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Xavi und Iniesta : Die leisen Herrscher von Barcelona

Der kleine Spieler mit dem traurigen Gesicht: Xavi beherrscht Ball und Raum Bild: REUTERS

Xavi Hernandez und Andrés Iniesta beherrschen fast unsichtbar Ball und Raum. Damit machten sie Spanien zum Europameister - und wollen mit Barcelona die Champions League gewinnen. Beim FC Chelsea müssen sie beweisen, dass sie auch schwere Brocken aus dem Weg räumen können.

          Die einen sind Stars und verhalten sich so. Sie führen das große Wort, fordern alle Bälle, und zeigen aller Welt ihren Ärger, wenn sie ausgewechselt werden. So einer war Ronaldinho. Die andere Sorte Star, die viel seltenere, wartet ab, bis ihre Umgebung ihren Wert erkennt und sich die Türen von selbst öffnen. Der FC Barcelona hat eine glückliche Hand mit diesem Spielerschlag, den Leisen, Demütigen, die noch dem Glauben anzuhängen scheinen, der Trainer wisse am besten, wo es langgeht.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Nicht ganz zufällig wird dieser kostbare Spielertypus nicht auf dem Transfermarkt eingekauft, sondern gedeiht in Barças phänomenaler Nachwuchsabteilung. Auch an Leo Messi, dessen Talent sofort ins Auge springt, lässt sich dieser pflegliche Umgang mit jungen Spielern belegen. Wohldosiert hat Frank Rijkaard ihn damals eingesetzt, um ihn an das Leben im Rampenlicht und den täglichen Verschleiß zu gewöhnen, und sein Nachfolger Pep Guardiola macht dort weiter.

          Xavi ist reines Medium für den Balltransport

          Weil die Dinge mit einer anfangs kaum sichtbaren Dynamik ablaufen, ist es nicht leicht zu bestimmen, wann denn die Herrschaft von Barcelonas Mittelfeld mit den Bannerträgern Xavi Hernández und Andrés Iniesta genau begann. Das große Publikum würde sagen: Bei der letzten Europameisterschaft, als Xavi - der unauffälligste Spieler, der je diese Auszeichnung erhielt - zum besten Akteur des Turniers gewählt wurde. Da hatten sich Spaniens feines Kombinationsspiel und überlegene Technik gegen alle durchgesetzt, die im Weg standen. Die großen Nationen sahen ein bisschen alt aus gegen diese moderne Auffassung, Fußball zu spielen.

          Dribbelstärke und überraschende Attacken vom linken Flügel: Andrés Iniesta hat in dieser Saison noch einmal einen Sprung nach vorn getan

          Denn Spaniens Geheimnisse sind zwei, und sie wurden der Spielphilosophie des FC Barcelona entlehnt: den Ball beherrschen, den Raum beherrschen. Beides praktiziert Xavi, der kleine Spieler mit dem traurigen Gesicht, zur Perfektion. Er selbst bleibt dabei fast unsichtbar, ist reines Medium für den Transport des Balls. Beim rauschenden 6:2-Sieg seiner Mannschaft gegen Real Madrid am vergangenen Samstag bereitete der Neunundzwanzigjährige nicht weniger als vier der sechs Tore vor. Beim letzten hatte er an der Madrider Strafraumgrenze drei Gegenspieler am Bein, deren er sich mit einer instinktiven Drehung um die eigene Achse entledigte. Der Raum war frei für Messi, der das Tor so locker wie im Training machte.

          Ronaldinho musste Iniesta weichen

          Sein Mittelfeldkollege Andrés Iniesta, vier Jahre jünger, hat in dieser Saison noch einmal einen Sprung nach vorn getan. Der erschlaffte Zauberer Ronaldinho musste weichen, damit der Mann aus Albacete seinen Platz bekam. Schon von weitem ist Iniesta auffällig, aber eher wegen einer physiognomischen Besonderheit: Sein Gesicht ist so blass wie das eines geschminkten Clowns. Im Auftreten ähnelt er dem bescheidenen, wortkargen Xavi. Nach Ronaldinhos Weggang hat er seine Dribbelstärke und die überraschenden Attacken auf dem linken Flügel kultiviert, so dass man ihn auch als Stürmer einsetzen kann, wenn die Umstände es erfordern. Was Spielintelligenz betrifft, ist Iniesta wohl das aufsehenerregendste spanische Talent der jüngeren Generation. Sein Blick für den freien Raum ist ebenso scharf wie der von Xavi, und weil er seine Offensivqualitäten gesteigert hat, ist er zur Alternative neben Messi, Eto'o und Henry geworden.

          Doch bei Barcelona ist es müßig, die einen über die anderen zu stellen. Als Team funktioniert die Mannschaft noch besser als beim Champions-League-Sieg vor drei Jahren, weil jeder seine Rolle kennt und Eskapaden nicht geduldet werden. Jetzt wäre nur noch zu beweisen, dass der Erfolgshunger auch die schweren Brocken aus dem Weg räumen kann. Die Schlüsselfrage vor dem Rückspiel an diesem Mittwoch beim FC Chelsea ist dieselbe wie vor den entscheidenden EM-Partien Spaniens: Findet der Gegner ein Mittel, diese Kreativkräfte im Mittelfeld zu deaktivieren? Xavi, Iniesta & Co. müssen beweisen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.

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