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„Wutprofi“ Tom Starke : „Endlich ist mal Leben in der Bude“

  • Aktualisiert am

Ballfänger und Lautsprecher: Tom Starke Bild: dapd

Der 30 Jahre alte Torwart und Wortführer unter den TSG-Spielern über seine Art der Kritik, fehlende Ansprechpartner im Verein, Hoffenheimer Kommunikationsprobleme und seine Rolle als „Wutprofi“.

          3 Min.

          Tom Starke ist Torhüter bei der TSG Hoffenheim. Und vor allem ein Profi mit eigener Meinung. Zuletzt hatte Starke für Aufsehen gesorgt, weil er deutliche Kritik an der Klubführung übte. Der 30 Jahre alte Schlussmann bemängelte „hausgemachte Unruhe“, fehlende Kommunikation, undurchsichtige Entscheidungswege und sah seinen Verein „wanken“. Nun spricht er nach fast zwei Wochen mit dem neuen Trainer Markus Babbel.

          Vor anderthalb Wochen haben Sie kurz vor der Entlassung von Trainer Holger Stanislawski mit deutlichen Worten zur Hoffenheimer Situation für Aufsehen gesorgt. Haben Sie sich nach dem Trainerwechsel zu Markus Babbel und den beiden Unentschieden in Bremen und gegen Mainz schon mit der neuen Situation arrangiert?

          Die klaren Worte waren sicher auch der Emotion geschuldet. Intern habe ich sie auch verwendet. Das war sicher nicht optimal in der Außendarstellung. Aber die Worte sind nun mal gefallen und ich denke auch, dass sie dazu beigetragen haben, dass die richtigen Schlüsse gezogen worden sind von den Verantwortlichen. Ich bin deshalb mittlerweile optimistischer.

          Die meisten anderen Spieler verstecken sich in einer solchen Situation. Warum haben Sie sich den Gang in die Öffentlichkeit angetan?

          Mir liegt der Verein am Herzen. Ich lebe sehr gerne hier im Kraichgau. Ich habe eine Familie mit zwei Kindern. Für mich passt das perfekt. Der Verein hat sehr viel Potential. Ich fühle mich hier superwohl. Umso mehr ärgert es mich, dass wir uns hausgemacht in solch eine Situation wie jetzt befördert haben. Mit meinen klaren Worten wollte ich dazu beitragen, dass wir uns wieder auf den Sport konzentrieren können. Ich will mit dem Klub ja auch noch was erreichen. Da hilft es nicht, wenn man Dinge totschweigt.

          Für Sie persönlich ist Hoffenheim der Höhepunkt Ihrer Karriere, wo sie sicher große Ziele hatten. Fühlen Sie sich um diese Ziele betrogen?

          Als ich herkam, gab es natürlich mit Trainer Rangnick und Manager Schindelmeiser noch ganz andere Ziele. Danach wurde die finanzielle Konsolidierung als Ziel ausgegeben. Da war mir schon klar, dass die Ziele nicht mehr aktuell sind. Trotzdem sehe ich das Potential, um nicht nur gegen den Abstieg zu spielen. Diese Gefahr besteht aber, wenn man so viele Fehler macht. Da schließe ich uns Spieler auch mit ein. Ich habe schon so viele Situationen in meinen vorherigen Klubs erlebt, dass ich da Erfahrung habe und mahnen muss.

          Muss ein Profi akzeptieren, von heute auf morgen mit einem neuen Trainer zu arbeiten, obwohl der alte beliebt war?

          Ja, das ist im Profigeschäft so. Sicher ist es aus persönlicher Sicht ein schwerer Verlust gewesen. Aber man muss auch festhalten, dass wir Spieler mit daran schuld waren und nun nicht sauer sein dürfen auf die Verantwortlichen. Wir haben das mit den Ergebnissen eben mit zu verantworten.

          Haben Sie in der Mannschaft Respekt erhalten für Ihren mutigen Gang nach außen?

          Das kann ich gar nicht beantworten. Ich gehe ja jetzt nicht auf meine Mitspieler zu und frage sie, ob sie das gut fanden, was ich gemacht habe, und ob sie sich dahinter verstecken können. Ich habe das aus dem Bauch raus gemacht. Ich soll einer der Köpfe der Mannschaft sein. Dann muss ich auch für sie einstehen. So verstehe ich meine Rolle. Vielleicht bringe ich andere damit aus der Schusslinie. Aber das hat nur dann Wert, wenn wir sportlich etwas zurückgeben.

          Haben Sie eigentlich am Tag nach Ihrer Fundamentalkritik auch mal Angst gehabt vor einer Strafe?

          Sicher war mir nicht klar, ob was passieren kann. Aber da wurde vieles vorher über die Medien ausgetragen anstatt sich mal an einen Tisch zu setzen. Ich sah die Notwendigkeit, zu äußern, dass sich Spieler, Manager, Präsident und auch Dietmar Hopp als Gesellschafter zusammensetzen und einen besseren Dialog pflegen.

          Wie kam das an?

          Sicher mag es sein, dass sich manche auf den Schlips getreten fühlten. Aber ich habe auch positives Feedback erhalten, beispielsweise auch von Herrn Hopp. Er sagte, dass der Zeitpunkt nicht der richtige war, aber dass der Inhalt meiner Kritik in weiten Teilen zutrifft. Er hat versprochen, dass er das Thema Kommunikation im Verein forcieren will.

          Sie kritisierten auch, dass Sie als Spieler nicht wüssten, wer im Verein eigentlich Entscheidungen trifft. Auch deshalb geisterten die Gerüchte herum, dass nicht der Sportliche Leiter Ernst Tanner, sondern Dietmar Hopp oder gar Bernhard Peters als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bei Stanislawski den Daumen gesenkt hätten. Sind Ihnen die Strukturen im Verein nun etwas klarer?

          Ernst Tanner ist Geschäftsführer und sportlicher Leiter und damit verantwortlich für Entscheidungen wie bei Holger Stanislawski. Unabhängig davon, dass uns niemand fragen muss: Wir Spieler hätten uns etwas mehr interne Kommunikation gewünscht. In den vergangenen zehn Tagen ist nun aber sehr viel Präsenz gezeigt worden von der Geschäftsführung und auch unserem Gesellschafter Hopp. Ich hoffe, dass das so weitergeht und nicht ein kurzes Intermezzo ist.

          Derzeit fließt viel Herzblut im Kraichgau. Haben Sie Hoffnung, dass die emotionalen Diskussionen auch unter den Fans dazu beitragen können, dass das Hoffenheimer Image des Retortenvereins etwas korrigiert wird?

          Genau das habe ich gerade auch zu meiner Frau gesagt. Der Auslöser war zwar nicht positiv. Aber endlich ist mal Leben in der Bude. Es wird mehr miteinander gesprochen, egal auf welcher Ebene. Andere Vereine haben das alles schon oft durchgemacht. Vielleicht braucht das Hoffenheim einfach auch einmal.

          Sie sagten nach der Niederlage gegen Fürth, dass ganz Deutschland über den Verein lacht. Konnten Sie mittlerweile auch mal wieder lachen?

          Wir hatten gerade im Pokal-Viertelfinale gegen einen Zweitligaklub verloren. Dann lacht eben ganz Deutschland über uns. Aber natürlich konnte auch ich inzwischen wieder öfter mal lachen.

          Das Gespräch führte Daniel Meuren.

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