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Reporter Herbert Zimmermann : Das Wunder am Mikrofon

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Ganz nah dran: Herbert Zimmermann (rechts) im Interview mit Bundestrainer Sepp Herberger (undatiertes Bild). Bild: Picture-Alliance

Herbert Zimmermann gab dem WM-Finale von 1954 eine legendäre Stimme. Die bewegte sogar die Weltmeister. Bei einem kullerten sogar die Tränen, nachdem er die Reportage gehört hatte.

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          Die Stimme von Bern bewegte sogar die Weltmeister. Als Helmut Rahn in Deutschland das erste Mal hörte, wie er am 4. Juli 1954 aus dem Hintergrund geschossen und zum 3:2 im Finale gegen Ungarn getroffen hatte, zum Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft, saß der Fußballer still in seinem Sessel: „Langsam kullerten mir die Tränen die Backen herunter. Ich schämte mich nicht. So war das also gewesen. So dramatisch! So überwältigend! Und ich hatte dabei sein dürfen.“ So der Bericht in seiner Autobiographie.

          Es gibt wohl kein Dokument, welches die Erinnerung an ein Sportereignis stärker geprägt hat als diese Hörfunk-Reportage von Herbert Zimmermann, der heute vor 100 Jahren, am 29. November 1917, in Alsdorf bei Aachen geboren wurde. Auch Film und Literatur zitierten Zimmermann. Regisseur Rainer Werner Fassbinder legte die Reportage in der langen Schlusssequenz von „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) auf die Tonspur. Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius widmete dieser Übertragung aus Bern mit „Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde“ 1994 eine grandiose Liebeserklärung.

          Bis heute ist diese Stimme aus Bern präsent – nicht nur als Träger der Erinnerung, sondern auch in der Werbung. Dabei kündete der Klang nicht nur von einem Fußballspiel. Es tönte ja gleichzeitig, wie der Fußballreporter Manni Breuckmann einmal formulierte, „von Ferne der Sound von Stuka, Führergeburtstag und Fliegeralarm“. Wie die Biographie des Reporters zeigt, war das kein Zufall. Zimmermann, aufgewachsen als Sohn eines Versicherungsvertreters in Aachen und Freiburg, im Krieg als Panzerkommandant an der Ostfront mit dem „Ritterkreuz“ hoch dekoriert, hatte sein Handwerk im Krieg bei Rolf Wernicke gelernt – jenem Star-Reporter des NS-Regimes, der mit viel Pathos die meisten „Führerreportagen“ im Großdeutschen Rundfunk gesprochen hatte, die Auftritte Adolf Hitlers bei Reichsparteitagen.

          Dieser Wochenschau-Sound verhinderte den steilen Aufstieg Zimmermanns nach 1945 nicht. Nach der britischen Gefangenschaft kam er, da seine Lebensgefährtin Auguste Reuß-Barth glänzende Kontakte besaß, 1946 beim Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg unter. Erste Karrierehöhepunkt waren die Einsätze 1948 bei den Olympischen Spielen in St. Moritz und in London. 1950 wurde er NWDR-Sportchef in Hamburg und damit einer der einflussreichsten Sportjournalisten in der noch jungen Bundesrepublik. Als bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki eine Schaltkonferenz zwischen den Sportarten organisiert wurde, übertrug Zimmermann diese Idee im September 1952 auf den Fußball und schrieb damit Sportfunkgeschichte.

          Zimmermann war außergewöhnlich vielseitig, er berichtete über Eiskunstlauf und Leichtathletik, über Tennis und Feldhandball. Aber als er am 16. Dezember 1966 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb, im Alter von 49 Jahren, erinnerte man sich natürlich in erster Linie an diese Verdienste als Radioreporter, mit dem Höhepunkt in Bern. „Wir alle schauten zu ihm auf und orientierten uns an ihm“, sagte der Kollege Rudi Michel bei der Trauerfeier in Hamburg, zu der auch prominente Sportler wie Uwe Seeler, Hein ten Hoff oder Gottfried Cramm kamen.

          Ein paar Monate zuvor, beim Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in London, ging jener Rudi Michel ebenfalls in das kollektive Gedächtnis des Fußballs ein, als er das berühmte „Wembley-Tor“ im Fernsehen kommentierte („Nein! Kein Tor! Oder doch?“). Dass Herbert Zimmermann nur wenige Meter daneben für den Hörfunk sprach, ist heute vergessen. So spiegelt sich in der Biographie Zimmermanns, der mit dem neuen Leitmedium Fernsehen nie so richtig warm wurde, auch ein Stück Mediengeschichte.

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