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Real Madrid : Hoffen auf die magische Wirkung Zidanes

Kultisch verehrter Ästhet des eleganten Offensivspiels: Zinédine Zidane trainiert nun Real Madrid Bild: AFP

Mit Zinédine Zidane schickt Real-Boss Florentino Pérez seinen letzten Trumpf auf die Trainerbank des anspruchsvollsten Fußballvereins der Welt. Vor dem einst genialen Spieler mit eher karger Coaching-Erfahrung liegt eine furchteinflößende Aufgabe.

          Der erste Auftritt war sympathisch. Er werde sein ganzes Herz in diese Aufgabe legen, sagte Zinédine Zidane, als er als neuer Cheftrainer von Real Madrid bestätigt worden war, vor eilig zusammengetrommelten Journalisten im Bernabéu-Stadion. „Wir sind der beste Klub der Welt und haben die besten Anhänger der Welt. Ich werde alles dafür tun, dass wir bis zum Ende der Saison etwas gewinnen.“ Wenn das ernst gemeint ist, kann es sich nur um den Meistertitel oder die Champions League handeln.

          Zidane bei seiner offiziellen Vorstellung am Dienstag
          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Und wie man den gertenschlanken Dreiundvierzigjährigen so am Rednerpult stehen sah – gebräunt, makellos ganzschädelrasiert wie für die Rasierer-Werbung, so elegant wie Pep Guardiola, nur mit einem etwas kühneren Farbtupfer im hellblauen Jackett –, da wurde jedem Beobachter klar, dass dieser Verein in der Krise auf einen Erlöser wartet.

          Unter unglücklichem Stern

          Zidane, der französische Welt- und Europameister, der  in den Jahren 1998, 2000 und 2003 zum Weltfußballer gekürte und kultisch verehrte Ästhet des eleganten Offensivspiels, tritt die Nachfolge von Rafael Benítez an. Real-Boss Florentino Pérez entließ den Madrilenen, der sich so gefreut hatte, „im eigenen Haus“ trainieren zu dürfen, nach nur sieben Monaten und achtzehn Ligaspielen.

          Das Engagement hatte von Anfang an unter unglücklichem Stern gestanden. Ein Großteil der Spieler wollte Vorgänger Carlo Ancelotti, den künftigen Bayern-Coach, weiter auf der Bank sehen. Zu den früh gestörten persönlichen Beziehungen zu Benítez kamen die verheerende 0:4-Heimniederlage gegen den FC Barcelona, der Eindruck allgemeiner Pomadigkeit sowie das peinliche Ausscheiden in der Copa del Rey aufgrund eines Formfehlers. Obwohl Real als Drittplazierter in der Primera División den Meistertitel noch längst nicht abzuschreiben braucht, wirkt die Mannschaft unsortiert und in den wichtigen Matches nicht konkurrenzfähig.

          Ob die Real-Spieler Rodriguez (l.) und Cheryshev schon über den neuen Trainer lästern?

          Dass Benítez als Loser in die Geschichte der Real-Trainer eingehen wird, ist jedoch nicht allein seine Schuld, schließlich wusste letzten Sommer jeder, wen man verpflichtete: einen Strategen, der nicht immer den attraktivsten Fußball spielen lässt. Doch bei einem Verein namens „Real Florentino“, wie ihn die Zeitung „El País“ jetzt spöttisch nannte, ist alles auf die Politik des selbstherrlichen Präsidenten zugeschnitten.

          Den hochbezahlten Trainern – elf an der Zahl in nur zwölf Jahren Pérez-Regentschaft – bleibt nichts anderes übrig, als für die Fehler der Personalplanung geradezustehen und sich mit den Wünschen der Klubführung zu arrangieren. Dazu gehört seit längerem, wider jede fußballerische Vernunft mit einem 4-3-3-System zu spielen, damit Marketingwerte wie Cristiano Ronaldo und Gareth Bale – beide haben jeweils an die hundert Millionen Euro gekostet – zusammen aufs Feld laufen können. Weder Ancelotti noch seinem Nachfolger gelang es, das Problem zu lösen.

          Die Entlassung von Benítez, heißt es aus dem Real-Umfeld, soll schon vor Wochen beschlossene Sache gewesen und nur aus taktischen Gründen hinausgezögert worden sein. Dieselben Motive veranlassten die Klubführung offenbar bis vor wenigen Tagen, Zidane noch nicht zum Cheftrainer zu berufen. Denn der neue Mann – Schütze des sensationellen Volleykrachers, mit dem Real 2002 gegen Bayer Leverkusen die Champions League gewann – soll auf keinen Fall „verbrannt“ werden, indem er mitten in der Saison als Krisenbewältiger die Szene betritt. Genau das aber wird jetzt von ihm verlangt. Zidane soll die Fans, die seit Wochen die Absetzung des Präsidenten fordern, besänftigen. Jedem ist klar, dass die Erfolge schnell kommen und nachhaltig sein müssen.

          Andernfalls droht eine ähnliche Krise wie vor zehn Jahren, als Florentino Pérez – sinnigerweise in der letzten Profisaison des Spielers Zinédine Zidane – entnervt die Brocken hinwarf und sich mit dem bitteren Befund verabschiedete, er habe seinen Spielern zu viele Freiräume gelassen. Der Weltstar Zidane übt auch als Trainer magische Wirkung aus, zumindest in den Augen seines Förderers. „Er weiß besser als jeder andere, was es heißt, an der Spitze der ersten Mannschaft von Real Madrid zu stehen“, sagte Pérez jetzt über den hundertachtmaligen französischen Nationalspieler.

          Nüchtern betrachtet, ist die Aufgabe allerdings furchteinflößend. Ein einziges Jahr als Assistent von Carlo Ancelotti und anderthalb Jahre als Coach des Real-Nachwuchses Real Castilla, der in der dritten spanischen Liga kickt (Platz sechs in der letzten Saison): Das sind, selbst für einen genialen Sportler wie diesen, ziemlich karge Voraussetzungen für den Trainerstuhl des anspruchsvollsten Fußballvereins der Welt. Gegenthese: Auch Guardiola vollzog seinen kometenhaften Aufstieg als Newcomer. Die bessere Stimmung unter dem neuen Mann, der innige Beziehungen zu seinen Landsleuten Karim Benzema und Raphaël Varane pflegt, ist in der ersten Zeit garantiert, und nach Lage der Dinge darf man dafür schon dankbar sein. Ob mehr dabei herauskommt, ist ungewiss.

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