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Zenit St. Petersburg : Angriff der Kreml-Kicker

90 Millionen Euro, ein Anspruch: die beiden Zenit-Neuzugänge Hulk (links) und Axel Witsel Bild: AFP

Zenit St. Petersburg will in der Königsklasse hoch hinaus - dank der Millionen von Gasprom und bester Kontakte ins Machtzentrum der russischen Politik. Zwei neue Stars für 90 Millionen Euro stehen für das neue Anspruchsdenken.

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          Anfang September und damit kurz vor Ende der russischen Transferperiode schlug Zenit St. Petersburg zu und verpflichtete für angeblich 50 Millionen Euro den 26-jährigen Angreifer Hulk vom FC Porto, ein brasilianisches Muskelpaket mit dem Geburtsnamen Givanildo Vieira de Souza. Wenige Stunden später wurde der Kauf des 23-jährigen Mittelfeldspieler Axel Witsel bekannt.

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          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Von dem belgischen Nationalspieler dürften zuvor wahrscheinlich wenige gehört haben, umso erstaunlicher aber dessen Preis - angeblich 40 Millionen Euro. Für Hulk hatten sich wohl eine ganze Reihe von europäischen Klubs seit Jahren interessiert, aber offenbar war nur Zenit bereit, die erforderliche Summe aufzubringen. „Es ist besser, zwei Topspieler zu haben, als zehn durchschnittliche“, sagte Zenits General-Direktor Maxim Mitrofanow. Geld spielt offenbar keine Rolle in der Stadt an der Newa.

          Machtinstrument des Kremls

          Strukturen im Fußballbusiness sind solche der Macht, und das gilt wohl nirgendwo so sehr wie in Russland. Der russische Energie-Riese Gasprom wird immer wieder als halbstaatliches Unternehmen bezeichnet, aber er ist ein Machtinstrument des Kremls.

          Gasprom beteiligte sich zunächst 2005 an Zenit, seit 2007 hält er die Mehrheit daran, und seitdem ist der Klub erfolgreich: Im selben Jahr gewann er die russische Meisterschaft und 2008 den Uefa-Pokal - beides unter der Regie von Trainer Dick Advocaat. Ärger mit Gasprom über einen kurzzeitigen Sparkurs während der Wirtschaftskrise 2009 und über den Verkauf von Topspielern wie Andrei Arschawin, Anatoli Timoschtschuk und Pawel Pogrebniak führten schließlich zur Entlassung des Holländers.

          Für Portugal und Zenit im Einsatz: der hochgewachsene Abwehrspieler Bruno Alves

          Luciano Spalletti wurde sein Nachfolger und bekam von Gasprom wieder viel Geld an die Hand: 60 Millionen Euro kosteten der Portugiese Bruno Alves und der Italiener Domenico Criscito. Prompt gewann Zenit 2010 und 2012 wiederum die Meisterschaft. Damit brach der Klub aus St. Petersburg die langjährige Dominanz der Moskauer Vereine, aber ein Zufall ist das wohl nicht.

          Putin und Medwedjew wurden in St. Petersburg geboren und haben dort studiert, große Teile des Moskauer Machtzirkels stammen aus ihrem Petersburger Umfeld. Und Medwedjew, der heutige Ministerpräsident, frühere russische Premierminister und langjährige Aufsichtsratsvorsitzende von Gasprom, ist ein bekennender Zenit-Fan.

          Gasprom brachte Zenit den nationalen Erfolg, aber international wartet man weiterhin auf den großen Durchbruch. In der Champions League, deren Partner und Großsponsor Gasprom neuerdings ist, schaffte es Zenit zwar in der vergangenen Saison zum ersten Mal bis in die K.o.-Runde, doch im Achtelfinale war gegen Benfica Lissabon Schluss. An diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) steht nun das erste Gruppenspiel in der neuen Champions-League-Saison gegen den FC Malaga an. Die Generalprobe ging allerdings verloren. Im Spitzenspiel gab es ein 0:2 gegen Tabellenführer Terek Grosny.

          „Dukaten-Didi“ muss nicht mehr sparen: Der ehemalige Hamburger Dietmar Beiersdorfer ist Sportlicher Leiter bei Zenit

          Die beiden Neuzugänge sollen nun endlich den internationalen Erfolg bringen. „Hulk and Witsel sind die Sorte Spieler, die wir brauchen, um den Klub weiterzuentwickeln und auf die nächste Stufe zu bringen“, sagte Trainer Spalletti. Helfen soll dabei auch ein Deutscher: Dietmar Beiersdorfer. Der frühere Sportliche Leiter vom Hamburger SV und von Red Bull Salzburg ist seit August beim russischen Meister unter Vertrag. In Hamburg wurde Beiersdorfer einst „Dukaten-Didi“ genannt, weil er gerne Spieler für billiges Geld erstand und sie dann wieder teuer verkaufte.

          In St. Petersburg ist diese Art des Wirtschaftens nicht mehr gefragt. Am vergangenen Donnerstag erst traf Hulk in St. Petersburg ein, im Sweatshirt und mit großer dunkler Sonnenbrille. Er besichtigte das Klubgelände und nahm direkt an einem ersten Training im Udelnui Park teil - noch herrschen dort angenehme Temperaturen.

          „Chalk“ muss sich warm anziehen

          Doch auf Dauer muss sich der Brasilianer warm anziehen, denn in der nördlichsten Millionenstadt der Welt wird es frostig im Winter. Dann türmt sich das Eis auf der Newa bei 20 Grad unter null, und wegen der hohen Luftfeuchtigkeit wird jede Fortbewegung zur Tortur. „Ich weiß, dass es hier sehr kalt wird“, sagte „Chalk“, wie die Russen ihn nennen, am Donnerstag dem klubeigenen Fernsehsender. „Aber ich glaube, daran gewöhne ich mich“.

          Hulk (Mitte) wird sich durchsetzen müssen - gegen die harte Gangart in der Premjer Liga und die Vorurteile manches russischen Fans gegenüber Spielern mit dunkler Hautfarbe

          Stark gewöhnungsbedürftig könnte für ihn ebenso wie für den Neuzugang Witsel auch etwas Anderes werden: Russlands Fußball hat mit rechtsextremen Fans zu kämpfen, weitaus mehr noch als andere europäische Fußballligen - und beide Neuzugänge sind Spieler mit dunkler Hautfarbe, die normalerweise Zielscheibe von Beleidigungen im Stadion sind.

          „Die Fans mögen keine schwarzen Spieler“, hatte Dick Advocaat einmal über die Zenit-Anhänger gesagt, als er noch Trainer in St. Petersburg war. Wer einmal in der russischen Premier Liga ein Spiel verfolgt hat, der weiß, welche Stimmung in den Arenen herrscht: Bengalische Feuer werden gezündet, und unzählige Polizisten stehen in einer Kette um das Spielfeld - Auge in Auge mit den zum Teil pöbelnden Fans. Ein weiteres Problem ist die Infrastruktur: Viele Stadien sind marode und klein, auch wenn daran mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2018 in Russland gearbeitet wird.

          Neue Spielstätte für 67.000 Zuschauer

          Auch Zenit baut gerade eine neue Spielstätte, die einmal 67.000 Zuschauer fassen und Gasprom-Arena heißen soll. Die Eröffnung war ursprünglich für 2009 geplant, doch gebaut wird immer noch. „Eine Schande“, sagte Premierminister Medwedjew nach einer Baustellenbesichtigung. Zudem sind die Kosten selbst für russische Verhältnisse aus dem Ruder gelaufen: 1,1 Milliarden Dollar betragen sie mittlerweile. Für 2014 ist die Fertigstellung jetzt angesetzt, und bis dahin spielt Zenit weiterhin im 1925 erbauten Petrowski Stadion - vor 21.000 Zuschauern.

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