https://www.faz.net/-gtl-7krum

Yussuf aus Somalia : Fluchtpunkt Fußball

  • -Aktualisiert am

Begehrter Platz: Yussuf am Böllenfallstadion von Darmstadt 98 Bild: Wonge Bergmann

Yussuf, ein 18 Jahre alter Somalier, hat in der U 23 des Drittligavereins Darmstadt 98 so etwas wie eine Heimat im Sport gefunden - nach einer langen Flucht voller Gefahren, Entbehrungen und Grausamkeiten.

          Als Yussuf seine Geschichte erzählt, füllen sich seine Augen hin und wieder mit Tränen. Aber nie kommt eine heraus. Yussuf sitzt in der „Lilienschänke“, der Kneipe am Böllenfalltorstadion, in der sich die Fans des SV Darmstadt 98 gerne treffen. Er trägt einen Kapuzenpullover mit dem Wappen des Vereins und einen Fanschal. Mitglieder eines Fanklubs haben ihm die Sachen neulich geschenkt, als er im Fanblock das hessische Drittligaderby gegen Wehen Wiesbaden verfolgt hat.

          Yussuf ist 18 Jahre alt, könnte auf den ersten Blick aber auch 30 sein. „In Somalia bist du mit Anfang 20 schon alt. Das Leben dort macht das mit dir, weil es keine Zukunft gibt“, sagt Yussuf. Dass der Somalier nach seiner Flucht aus der Heimat, nach einer monatelangen Odyssee, im Asylbewerberheim in Alsbach-Sandwiese gelandet ist, hat viel mit Zufall zu tun - und noch mehr mit Zähigkeit und Überlebenswillen.

          Yussuf ist begeistert von den Rasenplätzen beim SV 98 und dass so viele Bälle bereitliegen, wenn er mit der U-23-Mannschaft der „Lilien“ trainiert. Er ist in diesem Jahr für die somalische Juniorennationalmannschaft am Ball gewesen. „Fußball“, sagt Yussuf, „ist alles für mich.“ Aber der Fußball ist auch der Auslöser seiner Flucht gewesen.

          Er könne all den Schrecken und das Leid, das er gesehen habe, gar nicht in Worte fassen, sagt er. Yussuf hofft, dass er in Südhessen bleiben kann. Die sofortige Abschiebung ist zumindest schon mal abgewendet. Nach Somalia wird niemand abgeschoben. Aber nach Italien, dem Land, wo Yussuf erstmals europäischen Boden betreten hat.

          „Über meinen Vater weiß ich nichts“

          Er hat in der Stadt Kismaayo gelebt, im Süden Somalias. Seitdem er zehn Jahre alt ist, sagt er, sei er auf sich allein gestellt. Seine Mutter und Geschwister leben als Nomaden, „über meinen Vater weiß ich nichts“. Mit vier Gleichaltrigen schlägt er sich durch, die fünf machen alles gemeinsam. Tagsüber arbeiten sie auf den staubigen Straßen als Schuhputzer, abends kicken sie mit einem aus Stofffetzen und Plastikmüll gebastelten Fußball.

          Er ist ein begabter Spieler. Englisch lernt er von den kenianischen Soldaten in der Stadt, für die die Kinder immer wieder kleine Jobs erledigen. Schießereien und Morde sind Alltag in dem vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg ruinierten ostafrikanischen Land. „Mein Bruder ist erschossen worden, als er einfach auf der Straße ging“, erzählt er. Die meisten Männer tragen eine Waffe. Clans und Milizen beherrschen das Land.

          Die Flagge vor Augen, die Hymne im Ohr

          Der Offensivspieler Yussuf wird über eine Empfehlung in die somalische Juniorennationalmannschaft berufen - für eine Länderspielreise nach Ruanda, Kenia und Tansania. 200 Dollar sei der Verdienst gewesen. Eine Menge Geld für Yussuf, der stolz auf die Nominierung ist. Doch ein Clan möchte seinen Platz im Team für einen der Seinen und bedroht Yussuf, die Reise nicht anzutreten.

          Er fährt dennoch. Das Nationaltrikot am Körper, die Flagge vor Augen, die Hymne im Ohr - „ich war sehr glücklich“. Auch wenn sie jedes Spiel hoch verloren. Die Mangelernährung vieler Spieler habe ihnen die Energie geraubt. „Unsere Gegner waren starke, fitte Jungs. Wir waren müde, wenn wir zweimal den Platz hoch- und runtergelaufen sind.“

          Yussuf hält sich an die Auslandssomalier

          Einem Mitspieler sei der Knöchel angebrochen, dennoch sei er gezwungen worden weiterzuspielen. Der kenianische Auswahltrainer habe kein Somali gesprochen und die meisten Spieler kein Englisch. Bis auf die aus England eingeflogenen Somalier. Auf dem Spielfeld habe Einigkeit geherrscht, nach Schlusspfiff aber habe jeder nur mit den Leuten seines Clans herumgehangen. Yussuf hält sich an die Auslandssomalier, die ihm von den Vorzügen eines Lebens in Europa erzählen. Von feinsten Rasenplätzen, auf denen es sich so viel besser spielen lasse als auf den Geröllfeldern, auf denen Yussuf kickt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.
          Haus an Haus: Bisweilen liegen Wunsch und Wirklichkeit zumindest räumlich sehr nah.

          Hohe Immobilienpreise : Vom Traumhaus zur Realität

          Die Suche nach Immobilien bringt immer mehr Stress mit sich. Doch vom freistehenden Einfamilienhaus träumen die meisten Deutschen. Und ein Eigenheim hat viele Vorteile.

          Erdölreserve : Was passiert, wenn das Öl knapp wird?

          Der Ölmarkt ist in einem Ausnahmezustand, doch Deutschland hält Reserven für den Notfall. Wann werden diese angezapft – und was bringt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.