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Frauen-Trainer Ralf Kellermann : „Es wird mit demselben Ball gespielt“

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„Wir glauben, dass es im Sinne von Junior Malanda ist, dass wir hier sind“: Ralf Kellermann Bild: AFP

Er hat die Wolfsburger Frauen zweimal zum Champions-League-Triumph und zur Meisterschaft geführt und den DFB-Pokal geholt: Nun kann Ralf Kellermann den Ballon d’Or gewinnen. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Männer- und Frauenfußball.

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          Der Unfalltod des belgischen Profis Junior Malanda hat für Wolfsburgs Nationalspielerin Nadine Keßler und VfL-Frauencoach Ralf Kellermann die Teilnahme an der Weltfußballer-Gala in Zürich überschattet. „Es ist natürlich keine einfache Situation für den Verein und die Mitarbeiter. Wir sind in Wolfsburg wie eine große Familie. Wir haben lange überlegt, ob Nadine Kessler und ich an dieser Gala teilnehmen werden“, sagte Kellermann am Montag bei einer Pressekonferenz im Kongresshaus.

          Der Tod des 20 Jahre alten Mittelfeldspielers, der am Samstag bei einem Autounfall verunglückt war, sei „eine Tragödie und ein Schock“ für alle beim VfL Wolfsburg gewesen, berichtete Kellermann. Er zählte beim Ballon d’Or zu den drei Finalisten bei der Wahl zum Trainer des Jahres im Frauenfußball. Die 26 Jahre alte Keßler hoffte auf den Titel als Weltfußballerin. „Wir glauben, dass es im Sinne von Junior Malanda ist, dass wir hier sind“, erklärte Kellermann: „Wir sind gerne hier, aber es ist uns gerade nicht zum Feiern zumute.“ Das nachfolgende Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde vor Malandas Unfalltod geführt.

          Bei der Wahl zur Fußballspielerin und zum Fußballspieler des Jahres ergibt die Geschlechtertrennung Sinn. Warum muss das auch bei den Trainern getrennt nach Männer- und Frauenfußball ablaufen, wo es doch der gleiche Job ist?

          Wenn es anders wäre, wäre ich heute nicht in Zürich. So viel Realitätssinn habe ich schon. Das sind zwei sehr verschiedene Sachen. Für mich geht es nie um Vergleiche mit den Männern. Ich werte es stattdessen als ein sehr gutes Zeichen, dass ich als Vereinstrainer zum zweiten Mal bei der Ehrung dabei bin. Zuvor standen nur Verbandstrainer im Fokus der wahlberechtigten Trainer, Spielerinnen und Journalisten. Jetzt wird auch im Frauenbereich mehr auf den Vereinsfußball geschaut.

          Wäre es dennoch eine ideale Fußballwelt, wenn es eines Tages eine gemeinsame Trainerwahl gäbe und ein Frauentrainer dennoch eine Chance hätte?

          Wie gesagt: Für mich sind Männer- und Frauenfußball zwei verschiedene Sportarten.

          Sie sind zum zweiten Mal hintereinander unter den Top Drei bei der Wahl zum Welttrainer des Frauenfußball-Jahres und könnten nun zum Besten gekürt werden. Bekommen Sie mittlerweile auch schon Angebote aus dem Männerfußball?

          Selbst wenn ich die Wahl gewinnen sollte, wird sich mein Leben nicht radikal verändern. Ich habe auch keine Ambitionen, Wolfsburg zu verlassen. Trotzdem hoffe ich natürlich, die Wahl zu gewinnen, weil es eine ganz tolle Anerkennung für die Arbeit wäre, die wir alle in Wolfsburg im Frauenfußball leisten.

          In anderen Sportarten wie beispielsweise dem Hockey ist für Trainer, die im Frauenbereich sehr erfolgreich sind, der Aufstieg in den meist lukrativeren Männerbereich vorgezeichnet. Warum ist es fast undenkbar, dass Sie trotz ihrer Erfolge im Frauenfußball bei einem Bundesliga- oder Zweitligaklub der Männer gehandelt würden?

          Es ist tatsächlich so, dass man nicht mit Anfragen überhäuft wird. Aber das ist für mich kein Problem. Ich saß noch nie zu Hause und habe mir gesagt: Jetzt müsste doch mal ein vernünftiges Angebot aus dem Männerbereich kommen. Wenn ich den Weg in den Männer-Profifußball gehen wollte, müsste ich vermutlich die Schiene einschlagen, irgendwo als Assistent einzusteigen. Ich kann ja mal die Gegenfrage stellen: Würde ein Hauptverantwortlicher eines Männervereins das Risiko eingehen, einen Trainer einzustellen, der sieben Jahre bei den Frauen gearbeitet hat? Macht man sich da nicht zu angreifbar?

          Es gab schon Vereine wie Mainz 05 oder SC Freiburg, die vorherige Jugendtrainer mit Erfolg zum Chef berufen haben. In Frankreich trainiert jetzt eine ehemalige Nationalspielerin die Männer in Clermont-Ferrand. Warum also nicht?

          Zutrauen würde ich mir natürlich schon, im Männerbereich zu arbeiten. Dort wird auch mit demselben Ball gespielt. Aber ich müsste das ja erst mal wollen und dann auch entsprechend forcieren. Solange ich die Anerkennung für meine Arbeit so erhalte wie derzeit, möchte ich mich aber auch gar nicht anders orientieren.

          Solch eine Nominierung für die Wahl richtet den Fokus unweigerlich auf Sie und Wolfsburg. Was kann die Frauenfußballwelt von Ihnen lernen?

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