https://www.faz.net/-gtl-9sr3z

Wolfsburg-Trainer Glasner : Ein Österreicher mit Pfiff

  • -Aktualisiert am

Hat derzeit alles im Griff beim VfL: Wolfsburg-Trainer Oliver Glasner Bild: EPA

Trainer Oliver Glasner hat sich beim VfL Wolfsburg innerhalb von vier Monaten zum Vordenker etabliert. Mit ihm ist der Klub noch ungeschlagen, das kommt nicht von ungefähr. Nun steht eine große Herausforderung im DFB-Pokal an.

          3 Min.

          Seine Auftritte direkt an der Außenlinie sind eher selten. Das aggressive und öffentliche Poltern liegt ihm nicht. Falls Oliver Glasner aber doch einmal in das Spielgeschehen eingreifen will, ertönt ein kurzer, schriller Pfiff von ihm. Was viele Trainer im bezahlten Fußball aktionistisch versuchen, aber in lauten Stadien ihre Spieler gar nicht erreichen, hat bei diesem Mann eine verblüffende Wirkung. Sobald Glasner pfeift, drehen sich die Köpfe sämtlicher Profis des VfL Wolfsburg sofort in seine Richtung. Alle sind neugierig und im Empfangsmodus. Glasner hat sich innerhalb von vier Monaten zum Vordenker und Visionär der Niedersachsen etabliert. Mit ihm ist Wolfsburg in dieser Saison in drei Wettbewerben noch ungeschlagen. Von diesem Chefcoach lassen sich beim VfL derzeit fast alle gerne anpfeifen.

          DFB-Pokal

          Die Konkurrenz grübelt. Warum bloß ist der VfL Wolfsburg in dieser Saison so schwer zu bezwingen? Welches taktische Mittel hat Glasner gefunden, auf das der Rest der Liga immer noch keine Antwort gefunden hat? Das ambitionierte Team von RB Leipzig versucht an diesem Mittwoch (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und bei Sky) in der zweiten Runde des DFB-Pokals, eine gute Antwort auf solche Fragen zu finden. Es wird auf ein Kräftemessen mit einer Wolfsburger Mannschaft herauslaufen, das höchst unterschiedliche Ansätze offenbart.

          Die Leipziger versuchen sich konsequent an extrem schnellem und mutigem Offensivfußball. Die Wolfsburger gehen auf Anordnung von Glasner bisher deutlich risikoärmer vor. Sie bevorzugen ein auf Sicherheit bedachtes Passspiel mit gezielten Vorstößen. Ihre Abwehr gleicht einem Bollwerk. Und ganz plötzlich starten dann schnelle Außenspieler wie Felix Klaus oder Josip Brekalo Läufe in die Tiefe. „Es fehlen manchmal nur noch Kleinigkeiten. Ein neues Spielsystem braucht Zeit“, erklärt Klaus. Ihm leuchtet ein, was Glasner will und warum es den VfL Wolfsburg so erfolgreich macht. Also wird es gemacht.

          Noch nicht ganz ein Spitzenteam

          Sie wollten das so in Wolfsburg. Nach zwei Jahren mitten im Abstiegskampf fühlt sich eine Dreifachbelastung aus Bundesliga, Europa League und DFB-Pokal nicht wie eine schwere Last an, sondern sie macht Lust. „Alle drei Tage den Berg hoch, und das möglichst schnell – wir sind in einem Lernprozess“, sagt Geschäftsführer Jörg Schmadtke, der die Rückkehr des VfL Wolfsburg in den bundesweiten Fokus zu verantworten hat. Am Sonntag, bei einem biederen 0:0 im Heimspiel gegen den FC Augsburg, waren die „Wölfe“ vom Niveau einer echten Spitzenmannschaft noch ein ganzes Stück entfernt.

          Trotzdem sind sie die letzte verbliebene Mannschaft der Fußball-Bundesliga, die nach neun Spieltagen noch kein einziges Spiel verloren hat. Ihre merkwürdige Tordifferenz von 11:5 geht nicht als Beleg für Spektakel in Serie durch. Es dient aber als Hinweis darauf, dass Glasner ein Höchstmaß an Disziplin einfordert und bekommt. Bei Gefahr im Verzug schnell alle hinter den Ball: Dieses Verhaltensmuster hat der Österreicher seinem neuen Team beigebracht. Es füllt die Stadien nicht mit Ekstase, taugt aber dazu, den VfL Wolfsburg im Kreis der formstarken Vereine zu etablieren.

          Das bundesweite Staunen über diese imposante Serie ist zwar dezent vorhanden. Doch 13 Pflichtspiele in dieser Saison in Serie ohne Niederlage sind nicht automatisch mit einer hohen Wertschätzung für den VfL Wolfsburg verbunden. Borussia Mönchengladbach und der SC Freiburg werden als die Teams der Stunde wahrgenommen. In Wolfsburg trägt die nüchterne Art von Glasner dazu bei, dass der neue Ruhm des VfL eine Randnotiz bleibt. Dem Pokalspiel gegen RB Leipzig folgt am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) die Bundesliga-Begegnung bei Borussia Dortmund. Sollten Glasner und Co. danach wirklich weiterhin ungeschlagen sein, muss der Rest der Liga endgültig zur Kenntnis nehmen, das am Ufer des Mittellandkanals etwas Besonderes und sehr Leistungsfähiges zusammenwächst.

          Wer genauer hinsieht, merkt schnell, wie genau dieser Trainer hinsieht. Glasner lässt die Blutwerte seiner Mannschaft täglich überprüfen und kennt die Resultate. Als Mittelfeldspieler Xaver Schlager in diesen Tagen nach einer längeren Rehabilitations-Abwesenheit nach Wolfsburg zurückgekehrt ist, wusste Glasner erstaunlich schnell Bescheid, ob der im August gebrochene Knöchel seines Landsmanns wieder gewöhnliche Formen und Farben angenommen hat. Das Normale an Glasner ist das Besondere. Er beschäftigt sich detailliert mit seinen Profis, verzichtet auf jedes Tamtam und tritt wie einer auf, der in einer sportiven Variante der Erwachsenenbildung tätig ist.

          Dem Verein und dem Team bekommt diese Version eines leitenden Angestellten sehr gut. Die Frage, ob der VfL Wolfsburg, also der Meister von 2009, schon wieder ein Kandidat für den Titelkampf sein könnte, perlt an ihm ab. „Ganz Deutschland sehnt sich nach einem spannenderen Titelkampf. Aber das ist nicht unser großes Thema“, findet Glasner. „Wir stehen mit 17 Punkten in der Liga bestens da. Wir sind in allen Wettbewerben ungeschlagen. Das ist mir wichtiger als die Frage, ob der FC Bayern schlechter geworden ist.“

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Streit mit der Bild-Zeitung: Virologe Christian Drosten

          „Bild“ gegen Drosten : Wahrheit im Corona-Style

          Die Kampagne gegen den Virologen Drosten ist sachlich unbegründet, niveaulos und niederträchtig. Sie richtet sich gegen die Wissenschaft. Und damit ist weder der Gesellschaft noch der Politik gedient.
          Lachen für die Kameras: Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Chef Herbert Diess (rechts) im Oktober 2019 in Wolfsburg

          Osterloh gegen Diess : Das System VW schlägt zurück

          Betriebsratschef Bernd Osterloh wagt den Machtkampf mit VW-Chef Herbert Diess. Hauptkritikpunkte: Sein Führungsstil und die vielen technischen Pannen im Unternehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.