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Wortmanns WM-Film im Fernsehen : Im Bett mit Ballack

Filmkritik: Jürgen Klinsmann in "Deutschland. Ein Sommermärchen" Bild: FAZ.NET mit Material von Kinowelt

„Deutschland. Ein Sommermärchen“ - Sönke Wortmanns Film hat das Fanmeilengefühl in den Kinosaal übertragen. Der Regisseur vergibt viele Chancen. Und doch gelingt es dem Streifen, wunderbare Momente einzufangen. Heute abend läuft der Film im Fernsehen.

          Der Traum ist aus. Es ist totenstill. Jedes Räuspern wäre wie eine Explosion. Lahm hockt reglos auf der Massageliege, Ballack versteckt sein Gesicht hinter einem Handtuch, Lehmann starrt bleich ins Nichts, Bierhoff, der neben ihm sitzt und dessen Lippen schon zucken, wagt nicht, ihn anzusprechen. Das war der 4. Juli, kurz vor Mitternacht, und es ist der Auftakt von „Deutschland. Ein Sommermärchen“, dem Film, der im Kino ein großer Erfolg war und am heutigen Abend im Fernsehen läuft (ARD, 20.15 Uhr).

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sönke Wortmann hat gekämpft um diesen Film wie einer, der unbedingt noch in Klinsmanns Kader wollte. „Das Wunder von Bern“ sprach für ihn, und daß er vor 25 Jahren mit der Spielvereinigung Erkenschwick in die Zweite Bundesliga aufstieg, war auch kein Hindernis. Wortmann hatte ein Vorbild, „Les yeux dans les bleus“ von Stéphane Meunier, der Frankreich 1998 mit der Kamera zum Titel begleitete und dabei den besten aller Fußballfilme drehte.

          Wortmann hatte uneingeschränkten Zugang zur deutschen Nationalmannschaft, er durfte drehen, wo den Fernsehkameras die Türen vor der Nase zugeschlagen werden; er durfte erforschen, was das Geheimnis von Jürgen Klinsmann war, mit dem er jenseits des Managerfortbildungsvokabulars ein Team formte, und er zeigt, daß dieses Geheimnis ein Geheimnis bleibt, auch wenn die gesammelten Sprüche des Schwaben seit Tagen wie ein Mantra vom Boulevard abgedruckt werden (Siehe auch: Wie ein „Tierfilmer“ - Wortmann zeigt seinen WM-Film)

          Das Filmplakat

          Gefeierte Helden

          Doch kein Dokumentarfilm zeigt einfach, wie es ist; er vermittelt eine präzise Ahnung, wie es war, und während er dokumentiert, erzählt er zugleich eine Geschichte. Er drückt dem Material ein Muster auf, eine Handschrift, er macht das Scheitern tragischer, den Triumph feierlicher, und weil der Filmtitel sich nun mal auf Heinrich Heines berühmtes Gedicht beruft, darf man auch fragen, wie er das denn meint: als wahrgewordenes Märchen, als ironisch gefärbte Betrachtung oder als Epos von gescheiterten und am Ende doch gefeierten Helden? (Siehe auch: Trailer: „Deutschland. Ein Sommermärchen”).

          Es gibt wunderbare Momente, wenn Wortmann sich einmal Zeit läßt. Wenn die Kamera auf Klinsmanns Gesicht verweilt, nach der Ansprache vor dem Argentinien-Spiel: Da ist ein Anflug von Stolz, eine unruhige Mimik, als hielte nur die Anspannung ein glückliches Lächeln mühsam zurück; oder wenn Kahn nach dem Spiel um Platz drei in der Kabine vor dem Bildschirm verfolgt, wie Klinsmann von ihm spricht; wenn Philipp Lahm in den Katakomben des Berliner Olympiastadions die Fifa-Hymne mitpfeift wie ein Kind im Keller, und wenn Miroslav Klose einen titanischen Zweikampf mit der Friseurin im Hotel kämpft, deren Muttersprache leider Englisch ist.

          Fehler im Spielaufbau

          Doch Sönke Wortmann hat einen Fehler im Spielaufbau gemacht. Er hat den Psychologen, den Busfahrer, den Fitnesstrainer und zahlreiche Spieler in klassische Interviewsituationen genötigt und es für eine gute Idee gehalten, die Spieler zu befragen, während sie auf ihrem Hotelbett lagen. Zu sagen haben sie nicht viel, was völlig normal ist, aber die künstlich hergestellte Nähe des Interviews zerstört die Intimität, die der autorisierte Voyeur sonst buchstäblich im Vorbeigehen genießt. Statt es einfach laufen, statt aus den unscheinbaren, alltäglichen Dingen und der Dramatik der Spiele einen Sog entstehen zu lassen, wie Meunier es tat, greift Wortmann ein - wie das Fernsehen, das die Welt nach dem vermeintlichen Publikumsgeschmack arrangiert.

          Da wird auch der von Wortmann gewählte Vergleich mit dem Tierfilm schief: Ein Biber mag den Mann mit der Kamera irgendwann ignorieren; er wird deshalb aber kaum über die Feinheiten des Dammbaus dozieren. Und wenn Fußballer auch keine Biber, sondern Halbprofis im Umgang mit der Kamera sind, für die sie ihren Jubel auf dem Rasen inszenieren, weil es der Zuschauer im Oberrang ja gar nicht so genau sieht, dann agieren sie in ihrem „naturbelassenen“ Alltag doch, als wäre kein Fremder da.

          Spielzüge diskret stilisiert

          Mit den Spielszenen geht Wortmann umsichtiger um. Er zeigt ohne viel Aufhebens alle 14 Tore der deutschen Mannschaft und dazu die Elfmeter gegen Argentinien; er hat die Spielzüge diskret stilisiert, nur den WDR-Hörfunkommentar zu einigen Szenen, den hätte er sich sparen können. Der Kommentar kommt von außen, Wortmann dagegen ist mittendrin; er verdoppelt das ohnehin Sichtbare und nimmt so nicht nur den Bildern ihre Wirkung, sondern auch der Filmmusik, welche die Emotionen wortlos schüren soll. Das mögen alles nur Kleinigkeiten sein. Am Ende wirken sie wie lauter vergebene Chancen, weil Wortmann auch die privilegierte Position auf der Ersatzbank weitgehend ungenutzt läßt, aus der in Stéphane Meuniers Film einige der bewegendsten Bilder entstanden. Was dem „Sommermärchen“ fehlt, ist Timing: das Gefühl für die großen Momente, die dauern müssen, der Instinkt für das, was ersatzlos entfallen könnte.

          Wenn dieses Land in den vier WM-Wochen gelernt haben sollte, sich zu mögen, wie Sönke Wortmann meint, dann ist der Film die Probe auf diese fröhliche Selbsttherapie. Er ist so etwas wie der Versuch, das Fanmeilengefühl in die Kinosäle zu tragen: eine Erinnerungsbeschwörung und -verstärkung, die sich das neben dem Fußball mächtigste Kraftwerk der Gefühle sucht: das Kino. Das Kino macht die Dinge größer, es lädt die Augenblicke dramatisch auf und schafft damit eine Projektionsfläche, in der wir uns wiedererkennen können. Deshalb muß man sich dieses „Sommermärchen“ ansehen; aber wenn man genauer hinschaut, ist da ein merkwürdiger Anachronismus. Wortmann filmt die Klinsmann-Zeit so, wie man in der Völler-Ära Fußball spielte: viel in die Breite, oft zurück, zu zaghaft in die Spitze, nur aufs Ergebnis fixiert. Aber es sind nicht die Resultate, sagt Bierhoff im Film einmal, es sind die Menschen und die Momente, die in der Erinnerung zurückbleiben werden.

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