größter Leidenschaft diesem Sport widmete. Das Etikett „Fußballdichter“ mochte ihm, der als Schriftsteller und Künstler so viel mehr war als das samt seines Alter Ego Raoul Tranchirer, in seinen Kreisen schaden, er verfolgte den Weg dennoch ein Jahrzehnt lang gnadenlos. Und er schuf ein Werk, das weit über seinen Tod am Montag hinaus seine Faszination behalten wird.

          Niemand zuvor und niemand nach Ror Wolf reichte auch nur ansatzweise an die sprachliche Brillanz heran, die er aus dem Fußball zog. Wolf dichtete auf den Fußball, er suchte mit der Sprache nach dem Rhythmus des Spiels, er formulierte für das Buch „Punkt ist Punkt“ 1971 Texte, die dem Ball eine litearische Form gaben. Er spielte mit den Worten, die der Fußball ihm bot und folgte seiner Leidenschaft des Aufzählens, wenn er „der abgestaubte Ball, der abgetropfte Ball, der abgefälschte Ball, der abgeprallte Ball“ aus reiner Freude an der Phantasie der Reportersprache aneinanderreihte. Wolf trotzte dem runden Leder im deutschen Sprachraum bis heute am meisten Sprache ab. „Stein, Stinka, Sztany, das sind die Namen von drei ehemaligen Eintracht-Spielern. Es waren aufeinander folgende Klänge wie diese in den Radioreportagen, die mich zum Sprachspiel animierten. Das war damals literarisch nicht ausgereizt“, sagte er einmal.

          In den Siebzigern gelangte der Schriftsteller auf diese Weise als Fußballdichter zu Ruhm. Wolf hatte sich damals in allen erdenklichen literarischen Formen am Fußballspiel versucht. Er hat Stanzen geschrieben auf Endspiele um die deutsche Meisterschaft, er hat Moritaten verfasst zu den Weltmeisterschaften. Wolf hat Original-Zitate von Fußball-Profis gesammelt und Sätze wie „Jetzt haue ich wieder voll drauf“ mit einer Freude an der Sprache des Balles in den Rang der Literatur erhoben. „Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Wortakrobatik, Spaß. Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen“, schrieb Wolf zur Motivation seines literarischen Schaffens. Im Fußball war all das enthalten.

          Eine Nagra und die Stimmen der Eintracht

          Er fing zudem mit seiner Nagra, einem in den siebziger Jahren revolutionär anmutenden mobilen Aufnahmegerät, am Trainingsplatz der Frankfurter Eintracht mit einer an Besessenheit grenzenden Leidenschaft Stimmen ein, die er zu Kunstwerken komponierte. Eher zufällig hatte er zuvor als Anwohner in der Nachbarschaft bei Spaziergängen den Gesprächen der Kiebitze gelauscht, den meist im Rentenalter befindlichen Eintracht-Fans, die am Spielfeldrand über alte Zeiten und aktuelle Missstände bei ihrem Klub diskutierten. Er lauschte in die Mannschaftskabine hinein und hob auch diese Worte auf literarisches Niveau. Werke wie „Heinz, wie ist Deine Ansicht?“ oder „Expertengespräche“ sind ein Zeugnis von Sprachwitz sowohl der Kiebitze als auch des Autors, der die Aussagen so montierte, dass sie beste Unterhaltung im wahrsten Sinne des Wortes sind.

          Vor allem die Radioreporterlegenden der siebziger Jahre hatten es Wolf angetan. Er bewunderte deren sprachliche Kraft in den Radio-Schaltkonferenzen am Samstagnachmittag und setzte sie zusammen zu einzigartigen Collagen. Reporter wie Oskar Klose oder Kurt Brumme werfen sich dann Worte wie Bälle zu, wenn der „Ball fliegt, rollt, klatscht rutscht, abtropft und prallt, der Ball springt, rammt, knallt“. Wolf hörte genau hin und war sich für keinen Weg zu schade, um Werke wie „Schwierigkeiten beim Umschalten“ oder „Die heiße Luft der Spiele“ zu Ende zu bringen. Jahrzehnte vor der Digitalisierung von Audio und Video war eine Collage aus Radiosequenzen, aus Sätzen, Halbsätzen und Wortfetzen noch eine quälende Handarbeit. Bänder mussten tatsächlich mit einem Schneidewerkzeug geschnitten werden. Wenn Wolf über die siebziger Jahre und seine Arbeit am Mythos sprach, dann ahnte man unweigerlich, welche Qual diese Kunstform mit sich brachte.

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